Arbeit in Zeiten von Corona

    „Bei uns hat sich noch niemand angesteckt“

    Ver- und Entsorgung

    Ohne Strom läuft hier nichts

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Noch produzieren die Stromerzeuger in Deutschland so viel Strom wie an ganz normalen Tagen. Doch je mehr die großen Konzerne ihre Produktionen runterfahren, desto weniger Strom wird erzeugt werden. Energie lässt sich nicht speichern. Viel schlimmer wäre in dieser Krisenzeit aber ein Stromausfall. Dass es dazu nicht kommen wird, dafür sorgen die vielen Beschäftigten bei den großen und kleinen Energieerzeugern. Genauso wie die Beschäftigten in den Wasserwerken weiterhin für sauberes Trinkwasser sorgen und diejenigen bei den Entsorgern, dass wir nicht zumüllen und dadurch andere Krankheitsherde einfangen.

    Umspannanlage in Sechtem in Nordrhein-Westfalen Foto: Rolf Vennenbernd/dpa Ein Stromausfall in der Corona-Krise wäre der Super-GAU


    Gespenstische Leere im Verwaltungshaus

    Sina Alexi, 35 Jahre, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei den Städtischen Werken Kassel Foto: privat Sina Alexi, 35 Jahre, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei den Städtischen Werken Kassel

    30. März 2020 – „Die Städtische Werke AG ist der lokale Energieversorger für die Kasseler Bürgerinnen und Bürger. Neben dem klassischen Vertrieb für Energieprodukte und -dienstleistungen (Strom, Gas, Wasser, Fernwärme, Energiedienstleistungen und Elektromobilität) betreibt sie auch Biogas- und Windkraftanlagen. Die Netzgesellschaft ist für die komplette Netzinfrastruktur, inklusive der Datennetze und auch der Straßenbeleuchtung in und um Kassel zuständig. Die Erzeugungssparte betreibt die Kraftwerke und ein Zentrallabor, wo Trinkwasseranalysen vorgenommen werden. Unser Betriebsrat besteht aus 13 Personen. Wir sind für knapp 1.000 Beschäftigte zuständig.

    „Bei den Städtischen Werken hatten wir schon vor Corona die digitale Zusammenarbeit für alle Beschäftigten geregelt. Die Betriebsvereinbarung wurde letztes Jahr unterschrieben. Deshalb ging hier alles so schnell.“

    Wegen der Gefahr sich mit Corona anzustecken, sind bei uns innerhalb von zwei bis drei Tagen 600 Beschäftigte ins Home Office geschickt worden. Das hat unsere IT sehr schnell gewuppt. Die Verwaltungsarbeit läuft somit reibungslos weiter. Auch ich arbeite wegen Corona jetzt viel zuhause und wechsle mich mit dem Betriebsratsvorsitzenden bei der Anwesenheitszeit im Büro ab. Trotz aller Technik muss täglich jemand persönlich in die Verwaltung, um die Hauspost durchzusehen, damit Fristen bei arbeitsrechtlichen Belangen eingehalten und Dokumente unterschrieben werden können. Ich bin unter anderem Mitglied im Wirtschafts- und Betriebsausschuss und Sprecherin des IT-Ausschusses. Die Arbeit in den Ausschüssen geht gut über Telefon- und Videokonferenzen.

    Bei den Städtischen Werken hatten wir schon vor Corona die digitale Zusammenarbeit für alle Beschäftigten geregelt. Die Betriebsvereinbarung wurde letztes Jahr unterschrieben. Deshalb ging hier alles so schnell. Wir haben die Webanwendung für Office 365, für Apps und Anwendungen geregelt. Das ermöglicht es uns, bequem in virtuellen Teams zu arbeiten. So können zwei Teilnehmer gleichzeitig an einem Worddokument arbeiten. Dazu muss man nicht nebeneinander sitzen. Man sieht, was der andere gerade macht. Und Videokonferenzen sind auch schnell eingerichtet, denn jeder hat ja am Computer schon eine Kamera eingebaut.

    Natürlich hat letztes Jahr noch niemand daran gedacht, dass eine Corona-Pandemie kommen könnte. Bei uns war das vorrangige Ziel, Kosten zu sparen. Dazu wurde ein Projekt für die Zukunft aufgelegt. Eine Zukunft, die uns jetzt schneller eingeholt hat, als geahnt. In den Regelungen sind auch betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Das gilt auch weiterhin. Ebenfalls ist die Verhaltens- und Leistungskontrolle ausgeschlossen. Dafür garantiert schon der externe Dienstleister. Da kann kein Chef hingehen und sagen, darf ich da mal schnell in die Daten reingucken, was der Kollege den ganzen Tag so gemacht hat. Rein technisch wäre dies aber möglich.

    Am Anfang der Corona-Krise hat sich noch der gesamte Betriebsrat persönlich getroffen, um einige Regelungen mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren. Eine Regelung, welche wir für unsere Kolleginnen und Kollegen in der Rufbereitschaft getroffen haben ist, dass sich die Rufbereitschaftsteams im 14-tägigen Rhythmus abwechseln. Betriebsrat und Arbeitgeber haben ein Krisenmanagement gegründet. Jeden Morgen machen wir eine Videokonferenz und reden über die Probleme und was noch zu regeln ist.

    „Wir winken uns auf Abstand zu. Der Händedruck oder die Umarmung unter Freunden fehlt mir.“

    Rund 400 Beschäftigte bei den Städtischen Werken können nicht von zuhause arbeiten. Sie haben Rufbereitschaften, müssen bei Störungen zum Kunden oder haben Wartungsaufgaben oder Verantwortung für Versorgungsanlagen. Für sie gibt es Schutzanzüge, Desinfektionsmittel und Masken. Die Verwaltungsangestellten sind allerdings fast alle im Home Office. In unserem Hauptgebäude ist es jetzt gespenstisch. Dort begegnen mir höchstens noch vier Menschen. Wir winken uns auf Abstand zu. Der Händedruck oder die Umarmung unter Freunden fehlt mir.

    Zuhause sitze ich am Küchentisch, wenn ich arbeite. Am Anfang fand ich das komisch, weil ich es gewohnt war, Arbeit und Zuhause zu trennen. Jetzt vermischt sich alles. Ich chatte mit meinen Kolleginnen und Kollegen, kann sie sehen, und sitze in meiner Küche. Der Stuhl ist allerdings nicht so bequem wie im Büro.

    Viele Eltern haben jetzt ihre Kinder zuhause und müssen sie neben der Arbeit auch noch betreuen. Das bringt viele an ihre Grenzen. Wir haben für die betroffenen Eltern Regelungen mit dem Arbeitgeber getroffen, wenn sie deshalb nicht mehr voll arbeiten können. So kann jeder zwei Tage die Woche bezahlten Sonderurlaub nehmen. Danach wird das Gleitzeitkonto geöffnet und man kann bis zu 200 Minusstunden machen. Doch niemand verliert jetzt seine Arbeit, auch wenn er nicht mehr in seiner vollen Arbeitsleistung eingesetzt wird.

    Das Personal, das im operativen Dienst ist, versuchen wir auch so gut wie möglich zu schützen. Dazu wurden die Wartungen zurückgefahren, die sich aufschieben lassen. Die Kolleginnen und Kolleginnen sitzen teilweise zuhause auf Abruf. Dabei wird immer zuerst die Rufbereitschaft angerufen.

    Uns ist natürlich klar, dass das es keine juristische Sicherheit für unsere in Videokonferenzen gefassten Betriebsratsbeschlüsse gibt, weil das Betriebsverfassungsgesetz so etwas nicht vorsieht. Aber wir haben auch dafür vorgesorgt und uns mit unserem Arbeitgeber geeinigt, uns am Europäischen Betriebsratsgesetz zu orientieren, das gilt, wenn Menschen auf See arbeiten. Nach diesem Vorbild haben wir eine Betriebsvereinbarung geschlossen, dass unsere in der Krise gefassten Beschlüsse rechtskräftig sind. Mit dem Arbeitgeber herrscht ein Gentleman Agreement, dass keine Beschlüsse angefochten werden. Darauf können wir uns verlassen.“


    Wind aus dem Norden für Strom im Süden

    Peter Schnier, 54 Jahre alt, Elektromeister und Baukoordinator beim Übertragungsnetzbetreiber Amprion in Dortmund Foto: D. Schumann Peter Schnier, 54 Jahre alt, Elektromeister und Baukoordinator beim Übertragungsnetzbetreiber Amprion in Dortmund

    29. März 2020 – „Ohne Strom geht gar nichts, kein Krankenhaus, kein Büro, kein Computer, keine Kasse im Supermarkt. Strom muss immer da sein, und dafür sorgen wir. Wir betreiben mit drei weiteren Übertragungsnetzbetreibern das deutsche Höchstspannungsnetz. Das Gebiet, in dem wir über unser 11.000 Kilometer langes Höchstspannungsnetz Strom transportieren, reicht von Niedersachsen bis zu den Alpen. Wir transportieren dabei immer mehr Windenergie aus den Offshore Parks im Norden zu den großen Verbrauchern in den Süden. Dazu bauen wir die Netze seit 2009 sehr intensiv und kontinuierlich aus.

    Die erzeugte Energie wandeln wir in Konvertern auf Gleichspannung um. Nach dem Transport transformieren wir die Energie am Zielort von 220/380-kV auf 110-kV und übergeben diese dann an die Verteilnetzbetreiber und an unsere sehr großen Netzkunden. Wir Höchstnetzbetreiber stellen somit die elektrischen Autobahnen zur Verfügung. Die Verteilnetzbetreiber transformieren die Spannung auf das Mittelspannungsmaß 30/20/10-kV herunter und verteilen die elektrische Energie weiter in ihre lokalen Netze. Am Zielort wird dann nochmals auf 400V transformiert, um sie den Haushalten als die sogenannte Niederspannung zur Verfügung zu stellen. Die Verteilnetzbetreiber stellen somit die elektrischen Land- bzw. Stadtstraßen zur Verfügung.

    Jeder kennt wahrscheinlich die Freileitungsmasten mit den dazugehörigen Abzweigen zu unseren Umspannanlagen. Meistens sieht man diese aus dem Auto beim Vorbeifahren neben den Autobahnen. Dort ist mein Arbeitsplatz. Ich begleite als Koordinator neben unseren Projektleitern den Neubau beziehungsweise den Umbau der Station und bin Ansprechpartner für unsere Kollegen vom Betrieb vor Ort.

    Seit Corona arbeiten wir in den Stationen in kleinen Gruppen, das bedeutet, immer dieselben Kollegen arbeiten werktäglich mit entsprechendem Abstand zusammen. So halten wir das Risiko einer Corona-Infektion möglichst klein. Das funktioniert gut. Bei uns hat sich noch niemand angesteckt. Zudem haben wir uns strikte Hygienevorschriften gegeben. Toll ist es zu sehen, wie meine Kollegen unter denen sich täglich ändernden Zuständen und stärker werdenden Belastungen arbeiten. Die Planer und die Projektleiter sind zurzeit wegen der Corona-Gefahr größtenteils im Home-Office tätig. Mehrheitlich gilt das auch für die Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung.

    „Ich gehe davon aus, dass auch die deutsche Elektrizitätswirtschaft von der Corona-Krise wirtschaftlich betroffen sein wird.“

    Zu Beginn der Corona-Krise ist der Energiebedarf noch so wie zuvor gewesen. Das wird sich allerdings durch den Wegfall von großen Verbrauchern, etwa den geschlossenen Automobilfabriken, ändern. Dann wird auch die Erzeugung von Energie runtergefahren, denn die lässt sich nicht speichern. Somit gehe ich davon aus, dass auch die deutsche Elektrizitätswirtschaft von der Corona-Krise wirtschaftlich betroffen sein wird.

    Die elektrischen Netze gehören auf jeden Fall zur kritischen Infrastruktur, sie stellen einen Teil der Grundversorgung dar. In den bundesweiten Netzausbau werden Milliarden investiert. Wir arbeiten mit gesetzlichem Auftrag, in enger Absprache mit der Bundesnetzagentur und weiteren staatlichen Behörden.

    In meiner Freizeit bin ich ehrenamtlich als Hauptbrandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr in Schwerte aktiv. Gestern haben wir – mal als Beispiel – einen Filterbrand in einem Industriebetrieb gelöscht. Ich bin derzeit überall vorsichtig wegen Corona, auch bei der Feuerwehr. In allen Lebenslagen gehört derzeit Abstand halten und regelmäßig Hände waschen zum Standard. Da wir uns alle an die Vorgaben halten, sehe ich ein Ansteckungsrisiko als sehr gering an. Ich denke, dass ich gut geschützt bin.“

     

    Ein Mann geht durch den Grundablassschacht mit den Leitungen von der Talsperre im sächsischen Klingenberg zum dazugehörigen Wasserwerk Foto: Jan Woitas/dpa Ein Mann geht durch den Grundablassschacht mit den Leitungen von der Talsperre im sächsischen Klingenberg zum dazugehörigen Wasserwerk


    Das Wasser kommt weiter in den Haushalten an

    Andreas Fischer, 30 Jahre, gelernter Mechatroniker und jetzt Wassermonteur bei den Städtischen Werken Kassel, Bereich Netz und Service Foto: privat Andreas Fischer, 30 Jahre, gelernter Mechatroniker und jetzt Wassermonteur bei den Städtischen Werken Kassel, Bereich Netz und Service

    29. März 2020 – „Unser Wasser wird aus Tiefbrunnen und Quellen gewonnen. Von dort wird es mit Hilfe von Pumpen, Hochwasserspeichern, technischen Anlagen, Rohren und Leitungen bis in die Haushalte gebracht. Meine Aufgabe ist die Wartung der Anlagen und Wassernetze. Jeden Tag mache ich etwas anderes. Routine gibt es kaum. Für meine Arbeit hat sich durch das Coronavirus daher nicht viel geändert, nur dass ich jetzt direkt zu den Anlagen fahre und ein paar Routinewartungen aufgeschoben werden, die auch warten können.

    Zum Beispiel zu den gewaltigen Pumpen, die das Wasser aus Tiefbrunnen nach oben bringen. Die müssen gewartet werden. Umgekehrt wird das Wasser aus den Quellen mit Hilfe von Gefälle gefördert – hier bei uns in Kassel zum Beispiel in Habichtswald und Niestetal. Auch dafür sind technische Anlagen nötig, die gewartet werden müssen. Und es gibt Chloranlagen für das Quellwasser. Unsere Arbeiten rund um das Wassernetz reichen von der Wasserförderung, der labortechnischen Qualitätskontrolle, über die Wartung der Speicherbehälter, die Wartung der Pumpen und Zwischenspeicher bis hin zur Sichtprüfung der Wasserqualität.

    „Um uns nicht mit Corona zu infizieren, haben wir die Kontakte auf der Arbeit reduziert. Das heißt, ich habe jetzt ein Dienstauto daheim und fahre damit direkt zur Station, zum Beispiel zum Hochbehälter, zu den Pumpen oder Anlagen.“

    Um das Wasser in einen Hochbehälter zu schaffen, muss es ebenfalls mit starken Pumpen nach oben befördert werden. Das muss man sich ähnlich wie die Wasserbottiche auf den Dächern im Urlaub vorstellen. Nur eben viel größer. Das Wasser wird hochgepumpt, damit in Stoßzeiten genug da ist und die Leitungen nicht leer laufen. Beispielsweise, wenn morgens alle Menschen gleichzeitig die Zähne putzen oder die Toilettenspülung benutzen. Auch die Behälter und Pumpen müssen regelmäßig gewartet werden, auch in dieser Zeit jetzt.

    Um uns nicht mit Corona zu infizieren, haben wir die Kontakte auf der Arbeit reduziert. Das heißt, ich habe jetzt ein Dienstauto daheim und fahre damit direkt zur Station, zum Beispiel zum Hochbehälter, zu den Pumpen oder Anlagen. Ich arbeite zwar viel alleine, aber natürlich kann ich jemanden anrufen, wenn ich Hilfe brauche. Das meiste jedoch sind Routinekontrollen auf Sicht und anhand der Fehlermeldungen an den Anlagen.

    Von der Quelle bis zum Haushalt gibt es neben der Wassergewinnung und Speicherung aber auch noch viele Wartungsaufgaben am Wassernetz. Zum Beispiel muss das Wasser auf Phosphat untersucht werden, das beigesetzt wird, um die Rohre zu schützen. Auch das muss regelmäßig gemacht werden. Dazu setze ich ein Standrohr auf einen unterirdischen Hydranten. Das kann man sich so ähnlich vorstellen, wie man das von der Feuerwehr kennt, wenn sie ihre Schläuche anschließt. Die Wasserprobe entnimmt dann ein Mitarbeiter unseres hauseigenen Labors und lässt sie untersuchen.

    Eine weitere Arbeit ist die Kontrolle der Leitungen von den Wasserwerken bis hin zu den nächsten Pumpleitungen. Auf den Pumpleitungen sitzen Luftventile, die müssen regelmäßig gespült werden. Dazu lege ich ein Rohr an und lasse Wasser mit Hilfe einer speziellen Spül-Armatur durchlaufen.

    Wirklich Angst habe ich bei all dem nicht vor Corona. Ich sorge mich eher um andere Menschen. Ich wohne in einem Drei-Familien-Haus, in dem auch meine Großeltern leben. Sie sind zwar sehr fit, aber ich nehme Rücksicht, halte Abstand. Ich will sie nicht gefährden.“

    Texte: Marion Lühring

     

    Ein Mitarbeiter der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung schiebt eine braune Tonne mit Biomülltonne © Patrick Seeger/dpa „Wir arbeiten viel im Freien. Solange schönes Wetter ist, versuchen wir, draußen zu bleiben, im Wagen möglichst wenig Radio zu hören und – die Abstandsregeln immer im Hinterkopf – uns während der Arbeitszeit möglichst wenig mit dem Virus zu beschäftigen.“


    Es ist definitiv mehr Müll da

    30. März 2020 – Patrick Gehrbrandt (33) ist seit 15 Jahren bei der USB, dem kommunalen Müllentsorger der Stadt Bochum, angestellt und arbeitet als Müllwerker. Der gelernte Nutzfahrzeugtechniker ist auch Betriebsratsmitglied

    VERDI.DE: Was hat sich bei euch durch das Coronavirus geändert?

    PATRICK GEHRBRANDT: In erster Linie haben sich die Arbeitszeiten verändert, damit wir uns nicht mehr auf einem Haufen versammeln. Jede Kleingruppe arbeitet mit versetzten Schichtzeiten. Wir haben jeweils einen großen und einen kleinen Wagen, Springer und Ersatzleute, die bilden einen Pool. Wenn da jemand ausfällt, versuchen wir, ihn aus diesem Pool zu ersetzen und nicht mehr gegen Kollegen aus anderen Gruppen auszutauschen. Wegen der Pandemie wollen wir, dass möglichst wenige Leute miteinander Kontakt haben. Ich bin für den Restmüll zuständig. Ich fahre mit dem Wagen raus. Ich fahre und ich rolle.

    VERDI.DE: Hat sich das Müllverhalten eurer Kunden geändert?

    GEHRBRANDT: Ja, es ist definitiv mehr Müll da, weil das soziale Leben praktisch brachliegt und die Leute lieber zuhause bleiben. Dann kommt noch dazu, dass unsere Werkstoffhöfe nicht mehr so arbeiten wie vorher. Wir haben ja jetzt Osterzeit. Da fällt immer sehr viel Grünschnitt an, den sie sonst dorthin bringen. In der Innenstadt gibt es natürlich weniger Abfall, weil ja die Läden und Restaurants geschlossen sind. Alles wie leergefegt.

    VERDI.DE: Die kippen jetzt den Grünschnitt in den Restmüll?

    GEHRBRANDT: Na ja, die Bewohner stehen draußen und hätten gerne, dass wir das mit entsorgen. Die Tonnen sind überfüllt, so dass die Deckel aufstehen. Es kann auch sein, dass Säcke und loser Müll neben den Tonnen liegen. Eigentlich müsste das liegen gelassen und nachentsorgt werden. Da liegt es halt an den Touren, ob wir das mitnehmen oder nicht. Ich glaube auch, dass es durch die Internet-Bestellungen mehr Papier und Pappe gibt. Aber im Moment können wir uns mit den Kollegen, die das einsammeln, nicht richtig austauschen, weil wir uns fast gar nicht sehen können.

    „Wenn wir jetzt den Müll nicht mehr abholen, dann haben wir den nächsten Durchgang an Krankheitserregern und Infektionen.“

    VERDI.DE: Wie geht es dir persönlich derzeit?

    GEHRBRANDT: Einerseits wird man durch die Medien immer wieder verunsichert, andererseits müssen wir ja den Laden am Laufen halten. Wir arbeiten viel im Freien. Solange schönes Wetter ist, versuchen wir, draußen zu bleiben, im Wagen möglichst wenig Radio zu hören und – die Abstandsregeln immer im Hinterkopf – uns während der Arbeitszeit möglichst wenig mit dem Virus zu beschäftigen. Wenn wir jetzt den Müll nicht mehr abholen, dann haben wir den nächsten Durchgang an Krankheitserregern und Infektionen. Man hat ein gewisses Pflichtbewusstsein. Da spreche ich auch für meine Arbeitskollegen, die sehen das ganz genauso. Der Krankenstand ist so niedrig wie nie. Die Leute wollen wirklich ihre Arbeit ganz normal erledigen und ihren Teil beitragen.

    VERDI.DE: Hättet ihr gerne mehr Anerkennung?

    GEHRBRANDT: Ja schon, aber nicht nur wir, sondern auch alle anderen, die jetzt dafür sorgen, dass das System funktioniert. Wir kriegen auch Lob von den Bürgern. Die sagen jetzt öfter als sonst: „Es ist gut, dass ihr da seid. Macht weiter so!“ Die Politik, die manche Berufsgruppen jetzt extra lobt, vergisst uns allerdings allzu oft. Ohne uns hätten wir das totale Chaos.

    VERDI.DE: Hast du besondere Ängste?

    GEHRBRANDT: Ich mache mir Sorgen um meine Frau, meinen Sohn. Und denke an meine Schwiegereltern. Die sind beide schwer krank und stark gefährdet. Im Betrieb wäre es derzeit der schlimmste Fall, wenn der Restmüll nicht mehr entsorgt werden könnte. Alles andere könnte vielleicht eine Weile liegen bleiben. Aber der Restmüll muss von der Straße, das ist das A und O unseres Betriebes, das hat oberste Priorität.

    VERDI.DE: Gibt es auch Positives?

    GEHRBRANDT: Andere müssen sich Sorgen machen wegen Kurzarbeit. Das Problem haben wir jedenfalls nicht. Ich muss nicht um meinen Arbeitsplatz fürchten. Im Betrieb sind wir als Kollegen enger zusammengerückt, auch wenn wir uns weniger sehen. Und nebenbei: Für uns ist es jetzt ohne den vielen Autoverkehr sehr viel leichter, mit unseren Wagen in die Innenstadt zu kommen.

    VERDI.DE: Woran mangelt es euch?

    GEHRBRANDT: Das Abstandhalten ist schwer. Wir sind auf engstem Raum beieinander, wenn wir mit drei Leuten in unser Revier fahren, weil es keine andere Möglichkeit gibt, von A nach B zu kommen. Im Fahrerraum ist es schwierig, den vorgeschriebenen Abstand zu halten. Wir versuchen, da eine Lösung zu finden, mehr Abstand, wie in anderen Berufen auch. Wir haben Desinfektionsmittel und Staubmasken. Aber wir schützen uns im Wagen derzeit vor allem durch Händewaschen. Und wenn wir draußen sind, haben die Bürger viele Fragen. Denen müssen wir auch öfter sagen, dass sie den Abstand einhalten sollen.

    VERDI.DE: Was sollte die Politik tun?

    GEHRBRANDT: Viel früher und schneller handeln und mit klarer Linie, nicht erst so, dann so. Fußballspiele und Karnevalsfeiern hätten gar nicht erst stattfinden dürfen. Und Einreisende hätten gleich unter Quarantäne gestellt werden sollen.

    VERDI.DE: Was wünscht du dir?

    GEHRBRANDT: Dass man die Pandemie ernst nimmt und nicht auf die leichte Schulter. Dass sich alle an die Vorschriften halten. Und dass man versucht, Leute zu schützen, die krank sind. Ich möchte keine italienischen Verhältnisse, ganz ehrlich nicht. Und dass wir bis zum Jahresende einen Impfstoff haben und keinen Todesfall zu beklagen, dass wir nicht auf eine Beerdigung müssen. Natürlich wünsche ich mir, dass möglichst schnell alles wieder vorbei ist und wir unsere Freiheit wieder haben. Es geht ja nicht nur um die Angst vor Ansteckung, sondern die sozialen Kontakte sind alle weg, und man weiß nicht, wie es weitergeht. Das belastet die Psyche der Menschen. Man fühlt sich manchmal wie in einem Science Fiction. Man lacht mit der Familie und denkt dann gleich wieder, das ist alles nicht normal.

    Interview: Heide Platen