Arbeit in Zeiten von Corona

    Voll am Boden

    Luftverkehr

    „Für Menschen mit Familien ist Kurzarbeit echt bitter“

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    „Es gibt ein Leben mit Corona, in dem wir überleben müssen als Beschäftigte. Und es gibt ein Leben nach Corona, in dem wir als Beschäftigte weiterhin arbeiten und unsere Dienstleistungen anbieten wollen“, heißt es in einem Hilferuf von Beschäftigten der Bodenverkehrsdienste am Flughafen Hannover-Langenhagen. Dort sowie an allen anderen Flughäfen in Deutschland ist der Flugverkehr nahezu zum Erliegen gekommen, und das hat massive Auswirkungen auf die Beschäftigten an den Flughäfen. Betroffen sind zum Beispiel die Crews der Airlines, aber vor allem auch sämtliche Beschäftigte der sogenannten Bodenverkehrsdienste. Sie alle werden nun über Monate in die Kurzarbeit geschickt, mit teils existentiellen Folgen.

    Be- und entladen – Beschäftigte der Bodenverkehrsdienste an den Flughäfen leisten Schwerstarbeit Foto: Bernd Hartung Be- und entladen – Beschäftigte der Bodenverkehrsdienste an den Flughäfen leisten Schwerstarbeit


    Corona hat alles lahmgelegt

    Bastian Ruchotzke, 25 Jahre, Servicekaufmann für Luftverkehr beim Bodenverkehrsdienstleister Aviation Handling Service (AHS) Köln Foto: privat Bastian Ruchotzke, 25 Jahre, Servicekaufmann für Luftverkehr beim Bodenverkehrsdienstleister Aviation Handling Service (AHS) Köln

    26. März 2020 – „Wir gehören zur Ground Staff und kümmern uns für die Airlines um die Passagierabfertigung. Im Januar 2019 habe ich meine Ausbildung als Servicekaufmann für Luftverkehr abgeschlossen. Seither arbeite ich abwechselnd zwei Wochen für die Passagierabfertigung und zwei Wochen für die Flugzeugabfertigung. In der Passagierabfertigung bin ich Ansprechpartner für die Passagiere, ich checke sie ein, berechne Übergepäck, bin beim Boarding dabei oder bei den Passkontrollen am Einstieg. Je nachdem, womit die Airlines uns beauftragen. Hauptsächlich arbeiten wir für Eurowings, aber auch für andere Airlines. Wenn ich für Vorfeldarbeiten eingeteilt bin, dann koordiniere ich mit anderen Dienstleistern zusammen die Abläufe dort, vom Tanken bis zum Briefing der Crew oder Verladen des Gepäcks, das heißt alles um den Flieger herum.

    Eigentlich sollte es nach dem Ende des reduzierten Winterflugplans jetzt wieder so richtig losgehen. Doch nun ist Stillstand. Für viele Kolleginnen und Kollegen ist das sehr schwierig. Ich bin in Vollzeit beschäftigt. Meine Stunden werden aufs Jahr verteilt. Doch etliche bei uns arbeiten in Teilzeit. Das heißt, sie verdienen sowieso schon wenig und sind darauf angewiesen, jetzt endlich wieder mehr Stunden arbeiten zu können. Nun ist das Gegenteil passiert. Corona hat alles lahmgelegt. Schon in den Tagen davor war die Stimmung sehr merkwürdig und bedrückend. Teilweise gingen Flugzeuge mit nur noch einem Passagier raus. Zurück kamen volle Maschinen von den Urlaubsinseln. Und inzwischen herrscht bei uns Stillstand.

    „Wenn Corona vorbei ist und wieder geflogen wird, dann werden wir von den Bodenverkehrsdiensten auch wieder gebraucht. Aber billig ist keine Dauerlösung. Deshalb setze ich mich weiterhin bei Tarifverhandlungen in der ver.di-Tarifkommission für bessere Löhne ein.“

    Bastian Ruchotzke, Servicekaufmann für Luftverkehr

    Der Flughafen hat sich vor vielen Jahren entschieden, unsere Arbeiten auszulagern und dadurch billiger anzubieten. Das geht jetzt an die Existenz der Menschen. Unsere Firma zahlt sowieso schon wenig. Aber mit 60 Prozent Kurzarbeitergeld reicht es vorne und hinten nicht mehr. Auch ich werde jeden Euro umdrehen müssen, obwohl ich von Vollzeit auf Kurzarbeit falle. Aber wie soll das für jemanden mit Teilzeit funktionieren? Schätzungsweise 900 Euro wird mein Kurzarbeitergeld netto sein. Ich wohne in einer Wohngemeinschaft in Bonn und zahle 500 Euro Miete. Bleiben noch 400 Euro zum Leben. Doch für Menschen mit Familien ist Kurzarbeit echt bitter. Die Politik muss jetzt sofort reagieren und eine Lösung finden.

    Wie sich das Virus auf meinen Körper auswirken würde, kann ich nicht wissen. Ich bin jung und gesund und gehe vom Besten aus. Noch bis vor kurzem haben wir alle komplett ohne Schutz gearbeitet. Wir könnten uns also angesteckt haben. Deshalb bin ich anderen gegenüber sehr vorsichtig und vorerst komplett isoliert. Wenn Corona vorbei ist und wieder geflogen wird, dann werden wir von den Bodenverkehrsdiensten auch wieder gebraucht. Aber billig ist keine Dauerlösung. Deshalb setze ich mich weiterhin bei Tarifverhandlungen in der ver.di-Tarifkommission für bessere Löhne ein.“

     

    • Hilferuf des Bodenpersonals aus Hannover

    Die Betriebsräte der Aviation Handling Services (AHS) am Flughafen Hannover-Langenhagen haben sich bereits am 24. März 2020 mit einem dramatischen Appell an die Eigentümer des Flughafens gewendet. Nachdem der Luftverkehr in Hannover nahezu vollständig zum Erliegen gekommen ist, sollen die 200 Beschäftigten von April bis Juni in Kurzarbeit gehen. Für einen großen Teil der Beschäftigten, die ohnehin im Niedriglohnbereich arbeiten, bedeuten die vorgesehenen 60 Prozent Kurzarbeitergeld, dass sie auf Hartz-IV-Niveau kommen werden. In ihrem Brief an das Land Niedersachsen, die Stadt Hannover und an den Flughafen fordern die Beschäftigten eine Aufstockung auf 90 Prozent.

    Die Muttergesellschaften der AHS hätten für ihre Beschäftigten gute Aufstockungsregelungen abgeschlossen. Der Betriebsrat der AHS sieht nun die Eigentümer des Flughafens Hannover-Langenhagen in der Pflicht, auch für sie Verantwortung zu übernehmen. „Helfen Sie uns, unsere Miete zu zahlen. Helfen Sie uns, die AHS zu erhalten. Es gibt ein Leben mit Corona, in dem wir überleben müssen als Beschäftigte. Und es gibt ein Leben nach Corona, in dem wir als Beschäftigte weiterhin bei der AHS arbeiten und unsere Dienstleistungen anbieten wollen“, heißt es in dem Hilferuf.

    Text: Marion Lühring