Arbeit in Zeiten von Corona

    Einkommen im Einzelhandel sind auf Kante genäht

    Kurzarbeitergeld

    Handel: Beschäftigte existentiell bedroht

    Berlin, 30. März 2020 – ver.di warnt den Handelsverband Deutschland (HDE) davor, in der Corona-Krise Lösungen für die Beschäftigten zu verweigern. „Im Einzelhandel sind die Einkommensverhältnisse so auf Kante genäht, dass die Beschäftigten keine Möglichkeit haben, für schwierige Zeiten zu sparen oder sich Rücklagen zu schaffen. Eine Einkommensreduzierung durch das Kurzarbeitergeld auf 60 beziehungsweise 67 Prozent stürzt hunderttausende Einzelhandelsbeschäftigte in existenzbedrohende Notlagen“, sagt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger.

    „Wer in dieser Situation die Beschäftigten mit 60 Prozent des Gehaltes nach Hause schickt, macht sie massenhaft zu Sozialhilfeempfängern und gefährdet ihre wirtschaftliche Existenz.“

    Stefanie Nutzenberger, ver.di-Bundesvorstandsmitglied

    Sich selbst unter den Schirm des Staates zu stellen und seine Beschäftigten im Regen stehen zu lassen, sei kein verantwortungsvoller Umgang mit der Krise, so Nutzenberger. Die Bundesregierung investiere Milliarden, um die wirtschaftlichen Auswirkungen in den Einzelhandels-Unternehmen aufzufangen. Dazu bekämen die Unternehmen bei Kurzarbeit ihre Sozialabgaben zu 100 Prozent ersetzt. „Wer in dieser Situation die Beschäftigten mit 60 Prozent des Gehaltes nach Hause schickt, macht sie massenhaft zu Sozialhilfeempfängern und gefährdet ihre wirtschaftliche Existenz“, sagt Nutzenberger. Im Einzel- und Versandhandel arbeiten viele Beschäftigte gegen ihren Willen nur in Teilzeit. Nur gut ein Drittel ist tarifgebunden.

    Die Gewerkschafterin fordert nachdrücklich Gespräche mit dem HDE über eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 90 Prozent. Leider seien die Bemühungen bisher erfolglos geblieben, in NRW eine tarifvertragliche Lösung als Pilotvereinbarung zu erreichen. Der Arbeitgeberverband bot lediglich eine Kurzarbeiter-Regelung für maximal vier Wochen an. Das zeige, dass die Betriebe und Beschäftigten in dieser Situation dringlicher denn je Rechtssicherheit durch einen Tarifvertrag benötigen, so Nutzenberger.

    Es geht auch anders

    Unterdessen haben die Textil-Unternehmen Primark und H&M eine Vereinbarung zur Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 90 Prozent abgeschlossen bzw. angeboten. Der Augenoptiker Fielmann und der Versandhändler Walbusch stocken auf 100 Prozent auf und für Filmschaffende sicherte ver.di eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf dem Niveau der Tarifgage ab. In der Systemgastronomie, einem Niedriglohnbereich, ist vergangene Woche mit der zuständigen Gewerkschaft NGG eine Aufstockung auf 90 Prozent vereinbart worden. 

    „Was wir brauchen, ist eine einheitliche Lösung für die gesamte Branche. Ein Flickenteppich ist weder im Interesse der Beschäftigten noch der Unternehmen“, sagt Nutzenberger. Die Krise würde nicht in ein paar Wochen vorbei sein. Deshalb seien nachhaltige tarifvertragliche Lösungen auch im wirtschaftlichen Interesse der Einzelhandelsunternehmen. Mit einer entsprechenden Vereinbarung wolle man auch verhindern, dass Kurzarbeit als Mittel für Personaleinsparungen benutzt wird. Wenn es Unternehmen wirklich schlecht ginge, hätten die Sozialpartner wie bisher die Möglichkeit, Sanierungstarifverträge abzuschließen.

    Mit Werkverträgen versuchen die Arbeitgeber die Löhne weiter zu drücken. dpa [M] Mit 60 Prozent Kurzarbeitergeld bleiben bei den Beschäftigten die Einkaufswagen leer