Corona

    Analyse und Eckpunkte zur Exit-Strategie

    Corona-Exit

    Wirtschaft: Lieber nachhaltig als (zu) schnell wieder hochfahren

    Wirtschaften in Zeiten von Corona

    Berlin, 14. April 2020 – Nicht nur aus gesundheitspolitischer Perspektive, sondern auch aus ökonomischer Sicht sollte die Lockerung der Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie auf keinen Fall übereilt erfolgen, sondern in gut vorbereiteten Schritten. Das raten die Wissenschaftler*innen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Eine vorschnelle Aufhebung der bisherigen Beschränkungen könnte zur Folge haben, dass die Corona-Infektionen erneut emporschössen, die Kontaktbeschränkungen erneut verschärft werden müssten und es am Ende zu längeren – und damit ökonomisch kostspieligeren – Einschränkungen komme. Die Schritte zu einer Lockerung müssten zudem unbedingt mit genug Vorlauf kommuniziert werden. So das Ergebnis einer neuen Kurzstudie IMK.

    „Wenn jetzt für zwei Wochen alles wiedereröffnet wird, um dann wieder für zwei Monate schließen zu müssen, ist nichts gewonnen.“

    Sebastian Dullien, der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung

    „Es ist wichtiger, dass die Kontaktbeschränkungen nachhaltig gelockert werden, als dass sie schnell gelockert werden“, sagt Sebastian Dullien, der Wissenschaftliche Direktor des IMK. Die Kosten der Kontaktbeschränkungen stiegen zwar mit einem Andauern über Anfang Mai hinaus überproportional, weil die Gefahr wachse, dass es zu Unternehmenspleiten und in der Folge zu steigender und sich verfestigender Arbeitslosigkeit komme. Jeder Monat, den die Kontakteinschränkungen unverändert fortgesetzt werden müssten, koste laut Schätzung der Forscher etwa einen Prozentpunkt Wachstum – zusätzlich zu den vier Prozent Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), mit denen das IMK für 2020 jetzt schon rechnet. Aber das Risiko eines anhaltenden Stop-and-Gos mit erneuten flächendeckenden Schließungen von Schulen, im Einzelhandel und in der Gastronomie wiege schwer, sagt Dullien. „Am Ende zählt die Gesamtdauer der Betriebsunterbrechungen. Wenn jetzt für zwei Wochen alles wiedereröffnet wird, um dann wieder für zwei Monate schließen zu müssen, ist nichts gewonnen“, so der Ökonom. Grobe Simulationsrechnungen des IMK mit verbreiteten epidemiologischen Modellen zeigen, dass sich nach einer Lockerung innerhalb von wenigen Wochen wieder ein exponentielles Infektionswachstum einstellen könnte, wenn nicht gleichzeitig die Reproduktionsrate deutlich und nachhaltig gesenkt werde. 

    Wichtig ist deshalb laut IMK eine intelligente Strategie der Öffnung. Die Eckpunkte dafür müssten in den allernächsten Tagen klar und praktisch umsetzbar kommuniziert werden, wenn eine Lockerung ab Anfang Mai beginnen soll. Folgende Punkte und Schritte sind laut der Studie zu beachten:

    • Wichtig sei im ersten Schritt die rasche Kommunikation und Umsetzung von Infektionsschutz und Abstandsregeln in Kitas, Schulen, Einzelhandel und Gastronomie. „Den Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen muss klarer als bisher gesagt werden, was ab wann auf sie zukommt“, sagt Dullien. Dazu gehöre neben Vorgaben zu absehbar notwendigen Umbauten und Hygiene-Vorschriften zur Wiedereröffnung ebenso ein klares Statement, dass es keine schnelle Rückkehr zum alten Status-Quo geben werde und bestimmte Einschränkungen, etwa bei Großveranstaltungen, absehbar noch längere Zeit bestehen bleiben werden.

    • In Schulen und Kitas sollte, soweit möglich, durch Separation und Aufteilung bestimmter Gruppen zunächst ein teilweiser Betrieb wieder aufgenommen werden (etwa: Jede Klasse hat nur noch jeden zweiten Tag Unterricht bei klarer räumlicher Trennung von Klassen). Soweit dem mangelnde Infrastruktur (wie knappe sanitäre Einrichtungen) im Wege steht, sollten schnell und unbürokratisch Provisorien geschaffen werden. In Geschäften und Dienstleistungsbetrieben sollte generell mit Trennwänden und, je nach Größe, zunächst mit Einlassbeschränkungen gearbeitet werden, empfiehlt das IMK.

    • Sobald die Verfügbarkeit von einfachem Mund-Nasen-Schutz gegeben ist, sollte überprüft werden, inwieweit eine generelle Pflicht zum Tragen dieser einfachen Masken auf öffentlichen Wegen die Infektionsverbreitung begrenzen könnte. Solange es akute Beschränkungen der verfügbaren Ressourcen gibt (etwa bei Atemmasken), ist ein schnelles Hochfahren der heimischen Produktion sinnvoll und sollte von der Regierung durch Großbestellungen und langjährige Lieferverträge gefördert werden.

    • Große Bedeutung werden nach Einschätzung des IMK auch deutlich ausgeweitete Testkapazitäten und möglichst flächendeckende Möglichkeiten zum Tracking und zur effektiven Information von Kontaktpersonen nach Infektionen haben. Die Nutzung von Handy-Apps sollte daher geprüft werden, allerdings aufgrund von Datenschutzüberlegungen möglichst ohne zentrale Speicherung von Kontakt- oder Bewegungsprofilen und zeitlich begrenzt. Denkbar wäre hier auch, den Zugang zu bestimmten Einrichtungen, wie etwa Restaurants, zunächst für jene zu lockern, die nachweisen, eine Handy-App zu nutzen oder bereit sind, ihre Kontaktdaten zu hinterlassen.

    • Nachgedacht werden solle auch darüber, in bestimmten Städten, Landkreisen und Regionen mit niedrigen Infektionsraten bei der Wiedereröffnung von Gastronomie, Einzelhandel sowie Schulen und Kitas voranzuschreiten, solange sichergestellt werde, dass nur Ortsansässige das Angebot nutzten. Zudem sollte natürlich auch in diesen Gebieten das Abstandsgebot weiter gelten.

    • Schließlich sollte darauf vorbereitet werden, dass eine erneute, graduelle Verschärfung der Kontaktbeschränkungen notwendig werden könnte. Hier sollten insbesondere an den Schulen – auch nach einer (teilweisen) Öffnung – Verbesserungen in der digitalen Infrastruktur vorangetrieben werden. Zentral ist hier laut IMK etwa die Versorgung insbesondere wirtschaftlich benachteiligter Kinder und Jugendlicher mit Laptops oder Tablets sowie den dafür notwendigen Internetzugängen.

    ARBEIT - ver.di Bundeskongress 2015, Leipzig, 24.09.2015 Karsten Thielker Sicherheit und Gesundheit gehen vor, beides muss in der Exit-Strategie aus dem Corona-Lockdown mitgedacht werden


    Auch die Stabilisierung der europäischen Nachbarländer ist absolut notwendig

    Auch wenn in der Öffentlichkeit derzeit die Kontaktbeschränkungen und Schließungen oft als zentrale Ursache der Wirtschaftskrise in Deutschland wahrgenommen würden, sollte nach Ansicht der Forscher in der Debatte beachtet werden, dass der überwiegende Teil des zu erwarteten Einbruchs beim BIP im laufenden Jahr von Schwierigkeiten im Verarbeitenden Gewerbe herrührt, wie einem Rückgang der Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten im In- und Ausland sowie Störungen in den grenzüberschreitenden Lieferketten. Anders als in einigen anderen europäischen Ländern wie Italien oder Spanien ist in Deutschland dem verarbeitenden Gewerbe allgemein nicht der Betrieb untersagt, und es sei damit von den Kontaktbeschränkungen meist nur indirekt betroffen. Auch die Bauindustrie unterliege keinen besonderen Beschränkungen, leide aber zunehmend an dem Wegbleiben von Arbeitskräften aus dem EU-Ausland.

    Eine zügige Aufhebung der Kontaktbeschränkungen sei deshalb zwar sehr wichtig für die deutsche Wirtschaftserholung, aber alleine nicht entscheidend für die Frage, wie gut die deutsche Volkswirtschaft durch die Krise komme. Schließlich trügen die derzeit besonders betroffenen Sektoren Gastronomie und Gastgewerbe, Non-Food-Einzelhandel, Kultur sowie die Freizeitwirtschaft direkt rund 7 Prozent zum nationalen BIP bei, während der Anteil des Produzierenden Gewerbes ohne Bau bei rund 24 Prozent liegt. „Mindestens ebenso wichtig ist, dass grenzüberschreitende Lieferketten reaktiviert und die Weltwirtschaft stabilisiert wird“, sagt der leitende Direktor des IMK. Auf europäischer Ebene sei deshalb mehr Flexibilität der Bundesregierung in Fragen der sogenannten Corona-Bonds gefragt, um gleichzeitig eine koordinierte Stabilisierung des grenzüberschreitenden Handels mit den EU-Partnern zu erreichen. Weltweit sei nach Dulliens Analyse darüber hinaus eine enge Abstimmung der G7- beziehungsweise G8-Staaten oder auf der Ebene der G20-Staaten, also der global wichtigsten Wirtschaftsmächte, notwendig.