Arbeit in Zeiten von Corona

    Im Schutzanzug, mit Filtermaske und Schutzbrille

    Feuerwehr

    Wir sind ja mittlerweile Krisen gewohnt

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Gebäude-, Auto-, Wald-, Flugzeugbrände, Giftstoffeinsatz – Feuerwehren sind immer auf alle möglichen Einsätze vorbereitet. Kleine Katastrophen gehören zum Alltag, große Katastrophen sind zum Glück die Ausnahme. Insbesondere an Flughäfen herrscht weltweit höchste Alarmstufe wegen des Coronavirus. Hauptbrandmeister Matthias Pöschko (46) ist Betriebsrat und arbeitet seit 23 Jahren bei der Frankfurter Flughafenfeuerwehr. Wenn es um den Schutz vor Viren geht, die schwere Infektionen auslösen können, spielen die Feuerwehren eine wichtige Rolle, sagt der Feuerwehrmann. Er und seine Kollegen sind es, die Passagiere mit Verdacht auf Erkrankung sofort in die medizinischen Zentren der Flughäfen transportieren.

    Ausgerüstet wie zu einer Marsexpedition: Übungseinsatz in einem sogenannten CSA-Anzug am Flughafen Berlin-Schönefeld Foto: Wolfgang Siesing Ausgerüstet wie zu einer Marsexpedition: Übungseinsatz in einem sogenannten CSA-Anzug am Flughafen Berlin-Schönefeld


    Es ist jetzt eine harte Zeit

    VERDI.DE: Du arbeitest derzeit nicht nur in einem gefährlichen Beruf, sondern auch an einem besonders gefährdeten Ort. Was hat sich für Dich verändert?

    Matthias Pöschko (46) arbeitet seit 23 Jahren bei der Frankfurter Flughafenfeuerwehr Foto: privat Matthias Pöschko (46) arbeitet seit 23 Jahren bei der Frankfurter Flughafenfeuerwehr

    MATTHIAS PÖSCHKO: Ich darf die Feuerwache zur Zeit nicht betreten, weil ich als Betriebsrat sehr viel Publikumsverkehr habe. Wir haben derzeit sehr viele außerordentliche Sitzungen, weil wir alle Kurzarbeiteranträge bearbeiten müssen und ein Gremium von 38 Betriebsräten sind. Ich bin teilfreigestellt und habe normalerweise feste Arbeitstage, auch welche, an denen ich 24 Stunden bei der Feuerwache bin. Diese Tage habe ich jetzt als Urlaubstage und Überstunden eingetragen. Das funktioniert in Absprache mit der Fraport, meinem Arbeitgeber, sehr gut.

    VERDI.DE: Wenn es brennst, kannst Du derzeit also gar nicht löschen?

    PÖSCKO: Nein, aber auch für meine Kollegen hat sich viel verändert. Wir sind zum Beispiel immer dabei, wenn das Stadtgesundheitsamt Maschinen überprüft, die während der Rückholaktionen aus Risikogebieten kommen. Wenn der Verdacht auf Krankheit besteht, kommen die Betroffenen erst mal in das Medical Airport Center hier auf dem Flughafen und werden dann auf Kliniken verteilt. Die Kollegen tragen Schutzanzüge und Filtermasken, meist auch Schutzbrillen. Und sie schützen die Ohren.

    VERDI.DE: Die Ohren auch?

    PÖSCHKO: Ja, es geht ja um alles, was über die Schleimhäute übertragen wird. Es ist halt seltener, dass einem jemand ins Ohr hustet, aber möglich ist das auch. Unsere Wagen werden nach jedem Transport desinfiziert. In den Speise- und Fernsehräumen sind Tische und Stühle weiter auseinander gestellt worden, die Essens- und Sportzeiten gestaffelt. Außerdem wechseln wir die Wachzeiten jetzt anders, damit wir nicht so viel Kontakt haben. Teilweise organisieren wir die Wachwechsel per Video-Konferenz. Einige machen es auch so, dass die Leute eine ganze Woche in der Wache bleiben und sie in der Zeit gar nicht verlassen. Wir essen und schlafen bei 24-Stunden-Dienst sowieso dort. Bei einer Umfrage unter uns waren 90 Prozent dazu bereit.

    „Wir haben in den letzten Jahren so viel miterlebt, ob das die Schweinegrippe war oder SARS, der 11. September, das weiße Pulver oder Anthrax. Wir sind immer involviert.“

    VERDI.DE: Wie geht es Dir?

    PÖSCHKO: Ich bin relativ entspannt. Wir sind ja mittlerweile Krisen gewohnt. Wir haben in den letzten Jahren so viel miterlebt, ob das die Schweinegrippe war oder SARS, der 11. September, das weiße Pulver oder Anthrax. Wir sind immer involviert. Wir haben damals auch Menschen gefahren, die aus dem Tsunami-Gebiet kamen und alle Kinder verloren hatten. Wir haben also viel gesehen, aber die Welt dreht sich weiter, auch wenn es vielleicht zwei Jahre dauern wird. Wir müssen alle auf einen guten Impfstoff hoffen, damit das Leben wieder normal losgehen kann. Ansonsten: Es ist jetzt eine harte Zeit. Da müssen wir alle gemeinsam durch und da muss eben jeder seinen Beitrag leisten.

    VERDI.DE: Hast Du gar keine Angst?

    PÖSCHKO: Nicht um mich. Ich sage eher, ich hätte es jetzt gern. Denn wenn man es gehabt hat, dann ist man immun. Sagt jedenfalls die Wissenschaft. Dann kann man auch wieder helfen. Mir haben Betroffene erzählt, man fühlt sich schon wie von einem Zug überfahren, aber das ist auch bei einer schweren Grippe so. Ich sorge mich eher um Freunde und Verwandte, zum Beispiel meine Eltern. Die sind Hochrisikopatienten und jetzt schon seit zwölf Tagen nicht mehr vor der Tür gewesen.

    VERDI.DE: Können wir aus der Krise lernen?

    PÖSCHKO: Auf jeden Fall. Im Großen und Ganzen sind die meisten Leute sehr vernünftig. Ein paar Ausnahmen wird es immer geben. Ich finde, dass wir in Deutschland das beste Gesundheitssystem der Welt haben. Wenn ich sehe, was in anderen Ländern passiert, dann sind wir sehr, sehr gut aufgestellt. Wir Feuerwehren sind auf alles super vorbereitet, auch der Arbeitgeber. Wir haben genug Material. Zu Beginn der Corona-Krise habe ich eine WhatsApp-Gruppe gegründet, die alle großen Flughafenfeuerwehren in ganz Deutschland umfasst. Wir tauschen uns aus, ob es irgendwo einen Mangel gibt. Bisher ist überall genügend Sicherheitsmaterial vorhanden. Die Gehälter der Leute, die derzeit nicht oder nur wenig arbeiten können, werden von der Firma aufgestockt. Das als Gewerkschafter sagen zu können, mag eher ungewöhnlich klingen, aber ich finde, dass sich Fraport als Arbeitgeber sehr gut um seine Mitarbeiter kümmert. Und sie verzichtet auf betriebsbedingte Kündigungen. Das ist schon ein tolles Zeichen an de Belegschaft hier.

    „Wir müssen auch lernen, dass sich für die Leute, die jetzt die Versorgung aufrecht erhalten, die LKW-Fahrer, die Verkäuferinnen, die Krankenschwestern, endlich etwas ändern muss. Dafür kämpfen wir schon seit Jahren. Das sind viele Leute, die im unteren Lohnsektor arbeiten. Und die retten uns jetzt den Arsch.“

    VERDI.DE: Was ist Dir besonders wichtig?

    PÖSCHKO: Dass wir alle ein bisschen aufeinander aufpassen und die Alten schützen, dann geht das auch einigermaßen an uns vorbei. Wir müssen auch lernen, dass sich für die Leute, die jetzt die Versorgung aufrecht erhalten, die LKW-Fahrer, die Verkäuferinnen, die Krankenschwestern, endlich etwas ändern muss. Dafür kämpfen wir schon seit Jahren. Das sind viele Leute, die im unteren Lohnsektor arbeiten. Und die retten uns jetzt den Arsch. Die sind jetzt zwar gelobt worden oder haben Prämien bekommen. Aber das wird auch schnell wieder vergessen, das muss nachhaltig sein. Ich wäre bereit, auf Geld zu verzichten, damit es gerechter zugeht. In der Krise könnte ver.di verhandeln, dass das Kurzarbeitergeld noch mal aufgestockt wird. Und noch ein Vorschlag: Hier bei uns am Flughafen sind derzeit tausende junge Männer, viele Lagerarbeiter, die richtig Power haben und in Nullabsenkung komplett zuhause sitzen. Über eine Plattform könnten die ihre Einbußen bei Einsätzen zum Beispiel bei der Spargelernte ausgleichen. Das wäre doch eine Supersache.

    Interview vom 29. März 2020, Heide Platen