Arbeit in Zeiten von Corona

    Ein Lebensmittelgeschäft ist keine Freizeiteinrichtung

    Handel

    „Diese Rücksichtslosigkeit, dieses Hamstern, diese Aggressivität“

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es Mitte März in ihrer Fernsehansprache an die Bevölkerung in Deutschland anlässlich der Corona-Pandemie treffend formuliert: „Sie sind es, die den Laden am Laufen halten.“ Angesprochen mit ihren Worten hatte Merkel alle diejenigen Beschäftigten, die im Lebensmittelhandel seit ein paar Wochen die Grundversorgung im Land aufrecht erhalten. Und das anfangs noch völlig ungeschützt, obwohl sie dieser Tage den häufigsten Kontakt mit anderen Menschen haben, über viele Stunden täglich.

    In ver.di sind viele der Beschäftigten im Handel, vor allem auch Beschäftigte im Lebensmittelhandel organisiert. Ob unmittelbar in Kontakt mit den Kund*innen an der Kasse sitzend oder im Lager Lieferungen zusammenstellend – für sie alle hat sich der Arbeitsalltag enorm verändert. Nichts ist mehr normal, und über allem schwebt immer auch die Angst, sich selbst zu infizieren mit dem Corona-Virus.

    Eine Kassiererin scannt Waren in einem Edeka-Supermarkt im Kreis Schleswig-Flensburg unter einer Plastikfolie. Mit der Schutzmaßnahme wollen sich die Mitarbeiter vor einer möglichen Ansteckung durch die Kunden schützen Foto: Frank Molter/dpa Eine Kassiererin scannt Waren in einem Edeka-Supermarkt im Kreis Schleswig-Flensburg unter einer Plastikfolie. Mit der Schutzmaßnahme wollen sich die Mitarbeiter vor einer möglichen Ansteckung durch die Kunden schützen


    Dagegen ist das Weihnachtsgeschäft nichts

    Ronald Fritz, 53, Mitarbeiter im Regionallager von Edeka Nordbayern Sachsen Thüringen in Berbersdorf Foto: privat Ronald Fritz, 53, Mitarbeiter im Regionallager von Edeka Nordbayern Sachsen Thüringen in Berbersdorf

    3. April 2020 – Ronald Fritz arbeitet seit 31 Jahren bei Edeka, seit Eröffnung 2015 im neu gebauten Regionallager in Berbersdorf, vorher in Borna. Auf der Wiese zwischen Chemnitz und Dresden liegt das riesige Lager mit Komplettsortiment, das rund 500 Edeka-Filialen in Sachsen und Teilen Thüringens versorgt. Unvorstellbare Warenmengen werden hier derzeit angenommen, eingelagert, ausgeliefert. Über 500 Menschen – rund 400 Edeka-Beschäftigte und circa 100 Angestellte von Fremdfirmen – arbeiten hier in drei Schichten, damit die Supermärkte der Region alles anbieten können, was das Kundenherz begehrt.

    „Hier herrscht seit Beginn der Corona-Krise der Ausnahmezustand. Dagegen ist das Weihnachtsgeschäft nichts. Ich habe so etwas in meiner langen Betriebszugehörigkeit noch nicht erlebt. Die Leute kaufen ein wie verrückt“, sagt Ronald. Der 53-Jährige nimmt an einem der Slots die Waren von den ankommenden Lkw entgegen. „Normalerweise laden die Lkw-Fahrer ihre Ladung selbst aus, nur manchmal greifen wir ein und vereinzelt bei sogenannten Sandwichpaletten.“ Doch jetzt ist alles anders: „Seit vier Wochen ist Eintrittsverbot. Die Fahrer müssen im Fahrerhaus sitzen bleiben, während wir die Ware aus- und das Leergut einladen.“ Er schätzt, dass die derzeitige Warenmenge der von Weihnachten und Ostern zusammen entspricht: „Statt normal 100.000 Kolli täglich haben wir derzeit doppelt so viel. Und kurz nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie waren es sage und schreibe 500.000!“ Als Kolli wird in der Logistik eine Ladeeinheit bezeichnet, die sich einzeln transportieren lässt.

    „11 Lkw an einem Tag mit je 33 Paletten Toilettenpapier. Bei anderen Zellstoffprodukten ist das ähnlich. Normal sind fünf bis sechs, jetzt kommen 15 Lkw täglich bei uns an. Und am nächsten Tag melden die Filialen, dass sie Nachschub brauchen.“

    500.000 Ladeeinheiten, die sind mit normaler Belegschaft im Dreischichtbetrieb nicht zu schaffen. „Eigentlich haben wir zwischen 20 und 25 Leiharbeitnehmer. Jetzt haben wir noch einmal so viele genehmigt bekommen, obwohl wir eigentlich Leiharbeiter nur für saisonale Auftragsspitzen benötigen und natürlich Festeinstellungen bevorzugen. Aber zur Zeit geht es einfach nicht anders“, sagt Ronald Fritz, der auch Mitglied im neunköpfigen Betriebsrat und in der sächsischen ver.di-Tarifkommission ist. Dazu werde in Sonderschichten, meist in der Nacht von Freitag auf Samstag oder in zwei Samstagsschichten, im Lager gearbeitet. Manchmal gebe es sogar Platzprobleme auf den rund 50.000 Quadratmetern Hallenfläche, was in etwa der Größe von sieben Fußballfeldern entspricht. Die Warenausgangspuffer seien nicht selten voll. Fremdspeditionen wurden angeheuert, um das immense Volumen in die Filialen zu bringen.

    „Wir hatten in den letzten Tagen zum Beispiel 11 Lkw an einem Tag mit je 33 Paletten Toilettenpapier der Eigenmarke von Edeka. Bei anderen Zellstoffprodukten ist das ähnlich. Normal sind fünf bis sechs, jetzt kommen 15 Lkw täglich bei uns an. Und am nächsten Tag melden die Filialen, dass sie Nachschub brauchen.“ Bei anderen Produkten, wie zum Beispiel Brotbackmischungen, können die Hersteller die Bestellmengen gar nicht so schnell produzieren. Ronalds Botschaft an die Menschen im Lande: „Ihr müsst nicht hamstern, es ist alles da!“ Seine Befürchtung ist inzwischen aber eher, dass im nächsten Monat, wenn Tausende mit Kurzarbeitergeld über die Runden kommen müssen, ein großer Einbruch kommt, der ebenso wenig planbar ist wie jetzt die Hamsterkäufe.

    Dass die Belegschaft des Edeka-Großlagers trotz der Herausforderungen stabil und bei guter Laune ist, verdankt sie dem guten Krisenmanagement des Arbeitgebers. Viele Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen, es gibt überall Spender mit Desinfektionsmittel, in der Kantine wurden Klebestreifen für den Sicherheitsabstand angebracht, die Mahlzeiten entsprechend durchorganisiert und einiges mehr. Es gibt kostenloses Essen und Trinken rund um die Uhr. Beantragter Urlaub kann beliebig verschoben werden, eine Urlaubssperre gibt es aber nicht. „Wir haben hier trotz allem gute Bedingungen und verdienen gutes Geld“, sagt Fritz, und: „Edeka ist schon ein guter Arbeitgeber, sonst wäre ich nicht so viele Jahre dageblieben.“


    Primark hat Rücklagen

    Heike Eckert, 55, Betriebsratsvorsitzende Primark Dortmund Foto: privat Heike Eckert, 55, Betriebsratsvorsitzende Primark Dortmund

    2. April 2020 – „Die Verhandlungen über die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes sind aus meiner Sicht nicht ganz optimal gelaufen. Eigentlich existiert für den Handel in Nordrhein-Westfalen ein Tarifvertrag, wonach dem Antrag auf Kurzarbeitergeld eine vierwöchige Ankündigungsfrist folgt. In dieser Zeit muss der Arbeitgeber das Entgelt in voller Höhe weiterzahlen. Doch in den Verhandlungen mit Primark gab es so viel Druck, dass wir am Ende eine Betriebsvereinbarung unterschrieben haben, die für alle Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten eine Aufstockung des Kurarbeitergeldes auf 90 Prozent des Entgelts vorsehen. Die Regelungen gelten seit dem 1. April für 3 Monate. Leider bekommen geringfügig Beschäftigte und Werksstudierende nur 30 Prozent – verpflichtet wäre der Arbeitgeber zu gar keiner Zahlung für diese Gruppe. Doch mit so wenig Geld kommt niemand aus. Immerhin benötigen die geringfügig Beschäftigten keine Zustimmung des Arbeitgebers, wenn sie einen weiteren Job annehmen.

    Für Primark ist die Lage auch deshalb schwierig, weil es keinen Onlinehandel gibt. Mit 373 geschlossenen Filialen in Europa und Amerika wird derzeit Null Umsatz erzielt. Aber natürlich hat das Unternehmen Rücklagen. Ich fand es auch etwas voreilig, in den Verhandlungen einer Verschiebung der Urlaubsgeldauszahlung zuzustimmen. Eigentlich bekämen wir das Geld im Mai, nun soll es erst Ende August überwiesen werden. Was richtig gut bei uns funktioniert, ist der Zusammenhalt im Kolleginnenkreis. Wir sind gut vernetzt und halten Kontakt über Telefon und Mails. Das ist in dieser Zeit der Ungewissheit ausgesprochen wichtig.“


    Wir müssen weiterhin unsere Mieten zahlen

    Chris Berhorst, 37, Betriebsratsmitglied Zara München Foto: privat Chris Berhorst, 37, Betriebsratsmitglied Zara München

    2. April 2020 – „Bei Zara wurde eine Betriebsvereinbarung zur Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 100 Prozent rückwirkend zum 18. März geschlossen. Die gilt bis zum 19. April. Wie es dann weitergeht, weiß im Moment niemand.

    „Es darf nicht sein, dass die Krise auf den Rücken derer ausgetragen wird, die sich eh schon im untersten Lohniveau befinden!“

    Klar ist, dass niemand mit 60 bzw. 67 Prozent vom Nettolohn über die Runden kommen kann. Unternehmen haben jahrelang von den Beschäftigten im Einzelhandel profitiert. Es darf nicht sein, dass die Krise auf den Rücken derer ausgetragen wird, die sich eh schon im untersten Lohniveau befinden! Wenn der Staat in Corona-Zeiten Kurzarbeitergeld zahlt, ist es für Unternehmen die moralische Pflicht, ihre Mitarbeiter nicht in den finanziellen Ruin schlittern zu lassen, sondern auch längere Zeit diese Zahlung aufzustocken. Denn im Gegensatz zu den Versuchen einiger Großkonzerne, ihre Mietzahlungen auszusetzen, müssen wir als Arbeitnehmer letztendlich weiterhin unsere monatliche Miete und andere Kosten leisten.“


    Die ganze Zeit am Rand der Erschöpfung

    Heidi Metzger, 58, Verkäuferin in einem HIT-Markt in Rheinland-Pfalz Foto: privat Heidi Metzger, 58, Verkäuferin in einem HIT-Markt in Rheinland-Pfalz

    26. März 2020 – „Am Anfang der Corona-Krise war es sehr chaotisch bei uns, und den Kunden hat das Verständnis gefehlt. Sie waren rücksichtslos untereinander, aber auch gegenüber uns. Ich habe erlebt, wie eine ältere Frau, die sich in der Warteschlange um ihren dementen Mann kümmern musste, in Tränen ausbrach, weil niemand ihr half, niemand sie vorließ. Inzwischen hat sich die Situation gebessert. Das weiß ich von meinen Kolleginnen, denn ich selbst war nervlich so fertig, dass ich krank geworden bin.

    Zu Beginn gab es ja keinerlei Schutz für uns, keine Handschuhe, kein Desinfektionsmittel, keine Abstandshalter an der Kasse. Es hat gedauert, bis unsere Geschäftsleitung diese Gegenstände besorgen konnte. Nun sind vor den Kassen Schutzwände aus Plexiglas installiert. Es darf nur noch eine bestimmte Zahl an Kunden gleichzeitig ins Geschäft, am Eingang steht Security. Das Klima hat sich dadurch entspannt.

    So etwas wie in den ersten Tagen der Corona-Pandemie möchte ich nie wieder erleben müssen. Diese Rücksichtslosigkeit, dieses Hamstern und diese Aggressivität! Wir Beschäftigte arbeiten die ganze Zeit am Rand der Erschöpfung und leisten viele Überstunden. Ich möchte aber hinzufügen, dass HIT ein sehr guter Arbeitgeber ist. Wir werden nach Tarif bezahlt, haben gute Arbeitsbedingungen und bekommen Mehrarbeitszuschläge.“


    Abstand vom täglichen Irrsinn

    Markus Prucker, 47, Kommissionierer im Edeka-Lager Marktredwitz Foto: privat Markus Prucker, 47, Kommissionierer im Edeka-Lager Marktredwitz

    26. März 2020 – „Bei uns ist inzwischen die fünfte Woche in Folge der Teufel los, und wir haben doppelt so viel zu tun wie normal. Das bedeutet, dass wir sechs Tage am Stück arbeiten, 47 Stunden die Woche. Inzwischen sind Kollegen krank geworden von der Überlastung, denn der psychische Druck ist enorm. Außerdem fehlen uns teilweise die tschechischen Kollegen, die als Leiharbeiter bei uns arbeiten. Wenn die nach Hause fahren, können sie wegen der Grenzschließung und der Quarantäneregelungen in ihrem Land anschließend nicht zu uns zurückkehren.

    Der Warennachschub ist das geringste Problem; jeden Tag kommt genug an, aber wir können nicht dauerhaft so viel arbeiten. Jeder von uns sollte zur Entlastung endlich wieder ein komplett freies Wochenende bekommen! Auch wenn man nicht groß wegfahren oder lange rausgehen kann, bedeutet das doch Abstand vom täglichen Irrsinn bei der Arbeit.“


    Ich möchte Ostern gesund erleben

    Yvonne Roters, 44, Verkäuferin Marktkauf Osnabrück Foto: privat Yvonne Roters, 44, Verkäuferin Marktkauf Osnabrück

    26. März 2020 – „Am meisten nervt es, dass die Kunden nach der Ansprache der Kanzlerin noch immer nicht verstanden haben, dass ein Lebensmittelgeschäft keine Freizeiteinrichtung ist, in der Familien und andere Personengruppen sich zum Vergnügen aufhalten. Einkaufen sollte jeder einzeln jeweils mit einer Einkaufswagenlänge Abstand, um uns und die Kunden untereinander zu schützen. Wir müssen aus- und durchhalten – die Kunden müssen Abstand halten! Manchen Kunden ist vielleicht nicht bewusst, dass auch wir zu Hause Familie haben, für die wir sorgen und für die wir gesund bleiben wollen. Ich wünsche jedenfalls mir und möglichst vielen Menschen, Ostern gesund zu erleben.“


    Völlig sinnlose Aktionsware

    Tim Schreyer, 40, arbeitet am Wareneingang im Edeka-Lager Marktredwitz Foto: privat Tim Schreyer, 40, arbeitet am Wareneingang im Edeka-Lager Marktredwitz

    26. März 2020 – „Bei uns herrscht Chaos, anders lässt sich der momentane Zustand nicht beschreiben. Im Normalfall gehen hier täglich 1.400 Paletten mit Waren ein, jetzt sind es 2.400! Zum Teil erhalten wir völlig sinnlose Aktionsware wie Playmobilfiguren oder Gartengeräte. Das Bearbeiten und Weiterleiten kostet unnötig Zeit. Die Geschäftsleitung nimmt zu wenig Rücksicht und belastet uns mit solchen Extraarbeiten noch zusätzlich. Die Krankenstände steigen inzwischen. Wenn wir nicht Auszubildende aus der Verwaltung als Ersatz bekommen hätten, würde gar nichts mehr laufen. Erst jetzt haben wir endlich Desinfektionsmittel nachgeliefert bekommen und andere Schutzmaterialien.“


    Wir sind hartnäckig!

    Vesna Mandalenakis, 50, ist Betriebsratsvorsitzende in der Douglas-Filiale München Kaufinger Straße Foto: Kallia Mandalenakis Vesna Mandalenakis, 50, ist Betriebsratsvorsitzende in der Douglas-Filiale München Kaufinger Straße

    25. März 2020 – „Seit vergangener Woche sind alle Douglas-Filialen geschlossen. Der Arbeitgeber will die Kurzarbeiterregelung in Anspruch nehmen und den Beschäftigten nur einen Aufschlag von 5 Prozent aus eigenen Mitteln zahlen. Doch damit kommen unsere Kolleginnen nicht aus, zumal wir sehr viele Teilzeitbeschäftigte und Alleinerziehende haben. Bei den hohen Mieten in München langt schon der normale Lohn bei vielen nur so gerade eben. 67 Prozent Kurzarbeitergeld plus 5 Prozent Aufstockung reichen für eine alleinerziehende Mutter und ihre Kinder sicher nicht. Douglas hat in den letzten Jahren sehr gut verdient und könnte sich eine Aufstockung bis auf 90 Prozent des eigentlichen Lohns bestimmt leisten. Immerhin muss der Arbeitgeber mit uns Betriebsräten über die Kurzarbeiterregelung verhandeln, da sie mitbestimmungspflichtig ist. Und wir sind hartnäckig! Doch von bundesweit mehr als 400 Filialen haben nur 43 einen Betriebsrat. In den übrigen legt der Arbeitgeber den Beschäftigten ein Papier vor, mit dem sie der Kurzarbeit und den verringerten Zahlungen zustimmen. Der Druck ist sehr groß.

    Vergangene Woche, als der Verkauf schon eingestellt war, mussten die Beschäftigten trotzdem in die Läden kommen, um aufzuräumen und ähnliche Arbeiten zu verrichten. Ich habe für unsere Filiale immerhin erreicht, dass die Kolleginnen sich mit Buchungen im Wareneingang beschäftigt haben und nicht putzen mussten. Fünf Beschäftigte in einem kleinen Raum – das ist nicht unbedingt sinnvoll während einer Corona-Pandemie!“

    Texte: Gudrun Giese (7), Gundula Lasch (1)