Nebenbei - die tägliche Kolumne

    Mach was draus!

    Ein grünes Wunder

    Am Tag 5 des Kongresses ist es an der Zeit, Altes hinter sich zu lassen. An den Ständen auf dem Markt vor dem Plenum rauft sich so mancher Aussteller bereits die Haare. Was kann schon eingepackt, was muss doch noch ausgepackt werden? Schließlich räumen die Delegierten im Vorbeirauschen alles ab, was nicht festgenagelt ist. Taschenweise. Kleinteile wandern in Westentaschen. „Wenn es sich zuspitzt“, empfiehlt die ver.di-Werbung einen kleinen ökologischen Holzanspitzer.

    Zuspitzen werden sich an diesem Tag womöglich auch die Antragsdiskussionen. Immer näher rückt die Debatte um den eigenen Laden: Reißt man alles in tausend Stücke und baut dann anschließend alles neu auf? „Perspektive 2015“ heißt das im bereits modernisierten Gewerkschaftssprech, aber nicht alle finden die Aussichten wirklich beschaulich. Am Stand der ver.di Jugend will man zwar keine Spaßbremse sein und findet auch vieles gut, was da wachsen soll. Aber gesagt werden muss es ja mal: „Da wird wieder mal etwas von oben runtergekippt!“

    Am Stand zur neuen Perspektive ein paar Meter weiter stehen jedenfalls schon mal neue Stühle. Schneeweiße Sitzschalen auf vier fein geschliffenen Holzbeinen. Drei um ein rundes Tischchen herum platziert. In kleiner Runde lassen sich Argumente und Gegenargumente in Ruhe austauschen. Und für diejenigen, die nach fünf Tagen nicht mehr diskutieren mögen, und für alle anderen natürlich auch gibt es Samenkarten in Postkartengröße in die Hand. „Mach was draus“ steht darauf, verbunden mit der Aufforderung, die Karte erstens in viele kleine Stücke zu reißen, zweitens in einen Topf mit Erde zu pflanzen, drittens zu gießen und ein „grünes Wunder“ zu erleben. Versprochen wird auch: Anregungen fallen „auf fruchtbaren Boden“.

    Leider gibt es am Stand selbst noch kein Beweisstück, beziehungsweise keines mehr. Es war „zu mickrig“, heißt es bescheiden. Vermutlich fehlte ihm noch die Ladung Wasser von oben. Aber sei's drum: Irgendwann wird auch darüber Gras gewachsen sein.

    Petra Welzel