Arbeit in Zeiten von Corona

    Anzeigengeschäft wie der Flugverkehr am Boden

    Medien

    Die Recherche ist aufwendiger

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    ARD und ZDF sind in der Corona-Krise wieder ganz wichtige Medien geworden, generell der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Nachrichtensendungen. In Krisenzeiten suchen die Menschen nach verlässlichen Informationen. Und dafür stehen noch immer die klassischen Medien Fernsehen und Radio. Und natürlich auch die großen Tageszeitungen. Doch in der Krise beantragen auch immer mehr Medienunternehmen Kurzarbeit, um einen Stellenabbau zu vermeiden. Ihr Anzeigengeschäft ist wie der Flugverkehr nahezu zum Erliegen gekommen. Nach der Süddeutschen Medienholding hat deswegen inzwischen auch die Funke Mediengruppe Hilfen bei der Bundesagentur für Arbeit beantragt. Der Spiegel hat sich ein millionenschweres Sparprogramm auferlegt, Kündigungen seien kurzfristig nicht geplant. Doch wie wird es langfristig sein? Schon jetzt sind es vor allem die kleineren Lokalzeitungen, denen das Aus droht.

    Die Lücken in der Medienlandschaft werden nicht in der Bundespressekonferenz Corona-bedingt größer Foto: DPA Die Lücken in der Medienlandschaft werden nicht in der Bundespressekonferenz Corona-bedingt größer


    Die Recherche ist aufwendiger

    Peter Freitag, 54, ist Redakteur bei der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft am Standort Siegburg. Sie liefert lokale Inhalte aus dem Umland für die Kölnische Rundschau und den Kölner Stadt-Anzeiger. Die Verlage DuMont Schauberg und Heinen hatten das Tochterunternehmen 2014 gegründet. Murat Tueremis Peter Freitag, 54, ist Redakteur bei der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft am Standort Siegburg

    30. April 2020 – „Ein Großteil dessen, was wir normalerweise berichten, fällt derzeit weg. Die politischen Gremien fassen nur noch dringliche Beschlüsse im Umlaufverfahren, alles andere wird später nachgeholt. Auch Termine für unsere Berichterstattung fallen weg. Sind es sonst acht bis zehn täglich, freuen wir uns derzeit über ein bis zwei. Lokaljournalismus lebt davon, Leute zu treffen. Jetzt muss ich viel mehr telefonieren. Treffen finden höchstens noch in Ausnahmefällen statt, und wenn dann meist draußen, auf Abstand, mit weniger Beteiligten.

    Auch viele unserer Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen sind im Home Office, da erfordert es auch mehr Zeit, bis man herausgefunden hat, wie man sie erreichen kann. Pressekonferenzen wie die tägliche des Landrats zur Corona-Lage finden als Telefonkonferenzen statt.

    „Da viele Termine wegfallen, müssen wir überlegen, worüber wir jetzt berichten. Themen, die sich anbieten? Leute, die sich jetzt besonders engagieren, oder Geschäftsleute, die vor wirtschaftlichen Problemen stehen.“

    Da viele Termine wegfallen, müssen wir überlegen, worüber wir jetzt berichten. Themen, die sich anbieten? Leute, die sich jetzt besonders engagieren, oder Geschäftsleute, die vor wirtschaftlichen Problemen stehen. Auch hinter diesen Themen steckt ganz viel Arbeit, die man nicht sieht. Die Recherche ist durch die äußeren Umstände aufwändiger, und es kommt immer wieder vor, dass aus an-recherchierten Ideen doch kein Artikel entsteht.

    Nur diejenigen unter uns, die Seiten produzieren, kommen zurzeit noch in die Redaktion, alle anderen arbeiten im Home Office. Das ist ungewohnt, die technische Ausstattung dafür haben wir inzwischen, es läuft aber nicht alles so unkompliziert wie in der Redaktion. Ich hatte Glück und habe ein Redaktionslaptop bekommen. Allerdings ist das sehr langsam, ich verbringe viel Zeit mit Warten. Außerdem führt das Home Office zu einer Entgrenzung von Berufs- und Privatleben. Jetzt, wo der Dienstrechner hier zu Hause steht, ist es verlockend, auch abends noch mal schnell in die E-Mails zu schauen.

    „Allein wenn man unsere täglichen Ausgaben anfasst, spürt man, dass sie dünner sind als üblich. Das Blatt wurde umstrukturiert, zirka 25 bis 30 Prozent ist der Umfang geringer. Das bedeutet aber nicht, dass wir weniger Arbeit haben.“

    Als Betriebsrat haben wir zuletzt Verhandlungen zur Kurzarbeit geführt. Der Arbeitgeber fordert das als Reaktion auf wegfallende Anzeigen. Allein wenn man unsere täglichen Ausgaben anfasst, spürt man, dass sie dünner sind als üblich – zumindest von Montag bis Freitag. Das Blatt wurde umstrukturiert, zirka 25 bis 30 Prozent ist der Umfang geringer. Das bedeutet aber nicht, dass wir weniger Arbeit haben. Außerdem kommen die Anzeigen jetzt langsam wieder. In Nordrhein-Westfalen dürfen die Möbelhändler wieder öffnen, das spürt man sofort am Anzeigenaufkommen.

    Derzeit geht es darum, dass alle in der Kurzarbeit einen Tag in der Woche weniger arbeiten sollen. Der Arbeitgeber stockt das Kurzarbeitergeld für diesen Tag auf 80 Prozent auf. Das wäre für uns vertretbar. Dennoch sind die Verhandlungen sehr zäh. Unsere Gechäftsführung wollte zum Beispiel, dass die Redaktionssekretärinnen nur noch 50 Prozent arbeiten. Dem konnten wir nicht zustimmen.“

    Anmerkung: Die Rheinische Redaktionsgemeinschaft liefert lokale Inhalte aus dem Umland für die Kölnische Rundschau und den Kölner Stadt-Anzeiger. Die Verlage DuMont Schauberg und Heinen hatten das Tochterunternehmen 2014 gegründet.

    Protokoll: Heike Langenberg


    Es wird im Moment auch sehr viel Mist erzählt

    Manfred Kloiber, 57, ist freier Rundfunkjournalist Foto: privat Manfred Kloiber, 57, ist freier Rundfunkjournalist

    14. April 2020 – „Ich bin Redakteur am Mikrofon der Sendung ,Computer und Kommunikation' beim Deutschlandfunk. Sie läuft unverändert jeden Samstag um 16:30 Uhr. Mit Themen wie Digitalisierung im Gesundheitswesen oder Überwachung durch Tracking haben wir uns da schon immer beschäftigt. Das wird jetzt durch Corona massiv befördert, zum Beispiel durch Vorhaben, die Pandemie durch die Erfassung von Daten über Apps einzudämmen. Allerdings stelle ich auch fest, dass sich die Diskussion total verändert hat. Selbst sehr datenkritische Leute sind auf einmal bereit, den Datenschutz hintanzustellen, zu Gunsten der Gesundheit.

    Es wird im Moment aber auch sehr viel Mist erzählt. Viele Leute versuchen mitzureden, die fachlich aber keine Ahnung haben, Journalisten führen Interviews, aber das dezidierte Fachwissen fehlt oft. Der Trend geht im Rundfunk eh dahin, dass mehr Interviews gesendet werden statt fachlich recherchierte Beiträge. Das ist dann mehr Meinung und weniger Hintergrund.

    „Hören ist wieder total in, denn in Podcasts kann man sich die Sendungen ja zu einem beliebigen Zeitpunkt anhören.“

    Über Resonanz auf meine Sendung kann ich auch derzeit nicht klagen. Die Leute haben jetzt mehr Zeit für den Medienkonsum. Außerdem ist Hören wieder total in, denn in Podcasts kann man sich die Sendungen ja zu einem beliebigen Zeitpunkt anhören. Der Deutschlandfunk wird als vertrauenswürdiger Sender wahrgenommen, der eine ordentliche Qualität bietet. Und er hat übrigens ein Corona-Experten-Team, das sich auf die medizinischen Aspekte der Pandemie spezialisiert hat.

    Ich bin Vorsitzender der ver.di-Fachgruppe Rundfunk. Innerhalb der ARD hat jeder Sender einen Auffangplan für die Freien gemacht, in ganz unterschiedlicher Form. Die muss man sich im Einzelnen ansehen, das sind aber im Großen und Ganzen gute Regelungen. Bei ARD und ZDF sind die meisten Freien ohnehin durch einen Tarifvertrag geschützt. Das ist ein großer Unterschied, da zeigt sich auch jetzt, wie wichtig Tarifverträge für arbeitnehmerähnlich Beschäftigte sind. In so einer Krise sieht man, was das dieser Schutz wert ist. Schlechter sieht es sicherlich beim privaten Rundfunk aus, ebenso wie bei Produktionsgesellschaften, die auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten. Da gibt es Firmen, die stehen jetzt vor dem Nichts und mit ihnen die Freien, die sonst für sie arbeiten. Das ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

    Die Programme werden derzeit umgestellt auf weniger Unterhaltung und mehr Informationen, das ist in der Regel einfacher produziertes Programm, das die Sender meist selbst herstellen. Es werden auch mehr Wiederholungen gesendet. Dreharbeiten zu Filmen und Serien können nicht stattfinden.

    Für mich ist das Recherchieren im Moment sogar fast etwas leichter geworden. Die Interviewpartner sind meist zu Hause und haben mehr Zeit. Aber das kommt auf die Themen an, über die die Kolleginnen und Kollegen berichten. Veranstaltungen fallen aus, darüber kann nicht berichtet werden. Die Kultur liegt am Boden, Sport findet derzeit auch nicht statt.“

    Text: Heike Langenberg


    Es ist ja gerade tote Hose hier

    Josef Fischer, 65, ist Redakteur der Bayerwald-Rundschau in Cham und ehrenamtlicher Berater im Chamer Bündnis gegen Depression Foto: Attila Henning Josef Fischer, 65, ist Redakteur der Bayerwald-Rundschau in Cham und ehrenamtlicher Berater im Chamer Bündnis gegen Depression

    2. April 2020 – „Die Bayerwald-Rundschau ist mein Baby. Vor 30 Jahren habe ich sie mit ins Leben gerufen. Damals hatte ich eine schwere Krankheit hinter mir, nach meiner Wiedereingliederung wurde ich von der Mittelbayerischen Zeitung gefragt, ob ich nicht etwas Neues machen wollte, und ich hab ja gesagt. Herausforderungen nehme ich gern an. Wir sind ein Anzeigenblatt, das sich über Werbung finanziert. Anzeigenblätter sind zwar aus dem Tarif ausgestiegen, aber ich werde fair bezahlt. Als einziger Redakteur bin ich verantwortlich für den Inhalt und schreibe über alles, was in Cham und dem Landkreis Cham passiert. Gerade bin ich in der Stadt herumgelaufen und habe eine Situationsaufnahme gemacht. Das stille Cham. Es ist ja gerade tote Hose hier.

    „Meine Arbeit schaffe ich locker in der Hälfte der Zeit, weil sowieso nichts los ist. Drei Seiten hatte ich diese Woche nur zu füllen, normalerweise sind es zehn oder zwölf.“

    Kein Wunder, dass die Anzeigenumsätze eingebrochen sind, es kann ja nichts verkauft werden. Derzeit versucht man, andere Wege für die Werbung zu finden, aber das ist schwierig. Darum bin ich seit 1. April in Kurzarbeit. Meine Arbeit schaffe ich locker in der Hälfte der Zeit, weil sowieso nichts los ist. Drei Seiten hatte ich diese Woche nur zu füllen, normalerweise sind es zehn oder zwölf. Das ist eine ganz andere Hausnummer.

    Statt um acht fahre ich jetzt um neun Uhr rein von Furth. Das Ausschlafen ist für mich und meine Frau, die in einem Bekleidungsgeschäft arbeitet und ebenfalls auf Kurzarbeit gehen musste, ganz schön. Schon die Fahrt fühlt sich anders an: Vor Corona war der Zug der Oberpfalzbahn voll. Jetzt sitzen nur noch eine Handvoll Leute drin. Das ist gut, weil wir so genügend Abstand halten können. Aber die Normalität ist damit auch weg.

    Um halb drei, wenn ich meine vier Stunden gearbeitet habe, sperre ich das Büro zu. Langweilen tue ich mich zu Hause nicht. Es ist ja immer was im Haushalt zu tun. Und so lange ich eine Arbeit und einen geregelten Tag habe, ist alles okay. Natürlich kommt man mehr ins Grübeln. Ich fühle mich angespannt. Die Lage ist ungewiss. Man weiß nicht, was kommt. Das ist das Problem.

    Vor allem fürchte ich, dass jemand aus der Familie erkrankt. Ich selbst bin 65 Jahre alt, im Dezember gehe ich in Rente. Die Kurzarbeit ist für mich die Vorstufe zum Rentendasein. Wir kommen über die Runden, weil wir einen kleinen Grundstock haben. Man fragt sich, ob es die Rundschau nach Corona überhaupt noch geben wird, die Umsätze des Verlags sind zurückgegangen, das Kompensieren ist nicht einfach.

    „Für meine vielen jungen Kollegen und Kolleginnen bei der Mittelbayerischen Zeitung wäre es schlimm, wenn Redaktionen geschlossen würden.“

    Vielleicht wird das Blatt aufgegeben. Für mich persönlich wäre das finanziell nimmer tragisch, weil ich sowieso bald weg bin, auch für meine freien Mitarbeiter ist das nur ein kleines Problem, die haben ja ihre Jobs, das Schreiben ist bei ihnen nur Zubrot. Aber für meine vielen jungen Kollegen und Kolleginnen bei der Mittelbayerischen Zeitung wäre es schlimm, wenn Redaktionen geschlossen würden. Und leicht würde es mir auch nicht fallen, wenn es die Rundschau nicht mehr gäbe. 30 Jahre meines Lebens habe ich hier so viel Positives erlebt. Es befriedigt, etwas nach eigenem Gutdünken gestalten zu können. Ich suche mir die lokalen Themen selbst aus, das macht Spaß, ich bin gern unter Menschen. Die vielen regionalen Messen sind Pflichttermine. Ich brauche die direkten Kontakte mit den Unternehmen. Seit Corona ist das alles weggefallen, aber ich hab mich arrangiert. Man hat ja WhatsApp und Facebook, die Kontakte brechen nicht ab, es fühlt sich nur anders an.

    Für die Branche wünsche ich mir, dass die Verleger trotz dieser schwierigen Zeit nicht auf den Gedanken kommen, Personal abzubauen. Das ist ein Gedanke, der mich  umtreibt. Gerade bei Menschen sollte man nicht einsparen, die brauchen ja eine Chance, wenn es wieder weitergeht. Haben sie keine Perspektive, fallen sie in eine Depression. Das wäre fatal. Ich selbst habe Erfahrungen mit Depressionen. Ich berate auch ehrenamtlich für das Chamer Bündnis gegen Depression. Bisher haben sich nicht mehr Menschen gemeldet als sonst. Aber ich stehe Gewehr bei Fuß! Wenn jemand Beratung braucht, bin ich da."

    Text: Monika Goetsch