Arbeit

    Ausverkauf ohne uns

    Nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof

    Aus zwei mach’ eins hieß es am 11. September 2018 für die Kaufhausketten Karstadt und Galeria Kaufhof, beschlossen von ihren Eigentümern, der österreichischen Signa-Holding und der kanadischen Hudson’s Bay Company. Im Januar kündigte die neue Leitung an, dass Galeria Kaufhof aus der Tarifbindung geht und 2.600 Vollzeitstellen – viele davon in der Kölner Verwaltung – abbauen wird. Wegen des hohen Teilzeitanteils verlieren an die 5.000 Menschen ihre Arbeit. Karstadt hat diese Rosskur bereits hinter sich.

    Die Beschäftigten wollen nicht weggespart werden ... Foto: Michael Urban/ddp images Die Beschäftigten wollen nicht weggespart werden ...


    Das sind die nackten Zahlen. Doch wie geht es den Mitarbeiter*innen in den beiden traditionsreichen Kaufhausketten angesichts neuerlicher massiver Veränderungen, die auch mit materiellen Verlusten einhergehen? ver.di publik hat mit drei Beschäftigten über diese Entwicklungen gesprochen. Zu ihrem Schutz haben wir die Namen verändert und nennen nicht ihren exakten Arbeitsort.

    Birgit Maier hat den größten Teil ihres Berufslebens bei Karstadt gearbeitet. 1996 kam die heute 48-Jährige in eines der Hamburger Kaufhäuser, zunächst in die Buchhaltung. „Karstadt war ein sehr guter Arbeitgeber mit übertariflichen Zulagen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, der Arbeitsplatz war sicher und das Betriebsklima ­ausgezeichnet.“ Ganz allmählich verschlechterte sich die Lage: 1999 wurde die Verwaltung für die damals zehn Hamburger Karstadt-Häuser in Billbrook zentralisiert. „Damit gab es mehr Arbeit, und der Stress nahm zu“, erinnert sich Birgit Maier. Bald darauf wurden große Teile der Verwaltungsaufgaben bei Karstadt bundesweit nach Essen und Berlin verlagert. Die bisherige Buchhalterin wechselte ins Personalbüro einer Hamburger Filiale.

    2004 wurde sichtbar, dass Karstadt es versäumt hatte, Filialen und Kaufhauskonzept zu modernisieren. Umsätze und Gewinne brachen ein. Den Verantwortlichen fiel nichts Besseres ein, als bei den Beschäftigten zu sparen. Mit ihrem Verzicht auf Sonderleistungen in Höhe von 745 Millionen Euro schulterten die einen erheblichen Sanierungsbeitrag. 77 kleinere Warenhäuser wurden in „Karstadt-Kompakt“-Filialen umgewandelt. Außerdem sollten 5.500 der zu diesem Zeit- punkt noch rund 100.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. ver.di handelte Sanierungstarifverträge aus, die Standorte und Stellen sicherten. Der Abbau wurde über die natürliche Fluktuation und Vorruhestandsregelungen umgesetzt.

    Birgit Maier erinnert sich an diese Zeit. „Angst vor Kündigung musste niemand haben, aber der allgemeine Abbau war nicht zu übersehen.“ Es wurden Häuser geschlossen, und schließlich ging es an die übertariflichen Zulagen. Birgit Maier war zwischenzeitlich in Elternzeit, und als sie 2006 als Teilzeitkraft zurückkehrte, wechselte sie in den Kassenbereich. „Zu der Zeit war die Besetzung noch ganz in Ordnung. Richtig schlimm wurde es mit der Insolvenz 2009.“ Viele Kolleg*innen suchten sich andere Jobs, weitere Arbeitsplätze fielen über Abfindungen und Frühverrentungen fort. Der Schrumpfkurs ging auch nach den Übernahmen durch den deutsch-amerikanischen Finanzinvestor Nicolas Berggruen und dann durch die Signa-Holding weiter. Dazu kam die Tarifflucht 2013.

    „Heute sind manchmal nur zwei Verkaufskräfte auf einer ganzen Etage“, sagt Birgit Maier. Karstadt-Chef Stephan Fanderl setzt auf eine Aufgabentrennung zwischen Verkauf, Kasse und Warenverräumung, aber die funktioniert schlecht. „Ich bin zwar für den Verkauf zuständig, doch die Teams, die die Ware einräumen sollen, schaffen die Arbeit nicht“, sagt Nicole Zimmermann, die seit dem Jahr 2000 bei Karstadt in Hamburg beschäftigt ist. „Ich muss etwa die Kleidungsstücke aus den Umkleidekabinen zurückräumen. Wenn Kundinnen Fragen haben, bin ich für sie da, aber es kommt oft sehr viel zusammen. Und wir sind zu wenig Fachkräfte auf der Fläche.“

    Laut Karstadt-Boss Fanderl sollen die Verkäufer*innen die Kundschaft auf die Bestellmöglichkeiten übers Internet aufmerksam machen. Birgit Maier weiß aber, dass große Teile der Karstadt-Klientel diesen Einkaufsweg nicht schätzen. „Sie kommen ins Kaufhaus, weil sie die Kleidung anprobieren und andere Besorgungen miterledigen wollen.“ Kein Wunder, dass Kunden manchmal ihren Frust an den Beschäftigten auslassen, wie Nicole Zimmermann es schon erlebt hat. „Ich kann verstehen, dass die genervt sind, wenn sie keine Verkaufskraft finden, sich an jemanden an der Kasse wenden, der dann erstmal die Verkäuferin telefonisch rufen muss.“

    300 Euro unter Tarif

    Neben dem Arbeitsstress plagen Birgit Maier, Nicole Zimmermann und ihre Kolleg*innen materielle Sorgen. „Wir sollen zwar bis 2021 in den Flächentarifvertrag zurückkehren. Doch wegen der Tarifflucht und der nur allmählichen Anpassung liegen wir 300 Euro brutto monatlich unter Tarif“, sagt Nicole Zimmermann. Miete, Strom und andere Fixkosten sind aber die Jahre über kräftig erhöht worden, sodass ihr und den anderen Beschäftigten spürbar Geld fehlt. Birgit Maier kennt Kolle­g*innen, die einen Zweitjob haben, weil sie mit ihrem Karstadt-Lohn nicht auskommen. „Zugleich ist die Arbeit nicht weniger, sondern mehr geworden.“ Dass am Ende vielen die Altersarmut droht, kommt noch hinzu.

    Bei Galeria Kaufhof sah es lange so aus, als ob den Beschäftigten Stellenabbau, Lohnverzicht und Schließungen erspart bleiben würden. Die zum Metro-Konzern gehörenden Kaufhäuser waren profitabel, bis sie im Herbst 2015 für 2,8 Milliarden Euro an die Hudson’s Bay Company (HBC) verkauft wurden. Schon bald ging es bergab, auch wegen der Abtrennung des Immobilienbesitzes. Denn nun mussten die Kaufhof-Filialen zum Teil hohe Mieten erwirtschaften plus einer Investitionsrücklage und laufender Kosten für die Häuser.

    Andrea Gruber hat diese Entwicklung miterlebt. Vor 33 Jahren begann sie bei Kaufhof ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, dann war sie lange in der Wäsche- und später in der Strumpfabteilung. „Es war früher ein angenehmes Arbeiten. Die Abteilungsleitungen konnten Warenkontingente zum zentral bestimmten Sortiment hinzubestellen und so auf Kundenwünsche eingehen.“ Das gebe es seit über zehn Jahren nicht mehr.

    „Mit der Aufkündigung der Tarifbindung geht es an die Monatsgehälter – nicht für uns ver.di-Mitglieder, aber tendenziell bedeutet das weiteren Abbau materieller Sicherheit“, sagt die 49-Jährige. Viele Gespräche zwischen Kolleg*innen drehten sich um ihre Angst vor Einkommensverlust und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. „Durch die geplante neue Struktur in den Filialen gehen viele Posten wie Abteilungsleitungen, Substitute, Erstverkäufer*innen verloren. Die Jüngeren in der Belegschaft fürchten, dass sie wegen der Sozialauswahl durch den Rost fallen.“

    Andrea Gruber ist wütend – auch immer  noch auf die Metro. „Die haben schon im Jahr 2000 einen Teil der Filialen an ein türkisches Unternehmen verkauft, das zwei Jahre später pleite war. Für die betroffenen Beschäftigten gab es keinen Sozialplan, keine Abfindungen – nichts.“ Auch beim Verkauf 2015 an HBC sei es der Metro nur ums Geld gegangen, nicht um die Mitarbeiter*innen. „Nach dem Zusammengehen mit Karstadt wäre es an der Zeit, auf uns zu hören.“ Die Ver­käufer*innen wüssten, woran es in den Abteilungen fehle. Um die Lage bei Kaufhof zu verbessern, sei mehr und nicht weniger Personal erforderlich. „Vorsprung durch Service“ nennt Andrea Gruber die Beratungskompetenz der Verkäufer*innen und ärgert sich über die Geschäftsleitung, die sich mit Amazon-Abholstationen die Konkurrenz in die eigenen Häuser hole. „Wir könnten das Ruder zusammen mit den Karstadt-Kolleginnen herumreißen. Aber das funktioniert nur, wenn man uns lässt.“

    Text: Gudrun Giese

    Der Text wurde zuerst veröffentlicht in der ver.di publik 2_2019

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