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    Laudatien in rosarot? - Eröffnung des neuen Leipziger Telekom-Call-Centers am 04.07.2011

    Leipzig, 4.07.2011

    Neben freudigen wird es auch viele traurige Gesichter auf der Eröffnungsfeier des neuen Call-Centers der Telekom am 04.07.2011 in der Leipziger Innenstadt geben.

    Natürlich ist der Neubau frisch und modern. Das sind die bisherigen Telekomgebäude in Gera und Halle allerdings auch. Die Beschäftigten aus den Regionen Halle und Gera müssen nun ihren Lebensmittelpunkt nach Leipzig verlegen oder lange Pendelwege auf sich nehmen. In den Telekom-Call-Centern arbeiten viele Mütter, Väter und Teilzeitbeschäftigte, die besonders von diesem Umzug gebeutelt werden.

    „Seit der Standortentscheidung haben bereits über 70 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz aufgegeben, weil sie örtlich gebunden sind und die teils sehr langen Arbeitswege nicht auf sich nehmen können.“ sagt Hans-Joachim Fischer, ver.di-Fachbereichsleiter. Andere Mitarbeiter sahen sich gezwungen, ihr Vollzeitarbeitsverhältnis in ein Teilzeitarbeitsverhältnis mit den entsprechenden Einkommensverlusten umzuwandeln, da anders die familiären Verpflichtungen zukünftig nicht mehr wahrgenommen werden können.

    Trotz manch kritikwürdigen Umständen und Hintergründen darf  dennoch befürchtet werden, dass die Laudatien der Telekom und der Stand Leipzig auf der Eröffnungsfeier in rosaroten Farben ausfallen.

     

    Zu den Hintergründen:
    Der neue Standort Leipzig ist das Ergebnis langer Auseinandersetzungen

    Warum ist der Neubau gerade nach Leipzig gekommen? Die Telekom wollte ursprünglich weit mehr Standorte schließen. Die Arbeitgeber wollten die Geraer Beschäftigten nach Leipzig und die Hallenser nach Magdeburg ziehen lassen - offenbar in dem Kalkül, dass viele Mitarbeiter deshalb die Telekom von sich aus verlassen.

    Daraufhin organisierte ver.di im 2. Halbjahr 2008 massive Proteste der Beschäftigten, mit zahlreichen Aktionen und vielen politischen Aktivitäten. Der Konflikt wurde mit einer Einigungsstelle zwischen Gesamtbetriebsrat und Arbeitgeber beendet. Vor allem der Protest der Belegschaft und die politischen Aktivitäten von ver.di führten zur Einigung. Es wurden am Ende weniger Standorte (u. a. Dresden) geschlossen als geplant. Für die Beschäftigten aus Leipzig, Halle und Gera sollte entsprechend der Einigung im Interessenausgleich zwischen Gesamtbetriebsrat und Arbeitgeber ein neuer Verbundstandort in Schkeuditz entstehen.

    Als sich dieser neue Standort als nicht realisierbar herausstellte, wurde nach Alternativen gesucht. Für die Betriebsräte und ver.di ging es vor allem darum, dass eine optimale Erreichbarkeit des neuen Standortes gesichert wird.
    Aus unserer Sicht ist das mit dem Neubau in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof gelungen. Jeder andere Leipziger Standort wäre wohl auf massiven Widerstand der Arbeitnehmer nach der hart errungenen  Einigung gestoßen - mit ungewissem Ausgang.

    Die Standortpolitik der Stadt Leipzig hatte insofern nur begrenzten Einfluss.

     

    Wie sehen die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im Neubau aus?

    In Zeiten von massivem Leistungsdruck, Überwachung und starken psychischen Belastungen am Arbeitsplatz kommt es nicht zuletzt auf die Innengestaltung eines Call-Center an. Unter "modernen Arbeitsplätzen" verstehen die Telekomarbeitgeber offensichtlich vor allem drei Neuerungen, welche beim Neubau umgesetzt wurden:

    • möglichst viele Arbeitnehmer in einem Raum (ca. 65 Mitarbeiter)
    • Desksharing - heißt keinen individuellen Arbeitsplatz zu haben, sondern täglich einen freien Arbeitsplatz suchen müssen
    • Cleandesk - heißt, dass der Call-Center-Mitarbeiter nur während seiner Anwesenheit den Arbeitsplatz individuell gestalten kann

    Auf den ersten Blick machen die Großraumbüros einen unpersönlichen und klinisch reinen Eindruck. Vor dem Hintergrund steigender psychischer Belastungen in einer Vielzahl von Unternehmen - auch bei der Telekom - bleibt abzuwarten, wie diese neuen "modernen" Bedingungen von den Beschäftigten am Ende tatsächlich angenommen werden.

    Rückfragen an: Hans-Joachim Fischer  01 71 / 5 50 50 40

     

    V.i.S.d.P.:

    Thomas Voß

    ver.di-Landesbezirksleiter

    für Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen

    für den Inhalt: Annett Kannenberg, Landesbezirksjugendsekretärin ver.di SAT

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