Arbeiten bis zum Geht-nicht-mehr?

Rund 25 Prozent der Beschäftigten zweifeln, ihre aktuelle Berufstätigkeit bis zum Rentenalter durchhalten zu können, so lautet das Ergebnis einer neuen Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Laut der Studie kümmern sich die Unternehmen viel zu wenig um alternsgerechte Arbeitsbedingungen
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27.06.2023

Rente mit 70? Es gibt nicht wenige, die ein höheres Renteneintrittsalter für dringend erforderlich halten – allen voran Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf, also der Vorsitzende eines der größten Arbeitgeberverbände in Deutschland. Die Argumente: Das schütze vor Altersarmut und entlaste die Rentenkassen in einer alternden Gesellschaft. Doch wer bitteschön kann so lange arbeiten? Eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, kommt zu dem Ergebnis, dass schon heute mehr als ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland zweifelt, die aktuelle Berufstätigkeit ohne Einschränkungen bis zum jetzigen Renteneintrittsalter von 67 Jahren durchhalten zu können: Gut 20 Prozent glauben, das eher nicht zu schaffen. Weitere knapp 7 Prozent sind überzeugt, auf keinen Fall durchhalten zu können.

 

Unter den Beschäftigten berichtet gut jede*r Fünfte von stark oder äußerst belastenden Arbeitsbedingungen.

Noch deutlich höher sind die Quoten unter Arbeiter*innen (38 Prozent) und bei Menschen, die ihre Arbeitssituation generell als stark belastend oder äußerst belastend einstufen. In diesen Gruppen glauben rund 43 bzw. 59 Prozent, ihre jetzige Tätigkeit eher nicht oder auf keinen Fall ohne Einschränkung bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben zu können, während die Anteile bei geringerer Belastung unterdurchschnittlich sind. Unter den Beschäftigten berichtet gut jede*r Fünfte von stark oder äußerst belastenden Arbeitsbedingungen.

Für die Untersuchung hat das WSI knapp 5.000 abhängig Beschäftigte und gut 3.600 Betriebs- und Personalräte befragt. Letztere sehen die Durchhalte-Chancen der Beschäftigten in ihren Betrieben häufig noch skeptischer. Die Beschäftigtenvertreter*innen sind aber auch der Überzeugung, dass Unternehmen etliche Mitarbeiter*innen länger im Job halten könnten, wenn sie sich verstärkt um alternsgerechte Arbeitsbedingungen bemühen würden. Knapp 42 Prozent der Betriebs- und Personalräte sind überzeugt, dass das für alle oder viele betroffene Beschäftigte möglich wäre, die sonst nicht bis zum Rentenalter durchhalten können, weitere 42 Prozent halten das zumindest bei einigen oder wenigen Kolleg*innen für realistisch. Bislang tun die Arbeitgeber nach Einschätzung der Betriebs- und Personalräte aber längst nicht genug: 40 Prozent bewerten die bisherigen betrieblichen Bemühungen um bessere Arbeitsbedingungen für Ältere auf einer Skala entsprechend den Schulnoten mit 5 oder 6. Knapp 28 Prozent geben lediglich eine 4.  

Bessere Arbeitsbedingungen sind das A und O

Die Ergebnisse machten deutlich, „dass Forderungen nach einer weiteren Anhebung des Rentenalters offensichtlich an der Realität vieler Beschäftigter vorbeigehen“, schreiben die Studienautoren Florian Blank und Wolfram Brehmer. „Solche Maßnahmen würden den zweiten Schritt vor dem Ersten machen“ und Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt verschärfen, warnen sie. Und betonen: Wenn Unternehmen mehr dafür täten, ältere Beschäftigte durch bessere Arbeitsbedingungen im Job zu halten, hätte das einen dreifachen Vorteil: Es helfe dabei, die Finanzlage der Sozialversicherungen zu verbessern. Es wirke arbeitsmarktpolitisch positiv, weil Arbeitskräfteengpässe entschärft würden. Und vor allem würde sich die Lebenssituation und Gesundheit von Millionen Menschen verbessern. 

PS: Gerechtere Löhne und bessere Arbeit, für diese Ziele haben sich im Übrigen die arbeitenden Menschen vor mehr als 150 Jahren in Gewerkschaften zusammengeschlossen. Und sie haben von Anfang an auch dafür gefochten, dass sie im Alter abgesichert sind. Denn in den Arbeiterfamilien herrschte die blanke Not, wenn im Alter oder wegen Invalidität die Arbeitskraft zur Lohnarbeit nicht mehr reichte. Bis zur gesetzlichen Rente war es noch ein weiter Weg, 1957 wurde sie eingeführt, die Gewerkschaften sahen ihre wichtigsten Forderungen erfüllt. ver.di fordert inzwischen längst, die gesetzliche Rentenversicherung zu einer Rente für alle Erwerbstätigen weiterzuentwickeln, insbesondere auch für Selbstständige. Das wäre solidarisch und gerecht. Zudem sollten gesamtgesellschaftliche Leistungen der Rentenversicherung, wie etwa die sogenannte Mütterrente, aus Steuermitteln finanziert werden – und nicht aus den Rentenbeiträgen.

Die wichtigsten Instrumente gegen Altersarmut sind und bleiben jedoch, dass gute Löhne gezahlt werden, dass prekäre Arbeitsformen wie etwa Minijobs abgeschafft werden – denn gute Arbeit und gute Löhne führen zu guten Renten.

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