Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft

    Forschung für Gute Arbeit und Gute Dienstleistungen

    Bericht zur ver.di-Tagung „Arbeits- und Dienstleistungsforschung: Ergebnisse und Perspektiven“

    16.12.2021 - Dienstleistungen für Mobilität, Energieversorgung, Wohnen, Bildung und Gesundheit und viele andere Bereiche bis hin zur Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs haben eine Schlüsselrolle für eine nachhaltige Gestaltung von Wirtschaft, Arbeits- und Lebenswelt. Eine sozial-ökologische Transformation, die ökologisch nachhaltiges Wirtschaften fördert und gesellschaftlichen Zusammenhalt wahrt, erfordert Innovationen und Gestaltungsansätze für entsprechende Dienstleistungen und Gute Arbeit. Arbeits- und Dienstleistungsforschung kann dafür wichtige Beiträge in Form von Gestaltungswissen liefern. Auf der ver.di-Online-Tagung „Arbeits- und Dienstleistungsforschung: Ergebnisse und Perspektiven“ wurde am 7. Dezember 2021 über Ergebnisse und Perspektiven einer solchen Forschung berichtet und diskutiert. An ihr nahmen haupt- und ehrenamtliche Kolleg*innen aus unterschiedlichsten ver.di-Bereichen und Branchen ebenso teil wie Wissenschaftler*innen, die sich aus verschiedenen Fachperspektiven mit Fragen der Arbeits- und Dienstleistungsforschung beschäftigen.

    Im Zentrum standen dabei die über das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprogramme. In einem Blick zurück wurden zunächst wichtige Ergebnisse der Dienstleistungs- und der Arbeitsforschung vorgestellt. Bei mehreren dieser Projekte war ver.di selbst als Forschungspartner beteiligt. Dabei ging es etwa um die Frage, wie personenbezogene Dienstleistungen gestaltet sein müssen, damit sie konsequent an den Bedürfnissen der Nutzer*innen ausgerichtet sind, so der Gegenstand des Inputs von Prof. Dr. Susanne Robra-Bissantz (TU Braunschweig). In einer weiteren Projektpräsentation ging es darum, wie der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) im Callcenterbereich unter Beteiligung der Beschäftigten gestaltet werden kann. Prof. Dr. Jan Marco Leimeister (Universität Kassel) stellte vor, wie dabei Möglichkeiten geschaffen wurden, die Beschäftigten sowohl von monotoner Arbeit zu entlasten als auch durch eigenständiges Erstellen und Modifizieren von Chatbots ihre Arbeit aufwerten zu können. Aus dem Feld der Arbeitsforschung wurden von Dr. Nadine Müller (ver.di-Bundesverwaltung) Erkenntnisse aus der Begleitforschung zum Förderschwerpunkt „Arbeit in der digitalisierten Welt“ präsentiert. Die Begleitforschung diente der Vernetzung der Projekte und dem Transfer von Gestaltungsmöglichkeiten in die betriebliche Praxis. ver.di als einer der Partner in dem Projekt hat etwa ein Digitalisierungsnetzwerk für Betriebs- und Personalräte aufgebaut und Bildungsbausteine zu den Themen mobiles Arbeiten und Entlastung/Gesundheit in der digitalen Arbeitswelt entwickelt. Mario Daum (input consulting) präsentierte erste Ergebnisse des Projekts „Digitallabor Nonprofit 4.0“. In dem laufenden Projekt werden Konzepte und Instrumente entwickelt, um die Digitalisierung in Nonprofit-Organisationen, ganz konkret auch in ver.di zu fördern. Dabei geht es etwa um Themen wie virtuelles Ehrenamt, also den Ausbau der innergewerkschaftlichen Zusammenarbeit im digitalen Raum sowie digitales Organisationshandeln, also die Stärkung der Gewerkschaftsmacht durch digitales Organizing.

    Im zweiten Teil der Tagung wurde dann der Blick nach vorne gerichtet. Welche Anforderungen stellt ver.di an die zukünftige Arbeits- und Dienstleistungsforschung bzw. die entsprechende Förderung des BMBF? Thematisch, so der Tenor des Inputs von Michael Fischer und Dr. Nadine Müller (ver.di-Bundesverwaltung), sollten in der Arbeitsforschung insbesondere die Herausforderungen der Digitalisierung und des Einsatzes von KI für die Arbeitsorganisation und –gestaltung erforscht werden. In der Dienstleistungsforschung wiederum sollte ein Schwerpunkt gesetzt werden auf Dienstleistungen, die gleichzeitig ökologische Ressourcen schonen und die Gestaltung von Guter Arbeit fördern sowie solche Dienstleistungen erforscht werden, die einen Bezug zu gesellschaftlichem Wohlergehen aufweisen, also etwa Innovation und Resilienz in beschäftigungsstarken und systemrelevanten Dienstleistungsbranchen stärken können. Damit Forschung mit entsprechender Orientierung erfolgt, müssen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sowie gesetzliche Interessenvertretungen an der Entwicklung von Forschungsprogrammen und deren Begleitung beteiligt werden. Wichtig ist außerdem, dass die finanziellen Mittel für die Arbeits- und Dienstleistungsforschung erhöht und dauerhaft sichergestellt werden.

    Abschließend wurde von Ralf Münchow (BMBF) das neue Forschungsprogramm „Zukunft der Wertschöpfung“ vorgestellt, in dem auch die künftige Forschung zu Arbeits- und Dienstleistungen angesiedelt ist. In der folgenden Diskussionsrunde wurden die Anforderungen an künftige Forschung aus sozialwissenschaftlicher (Prof. Dr. Heike Jacobsen, BTU Cottbus), betriebsratlicher (Tanja Haas, N-ENERGIE Netz GmbH) und gewerkschaftlicher (Michael Fischer) Perspektive diskutiert. Dabei wurde in den Beiträgen deutlich, dass der Fokus der öffentlichen Forschungsförderung noch deutlich stärker auf die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie z.B. Klimawandel, soziale Ungleichheit, Arbeitsbedingungen in der Digitalisierung gerichtet werden muss und keine Engführung von Forschung auf die Förderung betriebswirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit erfolgen darf.