Gründungsgewerkschaften

    Anni Gondro: Die Unerschrockene

    Anni Gondro: Die Unerschrockene

    Anni Gondro Foto: Andreas Meichsner Anni Gondro

    Anni Gondro ist seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Gewerkschaft - stritt für Holzschuhe, Ladenschluss und Frauenrechte. Bringt Alt und Jung zusammen, unterstützt den ver.di-Vorsitzenden.

    Einträchtig sitzen sie auf dem Podium: Anni Gondro (84) und Katja Wingelewski (35). Die Ältere mit blonden, wohlfrisierten Haaren, rotem Kleid, Perlenkette. Die Jüngere ganz in schwarz, die schwarzen Haaren hinter die Ohren gesteckt. Trotz des Altersunterschieds von fast 50 Jahren haben sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Senioren, die Anni Gondro ehrenamtlich im ver.di Bezirk Region Hannover leitet, und die Jugend, um die sich Katja Wingelewski hauptamtlich im Bezirk kümmert, ins Gespräch bringen. Es funktioniert. Alt und Jung stellen fest: Ihre Sorgen sind ähnlich.

    Leute ins Gespräch zu bringen und gemeinsam mehr zu erreichen - das hat Anni Gondro ihr Leben lang getan. Berührungsängste kannte sie dabei noch nie.

    Sie sorgte mit Kleinigkeiten für Verbesserungen

    Schon als 14-Jährige, als sie vom Oberlyzeum in die Schuhfabrik wechseln musste. Die Nazis hatten den Le-bensmittel- und Obstladen ihrer Eltern geschlossen. Zu eng war ihnen der Kontakt zu Juden. Außerdem ver-kauften die Eltern weiter "Südfrüchte", von den neuen Herrschern als "Judenfrüchte" verunglimpft. In der Schuhfabrik hat sie mit Kleinigkeiten für Verbesserungen gesorgt: selbst genähte Taschentücher für die Arbeiter, damit sie nicht auf den Boden rotzten, was dann die Frauen wegputzen mussten.

    Im Juli 1945 flüchtete sie mit ihren beiden Kindern nach Bremen. Von der Fürsorge wollte sie nicht leben, fand Arbeit bei der Bremer Schulspeisung. Schlecht bezahlt, aber mit einer warmen Mahlzeit am Tag für ihre Kinder. Sieben Frauen arbeiteten auf blankem Steinboden zwischen den großen Kesseln. Vernünftige Schuhe hatte keine. Also ist DGB-Mitglied Anni Gondro zu ihrer Gewerkschaft, hat Holzschuhe für die Frauen besorgt. Die traten aus Dank in die Gewerkschaft ein und kämpften später gemeinsam erfolgreich für mehr Lohn.

    Um Frauen hat sie sich ihr Leben lang besonders gekümmert. "Wenn Frauen von etwas überzeugt sind, bleiben sie dabei." So wie Anni Gondro selbst. Zum Beispiel in Sachen Gewerkschaft. Nur die könne die Menschen schützen. Einzutreten war für sie selbstverständlich: "Mein Vater war ein politischer Mensch. Er hat sich als Geschäftsmann eingesetzt für die Arbeiter." Und diese Erziehung habe dazu geführt, dass sie nie den Mund halten konnte, sagt sie.

    Aufgemacht hat sie den Mund auch Anfang der fünfziger Jahre als Verkäuferin in einem großen Warenhaus. Die Frauen dort verdienten pauschal zehn Prozent weniger als die Männer, für die gleiche Arbeit. Anni Gondro stellte mit dem DGB während der Tarifverhandlungen eine Großdemonstration auf die Beine. Die Arbeitgeber knickten ein, das Gehalt wurde angeglichen, der Ladenschluss geregelt. Dazu steht sie noch heute. "Wenn am Samstag mein Kühlschrank leer ist, gehe ich zu den Nachbarn und frage nach Brot." Es regt sie auf, dass vornehmlich Frauen samstags bis 20 Uhr in den Läden stehen, ihr Familienleben leidet.

    Anni Gondro geht es immer um die konkreten Erfolge, über die sie zahlreiche Mitglieder für die Gewerkschaft geworben hat. Noch heute, mit 84. Ihr Telefon steht nicht still, sie vermittelt Ansprechpartner, hört sich Geschichten an, hilft. Mit Herz und Verstand. So, wie sie es von Gewerkschaftern erwartet. Viele Bindungen sind bis heute geblieben. "Ich schaue mir die Leute an, mit denen ich umgehe", sagt sie. Und sagt auch allen ihre Meinung. Etwa Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD), den sie zu ihren Freunden zählt. Auch er trifft seine Freundin Anni immer wieder demonstrierend vor dem Rathaus. Gegen den Verkauf der Stadtwerke beispielsweise, der verhindert werden konnte. Oder gegen die geplante Privatisierung der städtischen Altenheime. Die Finanznot der Stadt ist Anni Gondro bewusst, aber muss die auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden, die eh nicht viel haben?

    Ruhe ist nichts für sie

    1979 geht Anni Gondro in Rente - doch Ruhe ist nichts für sie. Sie steigt in die Seniorenarbeit ihrer Gewerkschaft ein. Noch heute hat sie eine "56-Stunden-Woche": Treffen, Telefonate, Sitzungen - und immer wieder neue Ideen, wie die gemeinsame Veranstaltung mit der Jugend.

    Im Kreisvorstand Hannover trifft sie 1980 den heutigen ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske, damals ehrenamtlich tätig, wie sie. Nach anfänglichen Streitereien - "er war bei den Grünen, ich bei der SPD" - wächst der gegenseitige Respekt voreinander. Sie sprechen sich aus, freunden sich an, bis heute. Sie mag seine Art, wirtschaftlich wie politisch zu denken. Er unterstützt die Senioren, will das geistige Gut der Älteren nicht wegwerfen, ist Anni Gondros Ideen gegenüber aufgeschlossen.

    Auch heute findet er eine Lücke im Terminkalender, um sich die Diskussion von Jugend und Senioren anzuhören - und Anni Gondro zu treffen. Bei der Begrüßung strahlen beide, stecken die Köpfe zusammen. Das ist nicht sein Vorsitzenden-Bonus, Anni Gondro kümmert sich um alle fast mütterlich. Auf die Jugendlichen geht sie vor der Veranstaltung zu, stellt sich vor, begrüßt sie so wie ihre Senioren, die sie schon lange kennt. Und sorgt ganz nebenbei dafür, dass alle die Grußkarte für eine kranke Kollegin unterschreiben.

    Anni Gondro zählt sich zu denen, die Frank Bsirske ins Spiel brachten, als die ÖTV im November 2000 dringend einen Nachfolger für den überraschend zurückgetretenen Herbert Mai suchte. Das hält sie heute davon ab, sich zurückzuziehen. "Ich will Frank aktiv so lange unterstützen, wie ich es kann", sagt sie.

    Text: Heike Langenberg (Artikel aus ver.di PUBLIK 05/Mai 2004)