Arbeit

    Deichkind auf Touren

    „Das ist schon ein dicker Hund“

    Mit ihrem Album „Befehl von ganz unten“ konnten Deichkind ihren bislang größten Charterfolg feiern. Das fünfte Studioalbum der Hamburger Elektropunk und Hip Hop Band kletterte in kurzer Zeit bis auf Platz 2. Doch in der gleichen Hochgeschwindigkeit, in dem der Titel der Singleauskopplung „Leider geil“ in die Alltagssprache überging, knallten bei einem Arbeitgeber wegen eines Deichkinds-Songs alle Sicherungen durch. Im Mai postete ein Beschäftigter aus dem Kreis Herford den „Bück dich hoch“-Song auf seiner Facebook-Seite und schrieb dazu: „Hm, mal überlegen. Wieso gefällt mir ausgerechnet das Lied von Deichkind, my friends.“ Und erhielt postwendend die fristlose Kündigung. Begründung seines Arbeitgebers: Die besungenen Arbeitsbedingungen („Halt die Deadline ein, so ist's fein! Hol' die Ellenbogen raus, burn dich aus!“) würden mit denen gleichgesetzt, die im Betrieb herrschen.

    Deichkind: Choreographie mit Trash-LED-Charme Angelika Warmuth/DPA Deichkind: Choreographie mit Trash-LED-Charme  – Deichkind: Choreographie mit Trash-LED-Charme

    Wir haben mit La Perla, auch bekannt als DJ Phono, und Björn Beneditz von Deichkind kurz vor dem letzten Konzert ihrer „Befehl von ganz unten“-Tour in Dresden gesprochen. Beide sind maßgeblich für die Choreographie der als Materialschlacht mit Trash-LED-Charme bekannten Bandauftritte verantwortlich.

    ver.di PUBLIK | Wie habt ihr reagiert, als ihr von der Kündigung in Herford erfahren habt? Es scheint ja, dass „Bück dich hoch“ dadurch zur Anti-Hymne auf die moderne Arbeitswelt geworden ist.

    Anstatt einen ironischen Umgang mit sich selbst zu pflegen und Kritik zuzulassen, wird der Arbeitnehmer gefeuert. Absolut unreif.

    La Perla

    LA PERLA | Wir hatten aus der Zeitung davon erfahren, und es ist schon ein dicker Hund, dass ein Arbeitgeber jemanden wegen des Postens eines Songs kündigt. Anstatt einen ironischen Umgang mit sich selbst zu pflegen und Kritik zuzulassen, wird der Arbeitnehmer gefeuert. Absolut unreif. Woran lag der Frust bei dem Angestellten denn wohl? Vielleicht an den Arbeitsbedingungen?

    BJÖRN | Wie kommt der Arbeitgeber eigentlich an so eine Information? Scheinbar wird es immer selbstverständlicher, seine Mitarbeiter zu durchleuchten.

    ver.di PUBLIK | „Bück dich hoch“ scheint ganz gut die derzeitige Stimmung aufzugreifen. Vor ein paar Jahrzehnten traf das noch auf „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ von „Ton Steine Scherben“ zu, das 1983 von Slime gecovert wurde. Aber heute auch auf „Arbeit nervt“ von euch. Kann man mit der heutigen Arbeitswelt nur noch ironisch umgehen?

    Gleichzeitig gibt es die Tendenz, dass die Notwendigkeit, kreativ sein zu müssen, schon lange kein Markenzeichen nur des Künstlers ist, sondern alle Berufe erfasst – seien es Bankangestellte oder Ingenieure.

    Björn

    BJÖRN | Der Song ist natürlich eine Reaktion auf die Veränderung des Arbeiterbilds, in dem der Zwang zur Selbstoptimierung immer wichtiger wird. Gleichzeitig gibt es die Tendenz, dass die Notwendigkeit, kreativ sein zu müssen, schon lange kein Markenzeichen nur des Künstlers ist, sondern alle Berufe erfasst – seien es Bankangestellte oder Ingenieure. Für mich ist der Song eine Kritik an der „Arbeit ist Religion“-Haltung, die um sich greift.

    LA PERLA | „Arbeit nervt“ entstand aus der eigenen Genervtheit heraus, immer produktiv sein zu müssen. Auch wenn unsere Arbeit, wie etwa solche Bühnenshows auf die Beine zu stellen, kaum vergleichbar ist mit den Jobs der meisten anderen. Der ironische Grundton von Bück dich hoch ist eher eine karnevalistische Form, auf den Zeitgeist zu reagieren, überspitzt und überzeichnet. Dieser Kultur des sich bedingungslosen Aufopferns halten wir den Spiegel vor. Auf der anderen Seite gibt es die Entwicklung, dass sogar schon junge Beschäftigte bei Einstellungsgesprächen nach der Work-Life-Balance im Job fragen. Und das finde ich richtig.

    BJÖRN | Das nennt man dann wohl den Wohlfühl-Index, den es jetzt in manchen Unternehmen geben soll.

    LA PERLA | Klar steckt auch da der Wunsch nach Profitmaximierung dahinter. Aber nichtsdestotrotz ist es eine wichtige Frage, ob ich mich in meinem Job entwickeln kann und Freiräume habe. Wenn ich mir anschaue, wie stark Deichkind von der Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Bandmitglieder profitiert hat, bestärkt mich das darin. Schließlich sind wir ja auch nur ein Unternehmen.

    ver.di PUBLIK | Obwohl ihr das seid, seid ihr bei dem ganzen Thema der illegalen Downloads ziemlich locker und liefert den Freunden der Produktpiraterie mit „Illegale Fans“ auf dem aktuellen Album sogar noch die Partyhymne. Hättet ihr überhaupt eine andere Wahl? Denn sich darüber zu beschweren, passt ja nicht so richtig zu Deichkind, oder?

    LA PERLA | Selbstverständlich ist es für einen Künstler wichtig, um seinen Wert zu wissen. So gleichgültig stehen wir dem Thema dementsprechend nicht gegenüber. Aber etwas anderes ist es, wie man diesen Wert einfordert. Und die restriktive Variante ist nicht die unsrige. Wir versuchen vielmehr, über die Auftritte Energie auszustrahlen und Interesse für uns zu wecken. Und unsere Lust auf den Moment des Konzerts trifft aktuell auf viel Gegenliebe. So können wir von dem, was wir machen, ganz gut leben und haben mehr finanzielle Möglichkeiten, um uns noch komplexere Ideen für die nächsten Konzerte auszudenken.

    Es ist wichtig, die Marktlogik nicht nur in punkto Zugang zu Kultur und Informationen in Frage zu stellen, sondern auch beispielsweise beim Thema Wohnen. Letztlich geht es doch um Teilhabe, und um die zu sichern, müssten gemeinschaftliche Güter in vielen Bereichen gestärkt werden.

    Björn

    BJÖRN | Was ich an der Download-Kultur problematisch finde, ist, dass sie sich so auf das Netz fixiert, aber nicht die Grenzen antastet, die uns ansonsten durch die kapitalistische Logik gesetzt werden. Es ist wichtig, die Marktlogik nicht nur in punkto Zugang zu Kultur und Informationen in Frage zu stellen, sondern auch beispielsweise beim Thema Wohnen. Letztlich geht es doch um Teilhabe, und um die zu sichern, müssten gemeinschaftliche Güter in vielen Bereichen gestärkt werden. 

    ver.di PUBLIK | Bei einem ganz anderen Thema wüsste ich das gern genauer. Da ihr ja eine reine, gemein gesagt, Boyband seid und eure Performance sehr jungslastig wirkt, würde mich interessieren, mit welcher Frau ihr euch eine Tour vorstellen könntet. Nehmen wir an, ihr hättet die Wahl zwischen Lady Gaga, MIA und Lady Bitch Ray?

    BJÖRN | Schwierig. Das sind ja alles ganz andere Showmodelle.

    LA PERLA | Männlichkeit oder die Auseinandersetzung damit ist, auch wenn bei uns keine Frau mitmacht, schon ein wichtiges Thema für uns. Deichkind ist ja keine auf Dauer gestellte Kumpelsauftour.

    BJÖRN | Die Botschaft verstehen die Leute auch, die zu unseren Konzerten kommen. Selbst bei solchen prolligen Songs wie „Hört ihr die Signale” mit Hooklines wie „Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen!” singen nicht nur die Typen mit. Das Publikum ist eh eher ein „weiches”, der Frauen-Männer-Anteil ist ziemlich ausgeglichen. Wäre ja auch schlimm, wenn es anders wäre.

    ver.di PUBLIK | Gibt es eigentlich so etwas wie einen selbst geschaffenen Druck, bei euren Bühnenshows immer noch eine Schippe drauflegen zu müssen?

    BJÖRN | Wir wollen die Bühnenshow in jedem Fall weiterentwickeln, auch als utopisches künstlerisches Moment gegen die Idee der Alternativlosigkeit zu den alltäglichen Verhältnissen, die uns gepredigt wird. Druck würde ich das nicht nennen. Eher eine Herausforderung, wie man heute so schön sagt.

    ver.di PUBLIK | Und was heißt das für die Zukunft von Deichkind?

    LA PERLA | Wir werden nächstes Jahr sicherlich mit der Arbeit zu einem neuen Album anfangen und unsere Forschung auf bestimmte Themen richten. Aber jetzt ist erst mal Weihnachten und da wird gechillt.

    Interview: Romin Khan

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