Arbeit in Zeiten von Corona

    Alles liegt brach

    Kunst&Kultur

    Keine Kultur mehr

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Keine Auftritte mehr, keine Ausstellungen mehr, keine Theateraufführungen, keine Konzerte, keine Drehs – das Kulturleben in Deutschland findet wegen des Coronavirus nicht mehr statt. Punkt. Aus. Ende. Nichts geht mehr, nichts ist mehr erlaubt. Rund 1,2 Millionen Menschen sind in Deutschland in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, darunter über 10.000 bildende Künstler*innen, rund 45.000 darstellende Künstlerinnen und deutlich über 50.000 Musiker*innen. Sie alle sind von einem auf den nächsten Tag in existentielle Not geraten. Manche zehren noch von Erspartem, die allermeisten haben und mussten Soforthilfe beantragen. Dass die vielen Selbstständigen und Solo-Selbstständigen in der Krise von Anfang an mitgedacht wurden, ist auch ver.di zu verdanken. Aber längst haben noch nicht alle einen Antrag auf Soforthilfe stellen können, noch immer stecken viele Anträge in der Warteschleife.

    Die Musikschulen hingegen halten ihren Unterricht so gut es geht online aufrecht. Wie gut das geht, zeigt das Beispiel der Musikschule des Kreises Güterloh.

    Die Sitzreihen abgedeckt, der Orchestergraben verlassen – die Kulturstätten in Deutschland wirken dieser Tage gespenstisch leer Foto: DPA Die Sitzreihen abgedeckt, der Orchestergraben verlassen – die Kulturstätten in Deutschland wirken dieser Tage gespenstisch leer


    Ich arbeite jetzt jeden Tag 12 bis 14 Stunden

    Miriam Köpke, 44, leitet die Musikschule für den Kreis Gütersloh Foto: privat Miriam Köpke, 44, leitet die Musikschule für den Kreis Gütersloh

    12. Mai 2020 – „Am 16. März haben wir unseren Musikschulbetrieb auf Online-Unterricht umgestellt. Dadurch hatten wir keinen Tag Unterrichtsausfall, zumindest beim Einzelunterricht. Jeder von uns hat dabei das Equipment genutzt, das er zu Hause hatte. Wir sind offensiv direkt auf online gegangen, ohne lange Konzeptionsphase. Dabei ging dann auch schon mal Unterricht vor Datenschutz, das haben wir erst nach und nach geändert.

    Zum einen unterrichten wir jetzt über Videokonferenzen. Zum anderen verschicken wir Arbeitsmaterialien, beraten am Telefon oder bewerten Videofilme, die uns die Schülerinnen und Schüler oder ihre Eltern von ihrem Spiel schicken. Zudem haben wir in diesen ersten Tagen einen YouTube-Kanal eingerichtet, auf dem Lehrfilme angesehen werden können. Einige davon sind öffentlich zu sehen, andere wiederrum nicht. Die Art des Unterrichts hängt auch viel davon ab, welche technische Ausstattung bei den Schülerinnen und Schülern vorhanden ist, wie stabil ihre Datenübertragung per LAN oder WLAN ist.

    „Ich habe mir unglaublich viele Tutorials dazu angeschaut und mittlerweile sogar an einem Webinar in den USA teilgenommen. Ich will da auf dem neuesten Stand sein und muss mir auch Ideen holen.“

    Für mich persönlich bedeutet die Umstellung, dass ich seit Mitte März jeden Tag 12 bis 14 Stunden arbeite. Nur den Ostersonntag habe ich mir frei genommen. Ich berate die Lehrkräfte in allen Fragen, insbesondere in den ersten beiden Wochen habe ich sie zusammen mit einem Kollegen so gut es ging geschult und viele von ihnen erst einmal technisch fit gemacht. Auch die einzelnen Fachbereiche bieten jetzt Videokonferenzen an, in denen sie sich austauschen können.

    Mittlerweile haben wir einmal in der Woche eine zweistündige Online-Sprechstunde, in der alle über ihre aktuelle Situation reden können oder auch Fragen stellen können. Ich habe mir unglaublich viele Tutorials dazu angeschaut und mittlerweile sogar an einem Webinar in den USA teilgenommen. Ich will da auf dem neuesten Stand sein und muss mir auch Ideen holen.

    „Ich unterrichte meine Chöre weiter. Dazu nutze ich ein Programm, mit dem ich möglichst viele Leute gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen kann. Singen kann allerdings immer nur einer, alle anderen Sänger muss ich dann stumm schalten.“

    Wichtig ist für mich Transparenz, ich halte alle Beschäftigten der Musikschule immer per Mail auf dem Laufenden. Ich will sie motivieren und mitnehmen, denn ohne ihr großes Engagement hätten wir das nicht geschafft. Als Chefin will ich ihnen nicht nur mit Rat und Tat zur Seite stehen, sondern auch mit gutem Beispiel voran gehen. Ich unterrichte meine Chöre weiter. Dazu nutze ich ein Programm, mit dem ich möglichst viele Leute gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen kann. Singen kann allerdings immer nur einer, alle anderen Sänger muss ich dann stumm schalten. Es trauen sich aber auch längst nicht alle vorzusingen. Aber alle lernen mit, wenn ich etwas erkläre, zum Beispiel zur Atmung. Und für die Mitglieder meines Seniorenchors habe ich Filme zu den Lernstimmen bei YouTube eingestellt, damit sie sich vorbereiten können.

    Im Einzelunterricht läuft das ziemlich problemlos. Einige Schüler sind in der Übertragung sogar aufmerksamer als hier im Unterricht. Derzeit arbeiten wir mehr an der Technik, denn die Übertragung verzerrt die Klänge oft schon etwas, so dass man mehr auf Details wie Haltung oder Atmung achtet. Der Online-Unterricht kann den analogen Unterricht mit persönlichem Kontakt nicht ersetzen. Wir freuen uns schon darauf, wenn die Schülerinnen und Schüler wieder zu uns kommen können.

    Aber immerhin haben wir es geschafft, 90 Prozent des Einzelunterrichts so abdecken zu können. Wenn alle ihr Geld zurück gewollt hätten, weil kein Unterricht stattfinden kann, wäre das für uns sehr hart geworden. Auch im Gruppenunterricht bieten wir Alternativen wie Online-Unterricht oder Video-Tutorials an. Leider ist hier die Resonanz nicht so gut wie beim Einzelunterricht, da manche Kooperationsschulen digital nicht so gut ausgestattet sind. Sie möchten sich aktuell auf ihre Kernfächer konzentrieren und setzen deshalb die Kooperations-Gruppenunterrichte mit uns aus. Eventuell müssen wir deshalb für einige Lehrkräfte, die viel Gruppenunterricht geben, Kurzarbeit beantragen. Aber wir bleiben im Gespräch und bieten unseren Unterricht weiter an – auch für neue Schülerinnen und Schüler.

    Insgesamt arbeiten 103 Leute an unserer Schule, fünf von ihnen in der Verwaltung. 20 Prozent der Lehrenden sind Honorarkräfte, die so natürlich weiter arbeiten konnten und auch ihr Geld weiter bekommen haben. Auch von ihnen habe ich positive Rückmeldungen erhalten. Ich kann nur sagen, dass das gesamte Kollegium in dieser Situation toll reagiert hat. Auch die, die sich Online-Unterricht erst gar nicht vorstellen konnten, haben mitgezogen. Deswegen versuche ich auch alle immer weiter zu motivieren, damit wir die Zeit bis zur Rückkehr zum persönlichen Unterricht gut überbrücken können.

    Protokoll: Heike Langenberg

    Ich sortiere erst mal meine Noten

    Isabel Neuenfeldt, 47, ist freischaffende Musikerin und mit ihrem Akkordeon immer wieder auch auf gewerkschaftlichen Kundgebungen dabei Foto: privat Isabel Neuenfeldt, 47, ist freischaffende Musikerin und mit ihrem Akkordeon immer wieder auch auf gewerkschaftlichen Kundgebungen dabei

    3. April 2020 – „Ich arbeite sehr gern, bin privilegiert mit meinem Beruf, weil ich fast ausnahmslos alles gern mache. Ich arbeite von einem Monat zum anderen, wie das bei Freischaffenden so ist. Auch wenn es jetzt nach 25 Jahren Selbstständigkeit auch mal vorkommt, das man schon was fürs nächste Jahr hat oder für den Herbst. Aber das meiste kommt kurzfristig, auch die Trauerfeiern, die ich auch mache. Zuerst dachte ich, die Trauerfeiern wirst du ja weitermachen können, gestorben wird ja, und die Leute müssen ja verabschiedet werden. Aber Pustekuchen, die Bestatter können ihre Arbeit gar nicht mehr machen. Die können die Toten nicht versorgen, die Angehörigen nicht begleiten. Das ist ja alles nicht mehr erlaubt. Und so kam das jetzt von einen Tag auf den anderen, dass nur noch Absagen kamen.  

    Ich persönlich beobachte das mit großem Schmerz, sich von den Verstorbenen nicht verabschieden zu dürfen, und auch die Feiern mit den Freunden und Verwandten nicht machen zu können, finde ich tragisch. Und das ganz abgesehen von meiner persönlichen Tragik, weil ich die Musik dabei sehr gerne mache. In der Kapelle, auf dem Friedhof, bei den Feiern oder auch auf einem Schiff, wenn es eine Seebestattung war. Manchmal auch bei der Abschiednahme im Krematorium. Die Musik spielt da eine ganz andere Rolle als bei einem Konzert, wo man Publikum hat, wo man sich freut über den Kontakt zum Publikum und den Applaus. Aber der Kontakt zu den Menschen ist ein ganz anderer, viel dichter. Ich frage nach dem Lieblingslied, alle möglichen Sachen vom schnulzigen Schlager bis zum französischen Rapp; wenn es ein Lieblingslied war, hole ich die Leute ab. Da bin ich völlig ohne Urteil, wenn es um eine Trauerfeier geht.

    Für mich ist auch schmerzhaft, das Konzerte jetzt nicht mehr stattfinden können, Geburtstagsfeiern, ein Theaterstück. Alles liegt brach. Das ist schockierend. Aber damit kann ich besser umgehen als mit der Angst, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Besuche im Pflegeheime sind nicht mehr möglich. Ich spiele auch im Hospiz für die, die allein sind, keine Angehörigen haben, aber auch für die, die welche haben. Die vereinsamen jetzt total. Es gibt akute Fälle, schwere Fälle, Menschen, die keine hohe Lebenserwartung mehr haben – grausam. Eine sehr gute Freundin ist gerade auf die Intensivstation gekommen, da habe ich ernste Bedenken. Für die ist jeder Keim gefährlich. Zu ihr kann keiner, auch die Eltern nicht, die leben in Südafrika, sie würden sofort das nächste Flugzeug nehmen. Das finde ich persönlich sehr schmerzlich. Das ist einfach ein Dilemma, was nicht zu lösen ist.

    „In den letzten drei Tagen habe ich tatsächlich schon keine Musik mehr gespielt. Ich glaube, ich bin von so einer kleinen Lähmung befallen gewesen.“

    Im Hospiz begleite ich einen älteren Herrn. Da dachte ich auch, ich darf den nicht anstecken. Aber er hat gesagt, ,na sag mal, du bist für mich schon die ganze Zeit eine Gefahr, ich darf mich mit nichts anstecken. Ich pfeif drauf.’

    Konkrete Angst habe ich davor, dass die ganzen Strukturen, die hier in Berlin gewachsen sind, den Bach runtergehen. Ich bin traurig, wenn ich rausgehe. Weil die kleinen Läden fehlen, der Vietnamese an der Ecke, der Spielzeugladen. Wenn all die vielen kleinen Lädchen kaputtgehen, macht mich das traurig. Und was wird mit den Menschen, das ist ja auch ein psychische Belastung? Eine Bekannte, die Therapeutin ist, will sich nicht vorstellen, wenn das lange so weitergeht, was in den Familien passiert, wenn sie so eng aufeinander hocken, oder mit Leuten, deren Betrieb den Bach runtergeht.

    In den letzten drei Tagen habe ich tatsächlich schon keine Musik mehr gespielt. Ich habe jetzt angefangen, erstmal alle Noten zu sortieren, dass ich sie wieder schneller finde. Ich glaube, ich bin von so einer kleinen Lähmung befallen gewesen. Plötzlich haben Sachen ein Gewicht wie der Antrag auf Soforthilfe. Ich schlafe mehr als sonst und verbringe mehr Zeit mit der Familie.

    Viel Solidarität erfahre ich vor allem aus linken Kreisen. Eigentlich war ich für den 1. Mai vom DGB gebucht, aber jetzt kann ich da nicht singen. Ich bekomme über einen Vertrag wenigstens ein Ausfallhonorar. Das ist aber eine Ausnahme. Beim DGB hat jemand mitgedacht. Schon auf der letzten Kundgebung, auf der ich gespielt habe, hieß es, melde dich, wenn es knapp wird. Auch von einem ver.di-Sekretär kam schon die Frage, ,wie kann ich dich unterstützen’. Ich finde es einfach schön, wenn Leute fragen. Das Angebot, zum Beispiel eine CD von mir kaufen zu wollen, beruhigt mich sehr. Und wenn es diese Soforthilfe jetzt gibt, dann reicht das ja auch erst mal ein bisschen. Mit einer Miete von 900 Euro ist meine Lage dennoch krass.“

    Protokoll: Petra Welzel