Arbeit in Zeiten von Corona

    Sieben Tage die Woche im Dienst

    Logistik

    Geschlossene Raststätten, keine Toiletten, keine Duschen

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Damit die Lebensmittelgeschäfte hierzulande jeden Tag wieder volle Regale haben, müssen die Warenströme fließen und viele vollbeladene Lastkraftwagen hin und her bewegt werden. Doch für hunderttausende Berufskraftfahrer*innen ist das in Zeiten des Coronavirus ein teils gefährliches Unterfangen geworden. Vom sogenannten Lockdown sind nämlich auch sämtliche Raststätten an den Autobahnen betroffen. Alle Restaurants sind geschlossen, und somit können die Fahrer*innen die Toiletten auf den Raststätten nicht mehr aufsuchen. Zudem halten viele Tankstellen ihre Toiletten verschlossen und stellen ersatzweise maximal eine Chemietoilette auf. Kunden wiederum, bei denen die Fahrer*innen Waren abliefern, sperren ihre Toiletten aus Angst vor Krankheitsübertragung für Betriebsfremde, also auch für die Kraftfahrer*innen. Steht dann mal eine Chemietoilette zur Verfügung, befindet sich diese meistens in einem unhygienischen Zustand und bietet keine Möglichkeit zum Händewaschen.

    In den Logistikzentren müssen hingegen immer mehr Menschen beschäftigt werden, um die Waren bereitzustellen. Und je mehr Menschen auf einem begrenzten Raum arbeiten, desto schwieriger wird es, den dieser Tage gebotenen Abstand zu halten.

    LKW stehen auf der Autobahn A4 Dresden - Görlitz bei Görlitz im Stau. Tausende Brummifahrer müssen in einem auf rund 40 Kilometer Länge angewachsenen Stau vor der Grenze zu Polen ausharren Foto: Robert Michael/dpa LKW stehen auf der Autobahn A4 Dresden - Görlitz bei Görlitz im Stau. Tausende Brummifahrer müssen in einem auf rund 40 Kilometer Länge angewachsenen Stau vor der Grenze zu Polen ausharren


    Eine Woche könnte ich finanziell hinnehmen

    Sven Fritzsche, 49, arbeitet als Berufskraftfahrer bei einer Spedition in Zwickau Foto: Kreitling Sven Fritzsche, 49, arbeitet als Berufskraftfahrer bei einer Spedition in Zwickau

    29. März 2020 – „Wir sind Gebietsspediteur in der Automobilindustrie. Als dort die Produktion eingestellt wurde, hatten wir nichts mehr zu fahren. Der Arbeitgeber hat Kurzarbeit beantragt. Bei uns arbeiten rund 200 Beschäftigte, außerdem fahren noch Subunternehmen für uns. Unser Bereich Just-in-Time steht zurzeit still. Sonst transportieren wir mit diesem Dienst Teile von Zulieferbetrieben in der Region zum Werk hier in Zwickau.

    Unser Fernverkehr fährt überwiegend zwischen verschiedenen Automobil-Werken im In- und Ausland. Auch hier standen erst einmal 25 Autos, damit meine ich 40-Tonner, still. Nach wenigen Tagen waren sie alle wieder unterwegs, wir fahren jetzt Aufträge von Handelsketten. Wir nehmen, was der Markt hergibt. Unsere Verwaltung arbeitet teilweise im Homeoffice, die Disposition ist noch besetzt, aber zum Teil nur noch in einer Schicht, die etwas verlängert wurde.

    Ich fahre im Fernverkehr. Ob mich das Kurzarbeitergeld trifft, kann ich noch nicht abschätzen. Eine Woche könnte ich das finanziell hinnehmen, das ginge noch, auch weil es vom Arbeitgeber auf 80 Prozent aufgestockt wird. Dauert es länger, wird es schwierig. Aber keiner von uns weiß, wo die Reise hingeht. Die Stimmung ist sehr angespannt unter den Beschäftigten.

    In den 26 Jahren, die ich jetzt als Berufskraftfahrer unterwegs bin, habe ich noch nicht einmal über Kurzarbeitergeld nachdenken müssen, auch nicht als Betriebsratsmitglied. Jetzt auf einmal ist es das beherrschende Thema. Wichtig sind mir aber auch die Bedingungen, unter denen wir Fahrer jetzt arbeiten können. Bei Kunden müssen wir uns in Leitstellen anmelden. Da sind oft immer noch 30, 40 Leute auf engstem Raum, da gibt es kaum Schutzvorkehrungen. Dafür ist es Betriebsfremden untersagt, die Toiletten zu benutzen, aus Gründen der Ansteckungsgefahr. Wo soll ich denn dann auf Toilette gehen? Auch viele Raststätten sind geschlossen, das bedeutet keine Duschen und keine sanitären Anlagen.

    Sorge macht mir auch, dass Arbeitszeitregelungen außer Kraft gesetzt werden, statt zwei mal zehn Stunden Lenkzeit sind jetzt bis zu fünf mal zehn Stunden möglich. Plötzlich dürfen viel mehr Waren auch an Sonntagen transportiert werden. Das sind alles Forderungen der Arbeitgeber, deren Umsetzung wir vor nicht allzu langer Zeit auf Europäischer Ebene noch abwehren konnten. Da müssen wir aufpassen, dass das wirklich nur in diesem Krisenfall gilt.“

    Text: Heike Langenberg


    Mit ungefähr 300 Prozent der üblichen Leistung

    27. März 2020 – „Wir arbeiten hier im Moment mit ungefähr 300 Prozent der üblichen Leistung. Das klappt, weil wir ein wirklich gutes Team sind und uns auch die Geschäftsleitung nach Kräften unterstützt. LK Logistik ist eine Tochtergesellschaft der Nagel Group; wir sind Dienstleister für den Marmeladenhersteller Schwartau, den Suppenproduzenten Erasco und die Bonbonfabriken von Cavendish. Diese Unternehmen liefern ihre Waren zu uns, wir lagern die zwischen und stellen zusammen, was Lebensmitteleinzelhändler wie Kaufland, Netto, Real oder Aldi bei uns ordern.

    Normalerweise sind wir 72 Leute hier am Standort. Aber für die zusätzliche Arbeit hat die Geschäftsleitung nun noch einige Leiharbeitskräfte eingestellt. Auch Beschäftigte aus der Verwaltung packen im Lager mit an, und am Wochenende werden 16 Leute dort alles sortieren und ordnen, so dass die Kommissionierung der Waren noch besser läuft.

    Der Arbeitgeber hat sofort nach Bekanntwerden der Corona-Pandemie Hygieneregeln aufgestellt und die Belegschaft darüber informiert. Wir sind auch gut versorgt mit Reinigungsmitteln für unseren Gebrauch. Ich bin zwar nicht freigestellt als Betriebsratsvorsitzender, habe aber einzelne freie Tage für diese Arbeit und kann mich auch immer kümmern, wenn es mal ,brennt‘. In der nächsten Woche will ich mit der Geschäftsleitung mal über eine Prämie für unsere Kollegen reden. Ich denke, dass da was drin ist.“

    Stephan Donau, 49, Lagerbeschäftigter und Betriebsratsvorsitzender bei LK Logistik in Schönberg, Nordwestmecklenburg

    Text: Gudrun Giese