Arbeit in Zeiten von Corona

    „Gefährlich schräg“

    Amazon

    Coronaschutz auf amerikanische Art

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Man kann es so sagen: Jeff Bezos, der Amazon-Chef nutzt die Gunst der Stunde, weltweit Menschen in äußerste Not führt. Einerseits bietet Bezos der Weltgesundheitsorganisation an, Corona-Tests kostenfrei auszuliefern, auf der anderen Seite verdient er derzeit jeden Tag 1 Milliarde Euro. Während kleinere und größere Einzelhändler reihenweise vor dem Ruin stehen, profitiert vor allem Amazon vom Boom im Onlinehandel. „Amazon geht es dieser Corona-Tage nicht gut. Es geht dem Onlinegiganten spektakulär prächtig“, ist auf der Website von ntv zu lesen. Was der Nachrichtensender verschweigt: Jeff Bezos macht seine Gewinne wieder einmal auf Kosten seiner Beschäftigten.

    Die Beschäftigten des Fulfillment-Zentrums von Amazon New York protestieren gegen die Arbeitsbedingungen im Lager des Unternehmens. Auch die Beschäftigten in Amerika sagen, dass Amazon nicht genug tut, um die Beschäftigten vor der Verbreitung von COVID-19 und dem Coronavirus zu schützen Foto: Bebeto Matthews/AP/dpa Die Beschäftigten des Fulfillment-Zentrums von Amazon New York protestieren gegen die Arbeitsbedingungen im Lager des Unternehmens. Die Beschäftigten sagen, dass Amazon nicht genug tut, um die Beschäftigten vor der Verbreitung von COVID-19 und dem Coronavirus zu schützen


    Das Spiel mit der Angst

    Peter Fritz (47), Stower bei Amazon in Frankenthal, Rheinland-Pfalz Foto: privat Peter Fritz (47), Stower bei Amazon in Frankenthal, Rheinland-Pfalz

    26. März 2020 – Peter Fritz war einer der ersten, die 2018 im neu errichteten Amazon-Lager im rheinland-pfälzischen Frankenthal ihre Arbeit aufnahmen. Seitdem hat er dort auf vielen Positionen gearbeitet: als Stower, Picker, Amnesty Responder – es sind die Bezeichnungen für die verschiedenen Jobs bei dem amerikanischen Onlineversandhändler. Als Peter in den Wahlvorstand für einen Betriebsrat ging, fiel er zurück in der Hierarchie. Nun arbeitet er wieder als Stower, verteilt die Paletten mit Waren an die verschiedenen Stationen im Lager.

    Langsam aber sicher macht sich bemerkbar, dass etwa Waren aus Italien, Japan oder Polen nicht mehr ankommen, sagt er. Und: „Was wir momentan einlagern, hat mit dem, was wir derzeit benötigen, wenig zu tun. Eigentlich müssten wir Handschuhe, Desinfektionsmittel, Mundschutz einlagern beziehungsweise verteilen können. Stattdessen bekommen wir Rasensamen, Bohrmaschinen, Handyhüllen oder Sexspielzeug.“ Doch nicht nur deshalb ist Peter „geladen“, wenn er nach seiner Schicht, die von 3:45 Uhr bis 10:15 Uhr geht, nach Hause kommt.

    „Da werden einerseits die Spinde aus dem Umkleidebereich weiträumig bis in die Kantine verteilt, um Schutzabstände einzuhalten – andererseits kommen rund 100 Leute für die Normalschicht zur gleichen Zeit an und stehen dann zur Übergabe bei Schichtwechsel dicht zusammen mit denen, die sie am Arbeitsplatz ablösen.“

    „Was bei uns in Sachen Coronaschutz getan wird, ist echt schräg. Da werden einerseits die Spinde aus dem Umkleidebereich weiträumig bis in die Kantine verteilt, um Schutzabstände einzuhalten – andererseits kommen rund 100 Leute für die Normalschicht zur gleichen Zeit an und stehen dann zur Übergabe bei Schichtwechsel dicht zusammen mit denen, die sie am Arbeitsplatz ablösen. Zur Arbeit kommen viele mit dem überfüllten Shuttle-Bus von der Straßenbahn zum Lager. Wer will bei diesem Durcheinander noch wissen, ob sich jemand mit dem Coronavirus infiziert hat? Ist das nicht Wahnsinn?“

    Amazon betreibe „Pandemieschutz auf amerikanische Art“. Im Lager fehle es an Desinfektionsmitteln, in den Hallen werde viel zu selten geputzt, sagt Peter. Glasreiniger werde als „Desinfektionsmittel“ ausgegeben, und nicht selten müssten sich Peter und seine Kolleg*innen von Vorgesetzten anhören, Corona sei doch nur „nur ein normaler Schnupfen“, sie sollten sich nicht so anstellen.

    Was der 47-Jährige schlichtweg menschenverachtend findet, ist das Spiel mit der Angst, das der Arbeitgeber treibt. Obwohl Beschäftigte mit Kindern offiziell zwei Wochen zu Hause bleiben dürfen, werde ihnen schon nach einer Woche die Entlassung angedroht. Das betreffe vor allem Alleinerziehende, wenn sie die Kinderbetreuung nicht schnell genug organisieren können. Andere kämen erkältet zur Arbeit, weil sie ihren Job nicht verlieren wollten. Es seien Menschen aus aller Welt, die auf ihr Einkommen angewiesen sind. Genau damit rechne Amazon.

    Peter versucht sich zu schützen, so gut es geht. Er hat seine privaten Desinfektionstücher immer dabei und wenn er nach der Arbeit zu Hause angekommen ist, ist erst mal eine große Hygieneeinheit angesagt. Seine Frau und die 16- und 18-jährigen Töchter müssten zu ihrem Schutz zu Hause bleiben. „Und ich gehe täglich ein und aus und komme ohne angemessenen Schutz mit vielen Menschen in Kontakt – verrückt!“ Er hofft inständig, dass die gesundheitliche Gratwanderung gut geht.

    Text: Gundula Lasch