Nebenbei - die tägliche Kolumne

    Skepsis weicht Einsicht

    Den Wert geschätzt

    Nach bewerteter Schätzung stand gegenseitige Wertschätzung nicht immer so hoch im Kurs, wenn Gewerkschaft auf Regierung traf. Oder wenn Regierung Gewerkschaft besuchte. In Leipzig aber schon. Die Kanzlerin, am Sonntag zurückgekehrt an den Ort ihres Physikstudiums, wusste den Aufwind aufgrund der Willkommenskultur, die sie für sich entdeckt hat, zu nutzen für ein kultiviertes Willkommen beim ver.di-Bundeskongress.  

    Sich zu entschuldigen für ein freundliches Gesicht in Notsituationen – das hält wie Angela Merkel auch Monika Brandl, die Vorsitzende des Gewerkschaftsrates, nicht für angemessen. Und der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske findet Gefallen daran, dass die Kanzlerin, „anders als ein Vorgänger, da zu argumentieren beginnt, wo andere autoritär wurden“. Schon klar, dass die „Schwarze Null“ ihm nicht einleuchten will in einer Zeit billiger Kredite und dass ein verborgen verhandeltes TTIP-Abkommen ihn, anders als Merkel, kaum zu begeistern vermag.

    Doch über den „langen Weg“ der Kanzlerin in anderer Sache kann er sich freuen, denn beim Mindestlohn ist ihre Skepsis der Einsicht gewichen: „Ein Fortschritt – wichtig, dass das erreicht wurde“. Denn ohnehin sei klar: „Egal, ob man jeweils mit Ihnen übereinstimmt oder nicht: An Ihnen kommt man nicht vorbei!“ Lebhafter, wertschätzender Beifall der Delegierten.

    Hermann Schmid