Arbeit in Zeiten von Corona

    Rund um die Uhr im Einsatz

    Arbeitsverwaltung

    Das Personal reicht bei weitem nicht

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Im Moment hat sie niemand so richtig auf dem Schirm, die vielen Beschäftigten bei er Bundesagentur für Arbeit und in den Jobcentern. Aber sie sind dieser Tage gefordert wie nie zuvor. Eine Antragsflut zu Kurzarbeitergeld, Aufstockung und mehr rollt auf sie zu. Doch nicht jede*r Beschäftigte ist gleich qualifiziert. Es braucht mindestens sechs Monate Einarbeitung, um die leichten Anträge bewältigen zu können, wenn man bisher in einem ganz anderen Sachgebiet tätig gewesen ist. Um einen Antrag auf Kurzarbeitergeld und andere Sondersachen zu bearbeiten, braucht es drei bis vier Jahre Einarbeitungszeit. Allein in der Bundesagentur für Arbeit müssen hunderte Beschäftigte umgeschult werden. Die Agenturen sind 24 Stunden im Einsatz, damit niemand Not leiden muss, weil das Kurzarbeitergeld oder Arbeitslosengeld nicht kommt.

    Für den Publikumsverkehr geschlossen, aber dennoch im Dauereinsatz – die Beschäftigten der Jobcenter Foto: DPA Für den Publikumsverkehr geschlossen, aber dennoch im Dauereinsatz – die Jobcenter


    Auch wir retten den sozialen Frieden mit

    Frank Arnold (53) ist freigestellter stellvertretender Personalratsvorsitzender und Vertrauensleutesprecher bei der Arbeitsagentur in Düsseldorf. Zuvor hat er dort als Reha-Berater gearbeitet Foto: privat Frank Arnold (53) ist freigestellter stellvertretender Personalratsvorsitzender und Vertrauensleutesprecher bei der Arbeitsagentur in Düsseldorf. Zuvor hat er dort als Reha-Berater gearbeitet

    VERDI.DE: Laufen bei euch gerade die Telefone heiß?

    FRANK ARNOLD: Wir sind im Augenblick 24 Stunden im Einsatz. Das Virus hat unseren ganzen Arbeitsbereich verändert. Die Kollegen haben viele Fragen. Und wir müssen umorganisieren und derzeit hunderte von Mitarbeitern aus anderen Bereichen umsetzen. Die werden jetzt im Leistungs- und Kurzarbeiterbereich gebraucht. Und wir müssen sie qualifizieren, ich muss schulen. Man muss denen erklären, was sie machen müssen, damit sie mit Recht und Gesetz auch umgehen können. Und sie müssen die ganzen elektronischen Fachanweisungen kennenlernen. Das ist ein Riesenproblem. Ich kann im Moment keine Gruppenschulungen machen, bei denen ich 20 Leute in einen Raum einpferche. Ich kann höchstens vier Leute auf einmal schulen, wir brauchen aber hunderte.

    VERDI.DE: Was hat sich verändert?

    ARNOLD: Das Personal reicht bei weitem nicht aus. Die Arbeitsagenturen sind für das Publikum geschlossen. Wir kommunizieren mit den Kunden ausschließlich per Telefon oder E-Mail. Alles passiert derzeit online. Wer dazu keine Möglichkeit hat, kann anrufen und bekommt seine Unterlagen auf dem Postweg zugeschickt. Bundesweit rechnet man mit rund einer Million Anträgen auf Kurzarbeit von den Betrieben. Ein Beispiel: Bei uns haben wir im März normalerweise elf bis 20 Anträge auf Kurzarbeitergeld, jetzt sind es 16.000! Die Arbeitslosenmeldungen nehmen natürlich zu. Die Betriebe, die keine Kurzarbeit machen können, entlassen die Leute. Auch auf die Jobcenter kommt jetzt viel mehr Arbeit zu. Die kriegen jetzt eine riesige Anzahl Anträge von Bedarfsgemeinschaften, von Aufstockern. Die ganzen Selbständigen, die jetzt nicht mehr arbeiten dürfen, werden Leistungen beantragen.

    VERDI.DE: Wie geht es dir?

    ARNOLD: Mir geht es gesundheitlich gut, toi, toi, toi. Ich habe schon größere Belastungen erlebt, aber was soll ich machen? Das ist der Job! Man muss die Kollegen ja auch psychologisch betreuen. Die haben auch Ängste, auf die Arbeit zu kommen, sich anzustecken, oder fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Man muss immer neue Übereinkünfte mit dem Arbeitgeber treffen. Und wir als Personalräte müssen sehen, dass das auch alles einigermaßen arbeitnehmerfreundlich abläuft. Tagtäglich kommen neue Probleme. Ich bin ungefähr zehn Stunden am Tag hier, Home Office kann ich nicht machen. Das ginge zwar theoretisch, aber ich muss hier vor Ort sein. Ich kann nicht einfach nicht genau da sein, wo es brennt.

    VERDI.DE: Wovor hast du Angst?

    ARNOLD: Vor gar nichts! Wenn 80 Prozent der Menschen das Virus kriegen, dann kriege ich es eines Tages auch. Ich sehe eher die Gefahr, dass man nicht vorsichtig genug ist und andere anstecken könnte. Aber ich mache mir Sorgen um viele Kollegen. Wir haben ja auch Leute, die zu den Risikogruppen gehören. Und: Normalerweise fahre ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit, jetzt nehme ich das Auto. Und ich fahre dann direkt wieder nach Hause. Das war's dann. Keine Ahnung, wie lange man das aushält. Jetzt geht es noch, aber je länger das andauert, wenn das noch weit über Ostern hinausgeht, dann wird es immer schwieriger.

    VERDI.DE: Findest Du noch etwas positiv?

    ARNOLD: Ja, dass wir eine Belegschaft haben, die zu großer Mithilfe bereit ist. Das ist schon überwältigend, dass so viele helfen wollen. Viele verlassen ja ihren ursprünglichen Arbeitsplatz, und das ist nicht leicht. Die Freiwilligkeit ist da. Und es gibt auch viele, die bereit sind, zusätzlich in der Gesellschaft zu helfen und ehrenamtlich tätig zu werden. Das finde ich sehr, sehr positiv.

    „Alles ist ja, bis auf den hauseigenen Personalbereich, elektronisch umgestellt und nur noch mit E-Akte möglich. Wenn das System abstürzen würde, dann würden all die arbeitslosen Menschen kein Geld mehr kriegen. Davon habe ich fast schon Albträume.“

    VERDI.DE: Und was bräuchtet ihr jetzt dringend?

    ARNOLD: Ich komme noch mal auf die Ängste. Wir brauchen dringend – ganz festes Daumendrücken –, dass unser EDV-System die Belastungen aushält. Das ist mehr oder weniger an der Belastungsgrenze angekommen. Das gilt auch beim Home Office. Nicht alle, die von zuhause Zugriff haben wollen, kommen rein. Alles ist ja, bis auf den hauseigenen Personalbereich, elektronisch umgestellt und nur noch mit E-Akte möglich. Wenn das System abstürzen würde, dann würden all die arbeitslosen Menschen kein Geld mehr kriegen. Davon habe ich fast schon Albträume. Ich bete jeden Tag darum, dass unsere Systeme stabil bleiben. Oder: Was könnte passieren, wenn sich Mitarbeiter in einzelnen Agenturen anstecken und das Gesundheitsamt sie schließen würde und wir es nicht schaffen, allen Menschen rechtzeitig ihr Geld zu überweisen? Das wäre früher mit den Papierakten noch schlechter gewesen. Da kämen wir dann nicht an die Akten ran. In der neuen Zeit liefe es wenigstens teilweise.

    VERDI.DE: Welche Forderungen hast du?

    ARNOLD: Vor allem die, aus der Krise zu lernen. Zum Beispiel, dass wir mit mobiler Arbeit, Telearbeit zu wenig ausgestattet sind. Da müssen wir in Zukunft besser aufgestellt sein. Ich erkenne an, dass die Politik für ihre Verhältnisse schon schnell gehandelt und viele nötige Maßnahmen getroffen hat, zum Beispiel beim Kurzarbeitergeld und beim ALG2. Das war schon extrem schnell. Aber manches hätte trotzdem noch schneller gehen können.

    VERDI.DE: Was liegt dir noch am Herzen?

    ARNOLD: Ich frage mich manchmal, ob wir schon in einer Ich- oder noch in einer Wir-Gesellschaft leben. Dabei sind so viele Menschen bereit, etwas für andere zu tun. Ich möchte, dass man jetzt endlich erkennt, das letztendlich die, um die man sich in den letzten Jahren nicht viel geschert hat, das Pflegepersonal, die Frauen an der Kasse, die relativ schlecht bezahlten Berufe, uns jetzt den Arsch retten. Aber auch wir von den Arbeitsagenturen, die wir ja auch in der Bevölkerung kein uneingeschränkt positives Image haben, auch wir retten den sozialen Frieden mit. Wir versorgen die Leute mit Geld, damit sie leben können. Tschüss und bleibt gesund!

    Den Menschen schnellstmöglich das Existenzminimum in der Krise sichern

    Oliver Lotz (38), arbeitet seit 13 Jahren im Jobcenter in Dortmund und ist derzeit im Homeoffice.

    VERDI.DE: Laufen bei Dir derzeit die Telefone heiß?

    OLIVER LOTZ: Die Flut von Anträgen kommt jetzt erst richtig auf uns zu, zum Beispiel von den Selbständigen, deren Existenzen auf Null gefahren und die jetzt akut in Notlagen geraten sind. Die müssen wir auffangen. Wir müssen mit Änderungen zurechtkommen, die der Gesetzgeber gemacht hat. Viele Betriebe, die ihre Beschäftigten nicht mehr bezahlen können, beantragen bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeitergeld. Für die Menschen, die davon abhängen, kann das schlicht heißen, dass das nicht zum Leben ausreicht. Wir haben einen vorläufigen, neuen Bewilligungsparagraphen bekommen, um die Vermögensprüfung auszusetzen und die Kosten für die Unterkunft zu übernehmen, ohne zu prüfen, ob die angemessen sind oder nicht, um den Menschen schnellstmöglich das Existenzminimum in der Krise zu sichern. Aber auch das Tagesgeschäft mit den Leuten, die Leistung beziehen, geht weiter. Die haben es natürlich noch schwerer, uns Dokumente zukommen zu lassen. Jobcenter müssen bundesweit eine extreme Mehrarbeit leisten. Das tun wir auch gerne. Wie das funktionieren soll, wissen wir selber noch nicht, aber ich denke, dass wir gute Lösungen finden.

    VERDI.DE: Wie fühlst Du Dich in dieser ungewohnten Situation?

    LOTZ: Mir geht es gut! Wir sind natürlich überlastet, aber ich habe immer noch Spaß an der Arbeit. Ich freue mich, wenn ich den Menschen helfen kann. Und ich stehe auch immer noch mit einem Lächeln im Gesicht auf und genieße jeden Tag, der auf mich zukommt.

    „Ich mache mir, ehrlich gesagt, mehr Sorgen um die Wirtschaft und um die Pflegeberufe, vor allem in der Altenpflege. Da haben wir massive Probleme und es werden noch mehr auf uns zukommen.“

    VERDI.DE: Hast Du manchmal Angst?

    LOTZ: Vor dem Corona-Virus habe ich keine Angst. Ich sehe das mit Ruhe und Gelassenheit. Es gibt bestimmte Verhaltensweisen, um uns zu schützen, aber 100-prozentigen Schutz wird es nie geben. Fange ich es mir ein, dann werde ich krank und muss sehen, dass ich wieder gesund werde. Ich mache mir, ehrlich gesagt, mehr Sorgen um die Wirtschaft und um die Pflegeberufe, vor allem in der Altenpflege. Da haben wir massive Probleme und es werden noch mehr auf uns zukommen. Ich habe privat in aller Welt Freunde, mit denen ich vernetzt bin. Es ist überall das gleiche Bild. Die Wirtschaft fährt runter, das öffentliche Leben kommt zum Stehen, die Krankenhäuser sind überrannt. Die Vereinigten Staaten kriegen es nicht hin, den Menschen zu helfen. Und ich muss sagen, das ist das Schlimmste, was ich mir hätte ausdenken können, außer vielleicht einem 3. Weltkrieg. Aber das für mich überhaupt Allerschlimmste sind Fremdenfeindlichkeit und der Hass auf bestimmte Volksgruppen.

    VERDI.DE: Auch gegen ältere Leute?

    LOTZ: Da kann ich nur den Kopf schütteln. Man kann keine Gruppe ausschließen, ob altersbedingt, religiös oder sonst was. Es braucht Solidarität. Auch der Versuch von Donald Trump, deutsche Forschung und Medizin einfach aufzukaufen, ist ein ,No go’. Besser wäre es, wenn sich die Forschung weltweit zusammenschließen würde. Aber an Solidarität fehlt es leider in der Welt und in der Politik. Aber ich merke immer wieder, dass die Menschen wesentlich mehr und näher zusammen arbeiten wollen, als die Politik das realisiert.

    VERDI.DE: Was fehlt Dir derzeit am Arbeitsplatz?

    LOTZ: Im Moment Zeit, Personal und Geld. Wir müssen das Personal ja bezahlen. Aber das ist ja leider gar nicht realisierbar. Man müsste mindestens sechs Monate eingearbeitet sein, um die leichten Anträge bewältigen zu können. Bei Kurzarbeitergeld und Sondersachen redet man von drei bis vier Jahren Einarbeitungszeit. Mehr Personal würde uns trotzdem helfen.

    VERDI.DE: Was wünschst Du Dir besonders?

    LOTZ: Es würde uns gut tun, wenn wir mehr Anerkennung bekommen würden. Nicht nur: „Ihr müsst das machen und Dankeschön.“ Wir werden zur Zeit überall vergessen, obwohl auch wir die Leute sind, die jetzt für die Menschen da sein müssen. Es müsste in der Öffentlichkeit besser erklärt werden, was wir warum machen. Auch das ist eine politische Aufgabe. Aber ich erlebe auch immer wieder positive Momente. Diejenigen, die ich betreue, können mich jederzeit erreichen. Es muss Vertrauen da sein, dann kann man mit jedem vernünftig arbeiten. Aber dazu muss Kontakt da sein. Das SGB2 ist ein gutes Gesetz, aber es hat noch viele Baustellen und Verbesserungsmöglichkeiten. Das fängt mit den Stromkosten an bei Menschen, die im Leistungsbezug sind. Wenn die anerkannt würden, würde das ein ganzes Stück weit helfen. Und wenn man es schaffen könnte, statt eines Überbrückungsdarlehens eine Überbrückungshilfe zu gewähren, könnte das helfen, Menschen wieder in Arbeit zu bringen ohne dass sie Schulden machen müssen.

    „Wenn ich daran denke, wie viele Berufsgruppen in unserer Gewerkschaft zusammengeschlossen sind, dann sind wir diejenigen, die die meisten Menschen berühren können.“

    VERDI.DE: Und wie soll es Deiner Meinung nach weiter gehen?

    LOTZ: Vor allem sollten sich alle gegenseitig immer mit Respekt behandeln. Respekt und Toleranz dürfen nicht verloren gehen. Ich habe schon viel erlebt, aber diese Krise ist mit nichts zu vergleichen. Wir müssen alle zusammenhalten und besonnen miteinander umgehen. Da können wir als ver.di viel bewegen. Wenn ich daran denke, wie viele Berufsgruppen in unserer Gewerkschaft zusammengeschlossen sind, dann sind wir diejenigen, die die meisten Menschen berühren können. Und deshalb bin ich auch schon seit Jahren gerne Mitglied. Und sonst: Immer schön daran denken, 1,5 Meter Abstand zu halten und regelmäßig Hände waschen!

    Interviews: Heide Platen