Nebenbei - die tägliche Kolumne

    Gewerkschaft 6.0

    Happy Gewerkschafter

    Das mit der Digitalisierung ist echt so eine Sache. Und was man nun wirklich nicht behaupten kann, ist, dass die Gewerkschaften sie verschlafen. Läuft die Online-Welt noch auf der Version 2.0, dreht sich bei ver.di schon alles um die Arbeit 4.0. Es braucht zwar noch etliche analoge Busse und real viel Zeit, um die über 1.000 Delegierten und ver.di-Beschäftigten abends ans Ende der Stadt in ein barockes Parkschlösschen zur Kongressparty zu bringen. Aber dann, irgendwann, geht’s nicht mehr ohne Smartphone und Single-App.

    Weil mehr als 1.000 Menschen ja nicht genug sind, muss nämlich noch der nähere Umkreis von 25 Kilometern nach Lonely Hearts gescannt werden. Da kann es dann hier im beschaulichen Leipzig schon mal dazu kommen, dass zwei dasselbe Girl liken, das bei einer aktuellen Entfernung von 23 Kilometern gerade noch in ihren Bannkreis fällt. Die Auswahl ist nicht groß, wählerisch zu sein, können sie sich da nicht leisten. Und für ein schnelles Come Together ist das natürlich eine echte digitale Herausforderung, wenn es von der Party-Location erst Stunden später wieder einen generalstabsmäßig, also analog geplanten Rücktransport über genau festgelegte Hotelrouten gibt.

    Macht man eben erst mal ein Selfie, selbstverständlich jeder seins, und schickt es via Single-App der Gelikten. Und macht sich über die Frage der App, ob ein gemeinsames Drogenerlebnis ein romantisches Beisammensein ausschließt, bei Getränken ohne Ende so seine Gedanken. Für die zwei einsamen Wölfe und die mittlerweile drum herum Sitzenden ist das ein richtig gefundenes Fressen. Unter vielen bleibt man am Ende eben doch nicht allein.

    Im Hintergrund in einem der großen Napoleon-Zelte im Schlösschenpark covern die nicht mehr ganz so jungen Wölfe der einst ganz großen Band City auf Deutsch „Hero“ von David Bowie. Da sind alle Helden – für einen Tag. Oder, um es digitalisiert zu sagen: So geht Gewerkschaft 6.0.

    Petra Welzel