Nebenbei - die tägliche Kolumne

    Eine echte Herausforderung

    Eine Frage der Zeit

    Auf einem ver.di-Bundeskongress wird natürlich diskutiert. Dazu sind sie ja schließlich angereist, die vielen Delegierten. Und da kann die Zeit schnell ziemlich knapp werden, denn irgendwann muss ja auch ein ver.di-Bundeskongress mal zu Ende gehen, so schön er auch wieder ist.

    Gleich am Dienstagmorgen kam er dann auch, der Antrag auf Redezeitbegrenzung – und wurde angenommen. Ab sofort nur noch maximal drei Minuten. Jedenfalls für diesen Tagesordnungspunkt, die Debatte über die Rechenschaftsberichte. Drei Minuten, eine echte Herausforderung. Nicht nur für all jene, die sich zu Wort gemeldet hatten, sondern auch für die Versammlungsleitung. Wer spricht schon gern dazwischen – „Kollege, bitte komm jetzt zum Schluss“ – wenn der sich gerade dem emotionalen Höhepunkt seiner Rede entgegenredet.

    Der eine gibt nicht auf, redet schneller und schneller – und legt sogar noch einmal zu, als die Stimme schon wieder erklingt: „Kollege, Du hast die Redezeit überschritten. Längst.“ Schluss ist, obwohl es doch noch so viel zu sagen gibt. „Immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit – ich habe nicht gedacht, dass das auch beim ver.di-Bundeskongress gilt“, begann daraufhin der Delegierte Carsten Becker vom Berliner Universitätsklinikum Charité seinen Redebeitrag.

    Dort haben die Kolleginnen und Kollegen gerade erfolgreich einen Streik für mehr Personal in der Pflege durchgestanden. Und das ist wahrhaftig aller Rede wert. Doch da tönte sie wieder, die Stimme, wenn auch diesmal in etwas sanfterer Tonalität: „Carsten, Du müsstest jetzt zum Ende kommen.“ „Das ist mir klar“, sagte der und sprach noch schnell ins Mikro hinein, dass die Kolleginnen und Kollegen an der Charité seit diesem März 495 neue ver.di-Mitglieder geworben haben.

    Auch das ist wohl der Rede wert. Gar keine Frage. Da ist sich der Kongress auch sicher einig. Aber jetzt muss erst einmal der Zeitplan eingehalten werden, so bitter das auch ist. Dass der Versammlungsleitung dabei durchaus auch mal die Logik verrutschen kann, wen soll das wundern? „Da wir noch so viele Kolleginnen und Kollegen auf der Rednerliste haben, machen wir jetzt erstmal eine Pause.“ Jawohl, die haben wir jetzt verdient.

    Maria Kniesburges