Arbeit in Zeiten von Corona

    Kurz vor dem Tsunami

    Pflege

    Der Personalschlüssel ist knapper als knapp

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    „Meine Hoffnung ist, dass die Politik den Weckruf versteht, denn jetzt sehen wir, was im Ernstfall passiert. Die Privatisierung von Krankenhäusern, das Streben nach Profit und der jahrelange Personalabbau in der Pflege waren große Fehler. Die sollten schnellstens korrigiert werden“, sagt die junge Pflegerin Melanie Hentschel, die in häuslicher Intensivpflege einen Jungen mit verminderter Lungenfunktion betreut. Ihre Arbeit war schon vor Corona mit Restrisiken verbunden, doch jetzt, wo ihr Arbeitgeber nicht einmal mehr über genügend Mundschutzmasken verfügt, sind die Risiken enorm gestiegen.

    Allerorts zeigt sich in der Pandemie, was passiert, wenn das Corona-Virus in ein Altenpflegeheim gelangt. Die Pfleger*innen dort kämpfen um das Leben ihrer Bewohner*innen, viele sind bereits gestorben an Covid-19, der durch das Corona-Virus ausgelösten doppelseitigen Lungenentzündung. Und es werden immer mehr. Es ist genau dies, was allen Altenpfleger*innen derzeit die allergrößte Sorge bereitet. 

    ver.di fordert eine Aufwertung der Pflegeberufe, mehr Geld und mehr Personal. Renate Koßmann ver.di fordert seit langem mehr Personal in der Pflege und eine Aufwertung der Pflegeberufe


    Ich fürchte, Weihnachten und Sylvester bringt uns den Tsunami

    Agnes Kolbeck, 56, ist Pflegedienstleiterin einer Fachklinik für Psychosomatik und Pneumologie in der Nähe von Regensburg und Vizepräsidentin der Selbstverwaltung / Vereinigung der Pflegenden in Bayern Foto: privat Agnes Kolbeck, 56, ist Pflegedienstleiterin einer Fachklinik für Psychosomatik und Pneumologie in der Nähe von Regensburg und Vizepräsidentin der Selbstverwaltung / Vereinigung der Pflegenden in Bayern

    Als wir im März 2020 mit Agnes Kolbeck sprachen, sagte sie: Es sei die Ruhe vor dem Sturm. Jetzt ist es der Sturm. Und wenn an Weihnachten und Silvester nicht die Vernunft regiert, droht ein Tsunami.

    21. Dezember 2020 – „Ob die Situation in der Pflege weiterhin angespannt ist? Klar. Sie ist noch angespannter als im Frühling. Die Zahl der Infizierten ist sehr viel größer. Und richtig ausgeruht haben wir uns im Sommer auch nicht. Nach der ersten Welle hatten wir einen enormen Aufnahmedruck, auch von Menschen, die sich zu ,Coronazeiten‘ nicht getraut hatten in die Klinik zu gehen. Damit sind wir sofort in den Normalbetrieb reingegangen. Die Kollegen und Kolleginnen haben zwar im Sommer Urlaubstage genommen. Aber der Erholungseffekt ist ausgeblieben. Wir konnten ja alle nicht richtig wegfahren oder abschalten. Ich nehme an: Es hat nie so viele aufgeräumte Keller und Dachgeschosse gegeben wie jetzt.

    Hier in unserer Klinik beschäftigen uns nicht nur Covid-Patienten, die auf der Normal- oder Intensivstation betreut werden. Wir versorgen auch Menschen, die nach einer Covid-Infektion nicht richtig auf die Beine kommen. Außerdem werden Patienten aus anderen Kliniken zu uns verlegt, die zwar die akute Phase von Covid überstanden haben, jetzt aber von der Beatmung entwöhnt werden müssen. Das ist eine wirkliche Herausforderung. Der Mensch muss ganz von vorn lernen, wie man atmet. Da wird das Ein- und Ausatmen, das für viele von uns selbstverständlich ist, zu einem echten Training. Wir beginnen die Entwöhnung häufig mit fünf Minuten „Spontanatmen“ täglich. Bis ein solcher Patient unsere Klinik verlässt, vergehen meistens viele Wochen oder sogar Monate.

    Im Frühjahr haben wir beruflich Pflegende uns allgemein erhofft, über den Sommer mehr Unterstützung zu bekommen, um den Herbst vorzubereiten. Ideen gab es genug: Die Regierung hätte eine Offensive zur Wiedereingliederung von ausgebildetem Pflegepersonal anschieben können, das in anderen Bereichen arbeitet. Es hätte so etwas wie Auffrischungs-Crashkurse an Krankenpflegeschulen geben können. Oder ein Konzept, wie Pflegekräfte, die beim medizinischen Dienst der Kassen tätig sind oder Heimprüfungen machen, unsere Krankenhäuser in dieser Ausnahmesituation für eine begrenzte Zeit unterstützen könnten. Aber es ist konkret zu wenig Erkennbares passiert.

    „Jetzt sind die Pflegekräfte einfach ärgerlich und artikulieren ihre Wut darüber. Sie brauchen eine echte Verbesserungsperspektive. Eine Corona-Prämie von 500 Euro ist nett, bringt uns jedoch einer grundsätzlichen Lösung nicht näher.“

    Nach wie vor würde ich mir für die beruflich Pflegenden, die mit Corona zu tun haben, wünschen, dass sie zwei Rentenpunkte dazubekommen und eine Woche zusätzlichen, bezahlten Urlaub. Ich denke, das geht vielen so. Erholungszeit ist wertvoll. Häufig wurde gesagt, ach, Pflege jammert immer. Doch das erlebe ich nicht mehr. Jetzt sind die Pflegekräfte einfach ärgerlich und artikulieren ihre Wut darüber. Sie brauchen eine echte Verbesserungsperspektive. Eine Corona-Prämie von 500 Euro ist nett, bringt uns jedoch einer grundsätzlichen Lösung nicht näher.  

    Derzeit wird viel meiner Arbeitszeit davon gebunden, dass jede Woche was Neues dazukommt, Corona, die zweite Welle, das Testen der Beschäftigten, das Thema Impfen. Alles Dinge, die man organisieren, regeln und vor allem kommunizieren muss. Auch wenn der Impfstoff tatsächlich kommt, wird sich die ganz Situation nicht sofort entspannen. Man braucht ja zwei Impfungen pro Person. Hier sollten wir mit Monaten rechnen.

    Es stimmt, auch wir sind im Bereich der Medizintechnik jetzt besser ausgestattet, es gibt mehr Beatmungsgeräte und Intensivbetten. Doch es fehlen, wie schon seit Jahren, fachlich qualifizierte Pflegekräfte, die zugleich die ganze Technik bedienen und eine gute pflegerische, medizinische Versorgung leisten können.  

    Dass es immer noch viele Leute gibt, die sich nachlässig oder gar nicht an Hygienemaßnahmen halten, wird uns alle in eine sehr schwierige Situation bringen. Sie realisieren offenbar nicht, dass unser Gesundheitssystem ganz hart an der Kante steht. Wenn noch ein bisschen was dazukommt, rutschen wir ab. Steigen die Zahlen weiter, werden wir damit einfach nicht fertig. Aber für viele ist Covid immer noch weit weg. Ein Thema, von dem man aus den Nachrichten hört, etwas, das irgendwer hat. Aber in meinem privaten Umkreis gibt es Menschen, die an Covid erkrankt waren und jetzt mit den Folgen kämpfen. Kurzatmigkeit, Erschöpfung.

    „Wenn wir uns so ,durchmogeln‘ und an einem Tag die eine, am anderen die andere Familie treffen, dann ist das zwar rechnerisch erlaubt, aber gut gehen kann das nicht. Es besteht die echte Gefahr, dass wir die Situation im Januar nicht mehr stemmen können.“

    Abstand zu halten ist natürlich eine große Belastung. In Stresssituationen suchen die Menschen Nähe. Das tiefste Unterbewusstsein sagt einem, dass vom besten Kumpel nichts Böses ausgehen kann. Kann es aber. Eines der größten Risiken ist es, gemeinsam drinnen zusammenzusitzen, zu essen und miteinander zu sprechen. Gerade an Weihnachten und Silvester kommt es darum auf jeden Einzelnen an. Wenn wir uns so ,durchmogeln‘ und an einem Tag die eine, am anderen die andere Familie treffen, dann ist das zwar rechnerisch erlaubt, aber gut gehen kann das nicht. Es besteht die echte Gefahr, dass wir die Situation im Januar nicht mehr stemmen können.

    Jetzt hilft alles nichts: Dieses Jahr ist ein anderes Feiern angesagt. Ich werde – wie viele Kolleginnen und Kollegen und ganz viele andere Menschen auch – die Familie und Freunde nur online sehen. Jedenfalls, wenn das Netz hält. Man könnte die Sache auch so sehen: Das Lichterfest zieht nach Pfingsten um. Das passt doch. Pfingsten ist ja für Christen das Fest der Erleuchtung. Jeden, der sich nicht an die Hygienevorschriften hält, würde ich am liebsten fragen: Ist dir bewusst, dass du mit deinem Verhalten nicht nur dich gefährdest, sondern auch meine Kolleginnen und Kollegen, deine Freunde und Familie?

    Natürlich werden bei uns wie in allen Häusern die Patienten nach bestem Wissen und aller Fachkenntnis versorgt und behandelt. Aber wir freuen uns, wenn es nicht noch mehr Patienten mit Corona werden. Im März war es die Ruhe vor dem Sturm. Jetzt ist es der Sturm. Und ich fürchte: Weihnachten und Sylvester bringt uns den Tsunami. Ich wäre sehr froh, wenn ich nicht recht hätte. Der Groschen muss endlich fallen: Wenn wir uns an Weihnachten und Silvester deppert verhalten, haben wir im Januar eine depperte Situation.

     

    30. März 2020 – Die Situation in der Pflege ist sehr angespannt. Das war sie schon vor Corona. Wenn jemand krank wird, muss man den ganzen Dienstplan auf den Kopf stellen. Es gibt keinen Puffer mehr. Das muss uns nicht wundern: Das Gesundheitssystem ist zunehmend auf Kante gefahren worden. Die Akteure haben seit Jahren die angespannte Situation angemahnt.

    Deshalb wurden zur Vorbereitung auf Coronafälle in unserer Klinik Bereiche vorübergehend extrem zurückgefahren, um vor allem Pflegepersonal-Ressourcen freizusetzen. Wir schulen unsere gut ausgebildeten Beschäftigten sehr intensiv nach aktuellen, erforderlichen Hygienerichtlinien, denn der Schutz der Kollegen und Kolleginnen hat für uns hohe Priorität. Es ist wichtig, dass die Menschen, die Beschäftigten und ihre Familien gesund bleiben. Beim Gesundheitsschutz gibt es keinen Verhandlungsspielraum.

    Darum besteht unsere Hauptaufgabe gerade darin, Hygieneartikel zu organisieren. Hier gilt zurzeit: Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage bestimmt den Preis. Durch die Globalisierung verschärft sich das Problem. Wir geben solidarisch finanzierte Mittel in unverhältnismäßigen Höhen aus, weil wir keine Alternative haben. Einzelne Firmen und Verkäufer maximieren ihre Gewinne. Schäbig: Das ist das Wort, welches hier passt. Das klinische Personal trägt die Masken ja nicht, weil sie schick sind, sondern um Menschen zu schützen.

    Die Patienten unserer Klinik haben Vorerkrankungen der Lunge und zählen damit zur Risikogruppe. Darum ist es wichtig, die Schutzmaßnahmen einzuhalten, damit die Infektion nicht übertragen wird.

    Die Aufgabe von Führungskräften ist es, Ruhe zu verbreiten, nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen und diese gut zu kommunizieren. Sich im Büro zu verstecken, wäre das falsche Signal. Der direkte Kontakt ist wichtig. Das wird in der Pflege so gelebt.

    „Es ist wahnsinnig anstrengend, mit Maske und Schutzkittel zu arbeiten. Die Masken haben einen hohen Atemwiderstand, das Ein- und Ausatmen fällt dadurch sehr schwer.“

    Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm, aber wir denken, dass wir bald sehr viele Patienten aufnehmen, die wochenlang behandelt werden müssen. Krankenhaus kann Krise, wir haben die Flexibilität. Doch für die Kolleginnen und Kollegen in der direkten Patientenversorgung wird die Zeit hart. Es ist wahnsinnig anstrengend, mit Maske und Schutzkittel zu arbeiten. Die Masken haben einen hohen Atemwiderstand, das Ein- und Ausatmen fällt dadurch sehr schwer. Hinzu kommt, dass Pflege eine körperlich belastende Arbeit ist. Die Kommunikation wird durch das Tragen der Masken erheblich erschwert. Man muss besonders deutlich und langsam sprechen, sonst versteht man einander nicht. Sich schnell etwas zurufen entfällt. Das kann jeder selbst erleben, indem er versucht, durch einen Schal über Mund und Nase über ein paar Meter Entfernung ein Gespräch zu führen – könnte spannend werden.

    Nach der Arbeit abzuschalten, ist wichtig. Normalerweise trifft man sich, wenn´s warm ist, im Biergarten, man geht mit Freunden raus und hat sein Ausgleichprogramm. Die notwendige Kontaktsperre erschwert dies. Bügeln, Bücherregel aufräumen oder die Steuererklärung machen ist keine echte Alternative. Rausgehen ist mit Abstand zu anderen Menschen erlaubt, mir persönlich hilft diese Bewegung im Freien, um runterzukommen.

    Von der Regierung würde ich mir wünschen, dass die Arbeit der Pflegekräfte beziehungsweise aller Beschäftigten in der direkten Patientenversorgung nach der Krise besonders honoriert wird. Jeder, der Coronapatienten versorgt hat, sollte zwei Rentenpunkte extra erhalten. Und eine Woche Urlaub vom Arbeitgeber, refinanziert von der Bundesregierung, das wäre eine Form von Wertschätzung.

    Und wenn alles vorbei ist, veranstalten wir ein Fest, um die wirklich gute Zusammenarbeit aller Bereiche in der Klinik zu feiern.

    Ich hoffe, dass die Klinik das wirtschaftlich gut übersteht.

    Im Krankenhaus fühle ich mich sicherer als beim Einkaufen

    Nico Kloth, 34, arbeitet im Patiententransport für die Universitätsmedizin Rostock Logistik GmbH (UMR Logistik) Foto: privat Nico Kloth, 34, arbeitet im Patiententransport für die Universitätsmedizin Rostock Logistik GmbH (UMR Logistik)

    26. März 2020 – „Bei uns ist es aktuell noch relativ ruhig. Das Tagesgeschäft läuft weiter. Aber erste Auswirkungen der Corona-Pandemie sind schon spürbar. So fahren wir Patientinnen und Patienten nur noch einzeln, nicht mehr in Sammeltransporten. Bei der Arbeit tragen wir jetzt Mundschutz. Derzeit dürfen in den Pausenräumen immer nur zwei Leute gleichzeitig sein. Das ist ungewohnt, aber es geht.

    Natürlich haben wir während der Transporte engen Kontakt zu den Patienten. Wenn wir jemanden von der Infektologie abholen, frage ich mich jetzt schon eher, woran derjenige leidet. Auch bei der Übernahme in der Notaufnahme denke ich jetzt öfter darüber nach, was der wohl noch hat. Werden die Patienten von einer Station zum Röntgen gefahren, fühle ich mich hingegen recht sicher, denn dann sind sie dort ja meist schon einige Zeit und eine Corona-Infektion wäre wohl aufgefallen.

    Unsere Mitarbeiterinnen uns Mitarbeiter sind schon ziemlich verunsichert wegen des Virus. Grundsätzlich fühle ich mich hier im Krankenhaus aber sicherer als beim Einkaufen. Das liegt auch daran, dass Mecklenburg-Vorpommern noch nicht so stark von Corona betroffen ist. Das kann sich aber schnell ändern. Notfallpläne des Arbeitgebers kenne ich noch nicht, auch als Betriebsrat wurden sie uns noch nicht vorgestellt. Man munkelt von Zwölf-Stunden-Schichten, aber das sind im Moment erst mal noch nur Gerüchte.“

    Brutto als Netto auszahlen!

    Marion Wolf, 29, Altenpflegerin im Christianenheim, einem Pflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes in Erfurt Foto: privat Marion Wolf, 29, Altenpflegerin im Christianenheim, einem Pflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes in Erfurt

    Marion Wolf ist seit 2008 in der Altenpflege tätig. Aktuell arbeitet die 29-Jährige als Praxisanleiterin und Beauftragte für Qualitätsmanagement im Erfurter Christianenheim. Neben den besonderen Herausforderungen, die das Coronavirus an ihrem Arbeitsplatz mit sich bringt, muss die alleinerziehende Mutter ihre 2-jährige Tochter versorgen: „Ich bin froh, dass ich mich auf unseren tollen Kindergarten verlassen kann, der die ganztägige Notbetreuung gewährleistet. Und ich habe eine super Pflegedienstleiterin, die selbst alleinerziehend war, mich und meine Kolleginnen unterstützt und sehr darauf achtet, dass wir uns nicht überlasten. Auch und gerade jetzt, wo wir jede Hand brauchen.“

    Momentan arbeitet die junge Mutter verkürzt von 7 bis 13:30 Uhr und kann sich am Nachmittag um ihr Kind kümmern. „Am schlimmsten ist für meine Tochter, dass ihre Spielkameraden und gewohnten Erzieherinnen nicht da sind. Von 160 Kindern sind derzeit gerade mal fünf im Kindergarten. Und wenn wir nach Hause gehen, kommen wir am Spielplatz vorbei. Wie soll eine Zweijährige verstehen, dass sie dort jetzt nicht spielen darf?“ Gut, dass am Arbeitsplatz alles bestmöglich läuft. Auch wenn Marion momentan nur sechs Stunden täglich arbeitet, baut sie keine Minusstunden auf. Ohne diese Regelung der Leitung des Christianenheims wären allein in Marions Bereich sechs alleinerziehende Frauen ausgefallen.

    „Die Heimleitung hat früh und umsichtig agiert und mit dem Krisenmanagement begonnen, als andere noch abgewiegelt haben. Der Besuchs- und Aufnahmestopp wurde schnell angeordnet, so blieben wir bislang frei von Corona-Erkrankten.“ Es werde alles dafür getan, dass die rund 120 Pflegekräfte des Erfurter Pflegeheims ihre Arbeit trotz der Ausnahmesituation gut schaffen können. Und die wiederum geben ihr Bestes, um den Bewohner*innen und deren Angehörigen die ungewohnte Isolation erträglich zu machen.

    Marion und ihre Kolleg*innen führten zahllose Telefonate, um Angehörige zu informieren und ihnen die Dringlichkeit der Kontaktsperre zu erklären. Die allermeisten seien einsichtig gewesen. „Und seit kurzem bieten wir Videogespräche an, die wenigstens etwas Nähe und Kontakt zu den Lieben ermöglichen. Das nehmen viele unserer Bewohner*innen dankbar an.“ Insgesamt sei es ohnehin so, dass alle viel mehr zusammenhalten, sich gegenseitig helfen – das sei die positive Seite des Ausnahmezustands.

    „Für Beifall und Dank können wir uns nichts kaufen. Wir verdienen noch immer viel zu schlecht für das Pensum, das wir leisten, und die Verantwortung, die wir tragen.“

    Die wachsende Wertschätzung ihres Berufs in der breiten Öffentlichkeit tut allen Pflegekräften gut. „Doch für Beifall und Dank können wir uns nichts kaufen. Wir verdienen noch immer viel zu schlecht für das Pensum, das wir leisten, und die Verantwortung, die wir tragen“, sagt Marion. Statt einer Prämie, wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz, SPD, sie vorgeschlagen hat, wäre es ihr lieber, wenn sie ihr Brutto als Netto ausgezahlt bekommen würde. „Wir müssen uns noch besser organisieren, um für uns mehr durchzusetzen! Ob mit oder ohne Corona – es muss sich Grundlegendes in der Pflege ändern“, betont sie.

    Auf ihren Arbeitgeber, das DRK in Erfurt, lässt sie jedoch nichts kommen: „Ich habe seit Abschluss meiner Ausbildung dreimal den Arbeitgeber gewechselt. Ich kann aus Erfahrung sagen: Öffentlich ist besser! Vieles ist besser geregelt als bei den Privaten. Es wird auf unsere Sicherheit und Gesundheit geachtet, wir haben sozialen Rückhalt. Das ist gerade jetzt immens wichtig.“


    Auf Dauer kann niemand dem Druck standhalten

    Bianka Zickler-Peuschel, 45, Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH in Zwickau Foto: privat Bianka Zickler-Peuschel, 45, Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH in Zwickau

    26. März 2020 – Bianka arbeitet als Betreuerin im geschützten Wohnbereich der sogenannten Gerontopsychiatrie des städtischen Seniorenpflegeheims in Zwickau und ist als Betriebs- und Konzernbetriebsrätin aktiv. Sie arbeitet in Wechselschichten im Früh- und Zwischendienst – immer im gleichen Rhythmus von Arbeit und freien Tagen. Acht Tage sind im Monat definitiv frei, davon mindestens zwei Wochenenden. Das alles ist in einer Betriebsvereinbarung gut geregelt – eigentlich.

    Jetzt hat der Corona-Virus alles durcheinander gewirbelt: Kolleg*innen müssen einspringen, weil ohnehin Erkältungszeit ist, dazu kommen Urlaubsrückkehrer*innen, die vorsichtshalber in Quarantäne gesetzt wurden und Kolleg*innen, die vor allem dem psychischen Dauerdruck nicht gewachsen sind. Zum Glück funktioniert die Notkinderbetreuung in Zwickau sehr gut, sonst könnten einige der Altenpflegerinnen nicht zur Arbeit kommen, die Grenze des Machbaren wäre längst überschritten. Im Moment wird der Betrieb mit Beschäftigten aus der derzeit geschlossenen Tagespflege und Leiharbeiter*innen aufrechterhalten. Auch Schüler*innen aus der Pflegeschule leisten wertvolle Hilfe. Der Personalschlüssel ist knapper als knapp – viel mehr darf da nicht passieren.

    „Es ist schwierig, unseren Bewohner*innen zu erklären, dass sie keinen Besuch mehr bekommen dürfen, auf ihren Zimmern bleiben und möglichst keinen Kontakt zu den anderen haben sollen. Auch die Angehörigen haben nicht immer Verständnis.“

    Bianka Zickler-Peuschel, Altenpflegerin

    Das Besuchsverbot für Angehörige stellt Bianka und ihre Kolleg*innen vor Aufgaben, die kaum umzusetzen sind: „Es ist schwierig, unseren Bewohner*innen zu erklären, dass sie keinen Besuch mehr bekommen dürfen, auf ihren Zimmern bleiben und möglichst keinen Kontakt zu den anderen haben sollen. Auch die Angehörigen haben nicht immer Verständnis.“ Das Einüben peinlichster Hygiene oder das Verinnerlichen von Abstandsregeln stellt Bianka und ihre Kolleg*innen zudem vor Mammutaufgaben: „Wir haben schwere Demenzfälle, orientierungslose Personen – da ist die Einhaltung der Corona-Regeln fast unmöglich“, sagt Bianka.

    Extrem belastend empfinden die Beschäftigten die täglichen Prognosen zur Sterblichkeit älterer Menschen. Sie betreuen die Bewohner*innen teilweise jahrelang, haben ein enges Verhältnis zu ihnen. Etliche Kolleg*innen halten diesen psychischen Druck nicht aus und werden krank. Bianka versucht, es so zu halten: Die Dienstkleidung bleibt am Arbeitsplatz, die aktuellen Probleme bleiben möglichst auch dort.

    Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt, ist sie bei ihrer zwölfjährigen Tochter als „Lehrerin“ gefragt. Die Gymnasiastin hat täglich ein straffes Pensum an Schulaufgaben zu absolvieren, das sie nicht vollständig allein bewältigen kann. Ehemann Sebastian ist als Pflegedirektor in der ambulanten Pflege tätig und arbeitet vorwiegend im Frühdienst. Auch er hat derzeit den Kopf besonders voll. „Da kommt man schon an seine Grenzen. Zum Glück haben wir nur die Jüngste zu Hause, unsere drei älteren Kinder gehen schon eigene Wege“, sagt Bianka. Und: „Ich bin froh, dass ich meine Familie und viele soziale Kontakte habe. Sonst könnte ich die Situation nicht so gut aushalten.“

     

    Ein Restrisiko bleibt immer

    Melanie Hentschel (33), Betriebsrätin und Kinderkrankenschwester in der ambulanten Pflege, Heim gemeinnützige GmbH für medizinische Betreuung, Senioren und Behinderte Chemnitz Foto: privat Melanie Hentschel (33), Betriebsrätin und Kinderkrankenschwester in der ambulanten Pflege, Heim gemeinnützige GmbH für medizinische Betreuung, Senioren und Behinderte Chemnitz

    26. März 2020 – „Ich bin in der häuslichen Intensivpflege tätig. Ich fahre also nicht von Tür zu Tür, sondern bin den ganzen Tag lang bei einer Familie, deren Sohn rund um die Uhr gepflegt werden muss. Ich habe eine enge Beziehung zur Familie, bin dort nicht nur medizinische Fachkraft, sondern je nach Bedarf auch Sozialarbeiterin, Familienhelferin, Psychologin. Mein junger Patient hat eine verminderte Lungenfunktion, gehört momentan also zur Risikogruppe. Deshalb kommen zur Routinehygiene wie Hände waschen und desinfizieren verschärfte Maßnahmen wie das Tragen eines Mundschutzes und die Vermeidung von Personenwechseln. Zusätzliche Therapien wie Physio- oder Ergotherapie wurden gestoppt, damit möglichst wenige Menschen im Haushalt ein- und ausgehen. Aber ein Restrisiko bleibt – das ist mir immer klar.

    Ich bin gerade froh, dass ich noch keine Familie habe. Viele meiner Kolleginnen haben Angst um ihre Kinder, die sie in die Notbetreuung geben müssen, während alle anderen zu Hause bleiben.

    In der aktuellen Situation ist es echt gut, dass mein Arbeitgeber ein so gutes Krisenmanagement macht. Er hat frühzeitig und umsichtig reagiert, informiert uns bestmöglich und hätte gern die Mundschutzpflicht für alle – doch dafür fehlt uns das Material. Es würde nur für acht bis zehn Tage ausreichen, deshalb ist das Tragen eines Mundschutzes nur im Umgang mit Risikopatienten möglich.

    Meine Hoffnung ist, dass die Politik den Weckruf versteht, denn jetzt sehen wir, was im Ernstfall passiert. Die Privatisierung von Krankenhäusern, das Streben nach Profit und der jahrelange Personalabbau in der Pflege waren große Fehler. Die sollten schnellstens korrigiert werden.“

    Protokolle: Gundula Lasch (3), Monika Goetsch (1), Heike Langenberg (1)