Arbeit

    Hohe Belastungen bei den Beschäftigten der Paketdienste

    Ein Elefant am Tag

    10. 12.2021 – Starkverkehr herrscht in der Vorweihnachtszeit bei den Paketzustellunternehmen. Und nicht nur dann. Durch die Corona-Pandemie ist das Aufkommen an Päckchen und Paketen deutlich stärker gestiegen, als die Unternehmen es erwartet haben. Seit 2011 hat sich die Zahl der in Deutschland versendeten Pakete auf mehr als 4,5 Milliarden mehr als verdoppelt. Allein in den letzten beiden Monaten dieses Jahres werden 790 Millionen Sendungen erwartet, davon in der letzten Woche vor Weihnachten täglich 22 Millionen.

    Nicht nur in der Vorweihnachtszeit boomt der Versand von Paketen dpa Bildfunk 22 Millionen Sendungen pro Tag werden in der Woche vor Weihnachten erwartet

    Darüber werden oft die Menschen vergessen, die dafür sorgen, dass die Zustellung reibungslos klappt – und das sind neben den Zusteller*innen auch die, die in den Logistikzentren arbeiten. Die, die bestellen oder bei der Zustellung ihrer Geschenke nicht auf den Weihnachtsmann und seinen Rentierschlitten vertrauen wollen, erwarten, dass ihre Pakete rechtzeitig vor der Bescherung auch noch im siebten Stock oder einem entlegenen Haus ankommen.

    Dank an Beschäftigte

    „Man sollte sich auch mal bei denen bedanken, die das möglich machen“, sagte Andreas Kassler, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von UPS, bei einer Pressekonferenz, bei der ver.di gemeinsam mit den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von fünf Paketdiensten auf die Probleme der Branche aufmerksam gemacht hat.

    Doch mit Dank allein ist es nicht getan. 3,5 bis 4 Tonnen, das Gewicht eines indischen Elefanten, bewegt ein Zusteller pro Tag, verbildlichte Kassler die Masse. Doch den Paketen ist nicht anzusehen, ob eine Handyhülle oder eine Bremsscheibe darin ist. Für die, die sie bewegen müssen, wird das nicht erkennbare Gewicht zu einer gesundheitlichen Belastung, Muskel-Skelett-Krankheiten nehmen zu. Daher forderten alle Beteiligten der Pressekonferenz eine deutliche Kennzeichnung der Pakete mit dessen Gewicht und eine Beschränkung auf 20 Kilo; derzeit sind 31,5 Kilo erlaubt.

    Hauptproblem Amazon

    Immer wieder wurde Amazon in der Pressekonferenz genannt. Der Online-Händler hat nicht nur wesentlich dazu beigetragen, dass das Paketaufkommen so stark gestiegen ist. Innerhalb von zwei Jahren hat das Unternehmen Amazon Flex aufgebaut, ein flächendeckendes Zustellnetzwerk, das, so die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Andrea Kocsis, ausschließlich mit Subunternehmen und Scheinfirmen arbeitet. Da die Fahrer vermeintlich Soloselbstständige sind, greift die Nachunternehmerhaftung nicht.

    Falsche Papiere

    Bei einer Razzia haben Bundespolizei und Zoll am 8. Dezember bundesweit etwa 50 Wohnungen, Geschäftsräume, Logistikzentren und Unterkünfte durchsucht. Gegen welche Unternehmen sich die Vorwürfe konkret richten, ist derzeit nicht bekannt. Bei der Razzia ging es um eine Schleuserbande, die Arbeitskräfte mit falschen Papieren nach Deutschland holt und für wenig Geld in Logistikzentren arbeiten lässt. „Ein lohnendes Geschäft“, sagte die Andrea Kocsis.

    Denn in der Zustellbranche fehlen Arbeitskräfte, das Geschäft boomt. Gemeinsam mit der DGB-Beratungsstelle Faire Mobilität hat ver.di in den vergangenen Monaten mehrere Aktionen vor Amazon-Logistik und -Fulfillment-Zentren gemacht. Dabei weiß Kocsis von Fällen, in denen der Entleiher der vermittelnden Firma 6700 Euro zahlt, die Beschäftigten aber mit 750 Euro abgespeist werden. In anderen Fällen gibt es pauschal 75 Euro pro Tag, doch die Arbeitszeit liegt dann auch bei zehn Stunden und mehr.

    Ein Leben im Fahrzeug

    Der Mindestlohn wird so unterlaufen, fehlende Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Urlaub, Unfallschäden müssen die Verursachenden aus eigener Tasche bezahlen – all das schildern die Betroffenen. Hinzu kommen Sprachbarrieren. „Die Beschäftigten kennen ihre Rechte nicht oder haben Angst“, sagte Andrea Kocsis. Hinzu kommt, dass sie von den geringen Löhnen keine Wohnung bezahlen können. Häufig leben sie in den Fahrzeugen.

     „Beim Vorgehen von Amazon drängt sich der Eindruck auf, dass das Unternehmen mit dem Einsatz von (schein)selbstständigen Ausliefernden Rechtsbruch begehen könnte, denn diese seien sowohl in die Arbeitsabläufe eingeplant als auch nicht frei von Weisungen“, heißt es dazu ein einem Faktenpapier von ver.di. Kocsis und die fünf GBR-Vorsitzenden forderten hier verstärkte Statusfeststellungen.

    Keine Fahrtenschreiber

    Die Fahrer*innen sind zudem mit Fahrzeugen unter 2,8 Tonnen unterwegs, daher sind für sie keine Fahrtenschreiber verpflichtend, sagte Thomas Held, GBR-Vorsitzender bei der Deutsche Post DHL. Andrea Kocsis sprach sich zudem dafür aus, die Nachunternehmerhaftung auf die gesamte Logistik-Kette auszudehnen, also auch auf die LKW-Fahrer*innen, die die Waren in die Verteilzentren bringen, und die Beschäftigten dort. Auch hier komme es mittlerweile häufig zu Fremdvergaben.

    Auf die anderen Unternehmen der Branche steigt dadurch aber der Kostendruck – und ausbaden müssen das die Beschäftigten. So berichten die Kollegen von Hermes und DPD, dass es immer noch nur im geringen Maße bei ihnen angestellte Zusteller*innen gibt. Und bei Fedex, so berichtete der GBR-Vorsitzende Hartmut Schul, gelten statt des besseren Haustarifvertrags jetzt wieder die regionalen Logistik-Tarifverträge. Damit wird und mit den Arbeitsbedingungen wird es noch schwieriger, die dringend benötigten Arbeitskräfte für die Branche zu gewinnen.

     ver.di-Forderungen

    • Eigenbeschäftigung der Zusteller*innen bei den Dienstleister*innen im Bereich Kurier-, Express- und Paketdienste, statt bei Sub- und Subsubunternehmen oder als Solo-/Scheinselbstständige
    • Kennzeichnung von schweren Paketen und Begrenzung des Gewichts auf 20 Kilo. Derzeit sind 31,5 Kilo erlaubt
    • Stärkung der Tarifbindung der Branche
    • Verstärkte Betriebsprüfungen durch die Träger der Sozialversicherung, um scheinselbstständige Beschäftigungsverhältnisse zu beenden
    • Ausweitung der Nachunternehmerhaftung auf die gesamte Logistikbranche
       
    Muskel-Skelett-Erkrankungen haben stark zugenommen bei Paket-Zusteller*innen dpa Bildfunk Die Arbeitsbedingungen in der Paketzustellung sind belastend

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