Arbeit in Zeiten von Corona

    Die Kunst, von der Kunst leben zu können

    Kunst&Kultur

    Kultur mit Krücken

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Keine Auftritte mehr, keine Ausstellungen mehr, keine Theateraufführungen, keine Konzerte, keine Drehs – das Kulturleben in Deutschland wurde wegen des Coronavirus auf Null runtergefahren. Punkt. Aus. Ende. Nichts ging mehr, nichts war mehr erlaubt, und vieles ist noch immer nicht wieder erlaubt. Rund 1,2 Millionen Menschen sind in Deutschland in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, darunter über 10.000 bildende Künstler*innen, rund 45.000 darstellende Künstlerinnen und deutlich über 50.000 Musiker*innen. Sie alle sind von einem auf den nächsten Tag in existentielle Not geraten. Manche zehren noch von Erspartem, die allermeisten haben und mussten Soforthilfe beantragen. Dass die vielen Selbstständigen und Solo-Selbstständigen in der Krise von Anfang an mitgedacht wurden, ist auch ver.di zu verdanken. Aber längst haben nicht alle einen Antrag auf Soforthilfe stellen können, noch immer stecken auch Anträge in der Warteschleife. Die Frage, wie viel Kunst und Kultur sich eine Gesellschaft leisten will, wird immer drängender, für die allermeisten Künstlerinnen und Künstler ist es eine existentielle.

    Die Sitzreihen abgedeckt, der Orchestergraben verlassen – die Kulturstätten in Deutschland wirken dieser Tage gespenstisch leer Foto: DPA Die Sitzreihen abgedeckt, der Orchestergraben verlassen – die Kulturstätten in Deutschland wirken dieser Tage gespenstisch leer


    Ich bin nicht bereit, für die Kunst zu sterben

    Sandra Becker, 52, bildende Künstlerin, lebt und arbeitet in Berlin privat Sandra Becker, 52, bildende Künstlerin, lebt und arbeitet in Berlin

    29. Juni 2020 – „Ich arbeite mit Fotografie, Video und Installation. Nach dem Studium konnte ich gut von meiner Kunst leben, weil ich immer wieder Stipendien bekommen habe. Aber je älter ich wurde, desto schwieriger wurde das mit der Finanzierung der eigenen Kunst. Ich habe deshalb immer auch andere Jobs gehabt. Ich bin alleinerziehend und habe meinen Sohn allein großgezogen und finanziert. Gerade hat er sein Abitur gemacht. Das ist sehr schön, darüber freue ich mich, aber es war nie einfach. Ich musste in festen Arbeitsverhältnissen Geld verdienen. Es ist schade, dass es in Deutschland einfach nicht möglich ist, zumal als alleinerziehende Künstlerin, von der eigenen Kunst leben zu können. Ob ich es ohne Kind geschafft hätte, ist schwer zu sagen, aber seit mein Sohn vor 18 Jahren geboren wurde, hat sich mein Arbeitsalltag komplett verändert.

    Seit knapp zwei Jahren bin ich im Fachbereichsvorstand „Bildende Kunst“ bei ver.di Berlin-Brandenburg. Wir kümmern uns unter anderem um die Ausstellungen in der Medien-Galerie, natürlich um die Fachgruppe in ver.di, und im vergangenen Jahr habe ich eine kulturpolitische Tagung mit organisiert, weil ich es wichtig finde, die Politik mit in die Lage der Künstlerinnen und Künstler einzubeziehen. Als ich noch in der Medienwerkstatt im Kulturwerk gearbeitet habe, bin ich dort auch in der Tarifkommission gewesen. Wir haben uns für Tarifverträge eingesetzt. Dadurch konnte ich eine halbe Stelle bekommen, alle bekamen Tarifverträge. Das war auch sehr erfolgreich, hat aber am Ende leider nicht dazu geführt, dass die Löhne durchgehend angehoben worden sind. Es war gut, dass ver.di uns da unterstützt hat, aber für mich hat es weitreichende Folgen gehabt, weil ich anschließend an meinem Arbeitsplatz massiv gemobbt worden bin. Am Ende habe ich mein Arbeitsverhältnis gekündigt. Jetzt bin ich als Dozentin im Hochschulbereich tätig.

    „Ich musste schon immer sehr viel arbeiten, um auch noch meine Kunst machen zu können. Mit Corona ist das alles noch mal schlimmer geworden. Erst habe ich gedacht, das ist doch gar nicht so schlecht, dann kann ich zuhause bleiben und habe mehr Zeit für meine Kunst. Tatsächlich ist mein Leben auf den Kopf gestellt worden.“

    Finanziell geht es immer irgendwie, aber es bleibt schwierig, wenn man Kunst macht. Man hat hohe Investitionen und es als Frau umso schwerer, gut bezahlte Positionen zu finden, mit denen sich gleichzeitig die Kunst stemmen ließe. Ich musste schon immer sehr viel arbeiten, um auch noch meine Kunst machen zu können. Mit Corona ist das alles noch mal schlimmer geworden. Erst habe ich gedacht, das ist doch gar nicht so schlecht, dann kann ich zuhause bleiben und habe mehr Zeit für meine Kunst. Tatsächlich ist mein Leben auf den Kopf gestellt worden. Alle meine freiberuflichen Projekte und Ausstellungen wurden von einem auf den anderen Tag gecancelt. Meine noch vorhandenen Jobs musste ich komplett auf online umstellen, was auch nicht einfach war, weil mir teils die nötige technische Infrastruktur dafür fehlte. Zum Beispiel war mein Internet viel zu langsam. Insgesamt musste ich viel Geld investieren. Ich habe das alles gut überstanden, aber wenn ich jetzt so zurückblicke, war das doch sehr sehr anstrengend.

    Meine finanziellen Einbußen wurden teils durch die Soforthilfe abgefedert, ich konnte so zumindest die hohen Kosten für mein Atelier weiter finanzieren. Das war schon toll mit der Hilfe. Aber am Anfang sah es nach zwei Wochen Ausnahmezustand aus, jetzt, knapp vier Monate später und trotz Lockerungen sind wir immer noch weit entfernt von normalen Bedingungen. Und gerade in dem prekären Bereich der Kunst verändert sich grundlegend etwas. Die soziale Kluft, wer es sich leisten kann, künstlerisch zu arbeiten und wer nicht, ist groß geworden. Das sind jedenfalls meine Beobachtungen.

    Mein letztes Projekt hatte ich im Rahmen von „Art and Feminism“ in New York, in das ich viel Geld und Zeit investiert habe. Es ging um Frauen und sexuelle Belästigung im Internet, ein sehr zukunftsweisendes Projekt im Zusammenhang mit der internationalen Frauenrechtskommission bei der UNO. Ich konnte das am 12. März, einen Tag vor dem Lockdown, noch mehr oder weniger abschließen in New York. Aber vieles konnte dann eben auch nicht mehr stattfinden. Das war schlimm für mich. Ich habe für das Projekt nur eine Förderung, aber kein Honorar bekommen. Es ist mir wichtig gewesen, deshalb habe ich es gemacht. Die Arbeit an dem Projekt hat aber auch gezeigt, wie schwer sich die bezahlte Arbeit mit so einem Projekt vereinbaren lässt. Es wird dann eben doch vorausgesetzt, dass die Erwerbsarbeit im Vordergrund steht. Andererseits bin ich aber mit dem Projekt auch bestimmte Verpflichtungen eingegangen. Das ist auf Dauer eine unbefriedigende Situation. Vor allem weil auf der anderen Seite kein Verständnis für solche Projekte da ist. Am Ende bin ich froh, es gemacht zu haben,  zumal es erfolgreich gewesen ist. Ich hatte nur Schwierigkeiten, zurück nach Berlin zu kommen, weil mein Rückflug gecancelt worden war. Ich bin dann mit dem letzten Flug zurückgekommen und direkt freiwillig 14 Tage in Quarantäne gegangen. Ich wusste ja nicht, ob ich mich in New York angesteckt hatte. Und nach den 14 Tagen waren wir dann alle in Quarantäne.

    Anfangs war ich ganz entspannt wegen Corona, aber inzwischen kennt man Menschen, die erkrankt sind, teils auch Menschen, die einen schweren Verlauf haben. Heute denke ich, ich müsste mich mehr um meine Gesundheit kümmern, aber das sagt sich immer leicht und ist nur schwer umzusetzen, wenn man alleinerziehend ist und immer arbeiten muss, damit das Geld ausreicht.

    Am Anfang habe ich mich noch an einem Web-Tagebuch beteiligt, das die Krise aus künstlerischer Sicht abbilden sollte. Aber als die Krise immer länger andauerte und alles schwieriger wurde, gingen mir die Ideen aus. Das Homeschooling war für Mütter eine extreme Belastung. Ich hatte oft auch gar keine Kraft mehr, irgendetwas zu machen. Ich war vielmehr mit meinem Sohn und seinem Abitur beschäftigt, und damit, alle meine anderen Sachen auf die Reihe zu bekommen. Die beengte Wohnsituation mit emotionaler Enge in einer Zeit, wo er sich ablösen wollte, war nicht einfach.

    „In der Krise sind die Themen Gleichberechtigung und Gendermainstreaming in den Hintergrund geraten, wurden einfach weggewischt und als Lappalien abgetan. Da setze ich jetzt wieder an, weil mich das auch schon vor Corona beschäftigt hat.“

    Inzwischen freue ich mich wieder auf die erste Ausstellung, die Energie für meine Kunst ist zurück. In der Krise sind die Themen Gleichberechtigung und Gendermainstreaming in den Hintergrund geraten, wurden einfach weggewischt und als Lappalien abgetan. Da setze ich jetzt wieder an, weil mich das auch schon vor Corona beschäftigt hat. Ich habe vorher viel zum Gender-Pay-Gap gearbeitet, der hat mich jahrelang in meinem Leben begleitet. Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, das alles auch wieder in die Kunst reinzubringen. Es ist ja so offensichtlich gewesen, wie in der Krise auf einmal die Frauen aus dem Blickfeld verschwanden. Auch wenn vieles hierzulande gut gemacht wurde, war es für mich auffallend, dass die Frauen auf einmal wieder hinten anstanden, und Männer wieder alles alleine managten und erklärten. Das ist etwas, womit ich mich gerade in meiner Kunst sehr beschäftigte.

    Die Kunst gehört zu meinem Leben, ist existentiell. Und ich werde deshalb auch weiter Kunst machen mit den Mitteln und den Bedingungen, die mir gegeben sind. Nur eine wirtschaftliche Existenz werde ich mir davon nicht aufbauen können, vor allem nach dieser Krise nicht. Die Erwerbsarbeit wird daher auch Teil meines Lebens bleiben, weil ich weiterhin ein menschenwürdiges Leben leben möchte. Ich bin nicht bereit, für die Kunst zu sterben.“

    Protokoll: Petra Welzel


    Ich arbeite jetzt jeden Tag 12 bis 14 Stunden

    Miriam Köpke, 44, leitet die Musikschule für den Kreis Gütersloh privat Miriam Köpke, 44, leitet die Musikschule für den Kreis Gütersloh

    12. Mai 2020 – „Am 16. März haben wir unseren Musikschulbetrieb auf Online-Unterricht umgestellt. Dadurch hatten wir keinen Tag Unterrichtsausfall, zumindest beim Einzelunterricht. Jeder von uns hat dabei das Equipment genutzt, das er zu Hause hatte. Wir sind offensiv direkt auf online gegangen, ohne lange Konzeptionsphase. Dabei ging dann auch schon mal Unterricht vor Datenschutz, das haben wir erst nach und nach geändert.

    Zum einen unterrichten wir jetzt über Videokonferenzen. Zum anderen verschicken wir Arbeitsmaterialien, beraten am Telefon oder bewerten Videofilme, die uns die Schülerinnen und Schüler oder ihre Eltern von ihrem Spiel schicken. Zudem haben wir in diesen ersten Tagen einen YouTube-Kanal eingerichtet, auf dem Lehrfilme angesehen werden können. Einige davon sind öffentlich zu sehen, andere wiederrum nicht. Die Art des Unterrichts hängt auch viel davon ab, welche technische Ausstattung bei den Schülerinnen und Schülern vorhanden ist, wie stabil ihre Datenübertragung per LAN oder WLAN ist.

    „Ich habe mir unglaublich viele Tutorials dazu angeschaut und mittlerweile sogar an einem Webinar in den USA teilgenommen. Ich will da auf dem neuesten Stand sein und muss mir auch Ideen holen.“

    Für mich persönlich bedeutet die Umstellung, dass ich seit Mitte März jeden Tag 12 bis 14 Stunden arbeite. Nur den Ostersonntag habe ich mir frei genommen. Ich berate die Lehrkräfte in allen Fragen, insbesondere in den ersten beiden Wochen habe ich sie zusammen mit einem Kollegen so gut es ging geschult und viele von ihnen erst einmal technisch fit gemacht. Auch die einzelnen Fachbereiche bieten jetzt Videokonferenzen an, in denen sie sich austauschen können.

    Mittlerweile haben wir einmal in der Woche eine zweistündige Online-Sprechstunde, in der alle über ihre aktuelle Situation reden können oder auch Fragen stellen können. Ich habe mir unglaublich viele Tutorials dazu angeschaut und mittlerweile sogar an einem Webinar in den USA teilgenommen. Ich will da auf dem neuesten Stand sein und muss mir auch Ideen holen.

    „Ich unterrichte meine Chöre weiter. Dazu nutze ich ein Programm, mit dem ich möglichst viele Leute gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen kann. Singen kann allerdings immer nur einer, alle anderen Sänger muss ich dann stumm schalten.“

    Wichtig ist für mich Transparenz, ich halte alle Beschäftigten der Musikschule immer per Mail auf dem Laufenden. Ich will sie motivieren und mitnehmen, denn ohne ihr großes Engagement hätten wir das nicht geschafft. Als Chefin will ich ihnen nicht nur mit Rat und Tat zur Seite stehen, sondern auch mit gutem Beispiel voran gehen. Ich unterrichte meine Chöre weiter. Dazu nutze ich ein Programm, mit dem ich möglichst viele Leute gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen kann. Singen kann allerdings immer nur einer, alle anderen Sänger muss ich dann stumm schalten. Es trauen sich aber auch längst nicht alle vorzusingen. Aber alle lernen mit, wenn ich etwas erkläre, zum Beispiel zur Atmung. Und für die Mitglieder meines Seniorenchors habe ich Filme zu den Lernstimmen bei YouTube eingestellt, damit sie sich vorbereiten können.

    Im Einzelunterricht läuft das ziemlich problemlos. Einige Schüler sind in der Übertragung sogar aufmerksamer als hier im Unterricht. Derzeit arbeiten wir mehr an der Technik, denn die Übertragung verzerrt die Klänge oft schon etwas, so dass man mehr auf Details wie Haltung oder Atmung achtet. Der Online-Unterricht kann den analogen Unterricht mit persönlichem Kontakt nicht ersetzen. Wir freuen uns schon darauf, wenn die Schülerinnen und Schüler wieder zu uns kommen können.

    Aber immerhin haben wir es geschafft, 90 Prozent des Einzelunterrichts so abdecken zu können. Wenn alle ihr Geld zurück gewollt hätten, weil kein Unterricht stattfinden kann, wäre das für uns sehr hart geworden. Auch im Gruppenunterricht bieten wir Alternativen wie Online-Unterricht oder Video-Tutorials an. Leider ist hier die Resonanz nicht so gut wie beim Einzelunterricht, da manche Kooperationsschulen digital nicht so gut ausgestattet sind. Sie möchten sich aktuell auf ihre Kernfächer konzentrieren und setzen deshalb die Kooperations-Gruppenunterrichte mit uns aus. Eventuell müssen wir deshalb für einige Lehrkräfte, die viel Gruppenunterricht geben, Kurzarbeit beantragen. Aber wir bleiben im Gespräch und bieten unseren Unterricht weiter an – auch für neue Schülerinnen und Schüler.

    Insgesamt arbeiten 103 Leute an unserer Schule, fünf von ihnen in der Verwaltung. 20 Prozent der Lehrenden sind Honorarkräfte, die so natürlich weiter arbeiten konnten und auch ihr Geld weiter bekommen haben. Auch von ihnen habe ich positive Rückmeldungen erhalten. Ich kann nur sagen, dass das gesamte Kollegium in dieser Situation toll reagiert hat. Auch die, die sich Online-Unterricht erst gar nicht vorstellen konnten, haben mitgezogen. Deswegen versuche ich auch alle immer weiter zu motivieren, damit wir die Zeit bis zur Rückkehr zum persönlichen Unterricht gut überbrücken können.

    Protokoll: Heike Langenberg

    Ich sortiere erst mal meine Noten

    Isabel Neuenfeldt, 47, ist freischaffende Musikerin und mit ihrem Akkordeon immer wieder auch auf gewerkschaftlichen Kundgebungen dabei Foto: privat Isabel Neuenfeldt, 47, ist freischaffende Musikerin und mit ihrem Akkordeon immer wieder auch auf gewerkschaftlichen Kundgebungen dabei

    3. April 2020 – „Ich arbeite sehr gern, bin privilegiert mit meinem Beruf, weil ich fast ausnahmslos alles gern mache. Ich arbeite von einem Monat zum anderen, wie das bei Freischaffenden so ist. Auch wenn es jetzt nach 25 Jahren Selbstständigkeit auch mal vorkommt, das man schon was fürs nächste Jahr hat oder für den Herbst. Aber das meiste kommt kurzfristig, auch die Trauerfeiern, die ich auch mache. Zuerst dachte ich, die Trauerfeiern wirst du ja weitermachen können, gestorben wird ja, und die Leute müssen ja verabschiedet werden. Aber Pustekuchen, die Bestatter können ihre Arbeit gar nicht mehr machen. Die können die Toten nicht versorgen, die Angehörigen nicht begleiten. Das ist ja alles nicht mehr erlaubt. Und so kam das jetzt von einen Tag auf den anderen, dass nur noch Absagen kamen.  

    Ich persönlich beobachte das mit großem Schmerz, sich von den Verstorbenen nicht verabschieden zu dürfen, und auch die Feiern mit den Freunden und Verwandten nicht machen zu können, finde ich tragisch. Und das ganz abgesehen von meiner persönlichen Tragik, weil ich die Musik dabei sehr gerne mache. In der Kapelle, auf dem Friedhof, bei den Feiern oder auch auf einem Schiff, wenn es eine Seebestattung war. Manchmal auch bei der Abschiednahme im Krematorium. Die Musik spielt da eine ganz andere Rolle als bei einem Konzert, wo man Publikum hat, wo man sich freut über den Kontakt zum Publikum und den Applaus. Aber der Kontakt zu den Menschen ist ein ganz anderer, viel dichter. Ich frage nach dem Lieblingslied, alle möglichen Sachen vom schnulzigen Schlager bis zum französischen Rapp; wenn es ein Lieblingslied war, hole ich die Leute ab. Da bin ich völlig ohne Urteil, wenn es um eine Trauerfeier geht.

    Für mich ist auch schmerzhaft, das Konzerte jetzt nicht mehr stattfinden können, Geburtstagsfeiern, ein Theaterstück. Alles liegt brach. Das ist schockierend. Aber damit kann ich besser umgehen als mit der Angst, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Besuche im Pflegeheime sind nicht mehr möglich. Ich spiele auch im Hospiz für die, die allein sind, keine Angehörigen haben, aber auch für die, die welche haben. Die vereinsamen jetzt total. Es gibt akute Fälle, schwere Fälle, Menschen, die keine hohe Lebenserwartung mehr haben – grausam. Eine sehr gute Freundin ist gerade auf die Intensivstation gekommen, da habe ich ernste Bedenken. Für die ist jeder Keim gefährlich. Zu ihr kann keiner, auch die Eltern nicht, die leben in Südafrika, sie würden sofort das nächste Flugzeug nehmen. Das finde ich persönlich sehr schmerzlich. Das ist einfach ein Dilemma, was nicht zu lösen ist.

    „In den letzten drei Tagen habe ich tatsächlich schon keine Musik mehr gespielt. Ich glaube, ich bin von so einer kleinen Lähmung befallen gewesen.“

    Im Hospiz begleite ich einen älteren Herrn. Da dachte ich auch, ich darf den nicht anstecken. Aber er hat gesagt, ,na sag mal, du bist für mich schon die ganze Zeit eine Gefahr, ich darf mich mit nichts anstecken. Ich pfeif drauf.’

    Konkrete Angst habe ich davor, dass die ganzen Strukturen, die hier in Berlin gewachsen sind, den Bach runtergehen. Ich bin traurig, wenn ich rausgehe. Weil die kleinen Läden fehlen, der Vietnamese an der Ecke, der Spielzeugladen. Wenn all die vielen kleinen Lädchen kaputtgehen, macht mich das traurig. Und was wird mit den Menschen, das ist ja auch ein psychische Belastung? Eine Bekannte, die Therapeutin ist, will sich nicht vorstellen, wenn das lange so weitergeht, was in den Familien passiert, wenn sie so eng aufeinander hocken, oder mit Leuten, deren Betrieb den Bach runtergeht.

    In den letzten drei Tagen habe ich tatsächlich schon keine Musik mehr gespielt. Ich habe jetzt angefangen, erstmal alle Noten zu sortieren, dass ich sie wieder schneller finde. Ich glaube, ich bin von so einer kleinen Lähmung befallen gewesen. Plötzlich haben Sachen ein Gewicht wie der Antrag auf Soforthilfe. Ich schlafe mehr als sonst und verbringe mehr Zeit mit der Familie.

    Viel Solidarität erfahre ich vor allem aus linken Kreisen. Eigentlich war ich für den 1. Mai vom DGB gebucht, aber jetzt kann ich da nicht singen. Ich bekomme über einen Vertrag wenigstens ein Ausfallhonorar. Das ist aber eine Ausnahme. Beim DGB hat jemand mitgedacht. Schon auf der letzten Kundgebung, auf der ich gespielt habe, hieß es, melde dich, wenn es knapp wird. Auch von einem ver.di-Sekretär kam schon die Frage, ,wie kann ich dich unterstützen’. Ich finde es einfach schön, wenn Leute fragen. Das Angebot, zum Beispiel eine CD von mir kaufen zu wollen, beruhigt mich sehr. Und wenn es diese Soforthilfe jetzt gibt, dann reicht das ja auch erst mal ein bisschen. Mit einer Miete von 900 Euro ist meine Lage dennoch krass.“

    Protokoll: Petra Welzel