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    "Gewerkschaft ist was Gutes. Da wird Politik für mich gemacht"

    "Gewerkschaft ist was Gutes. Da wird Politik für mich gemacht"

    Gewerkschaft ist was Gutes. Da wird Politik für mich gemacht. Wenn junge Menschen das sagen, dann haben Miriam Schwander (30), und Harry Sienel (44), beide in der Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal beschäftigt, wieder jemand für die Idee der Gewerkschaft und die Gemeinschaft gewonnen. Ein Interview.

     

    Ich kenne dich Linda Wölfel Gewerkschaft

    Miriam Schwander ist Betriebsratsmitglied, für die Jugend zuständig und wurde früher als Jugendliche von Harry Sienel gewerkschaftlich begleitet.

    Harry Sienel ist Lehrer in der Pflegeschule der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal, ehemals Personalrat und in der Jugendbildungsarbeit engagiert.

     

    ver.di PUBLIK | Früher war es ganz normal, mit dem Ausbildungsbeginn der jeweiligen Gewerkschaft beizutreten. Heute ist das in vielen Betrieben längst nicht mehr die Regel. Warum?

     

    HARRY SIENEL | In der Vergangenheit haben sich die jungen Leute erst nach der Ausbildung selbstständig gemacht und eine eigene Wohnung genommen. Das geschieht jetzt bei uns oft schon beim Ausbildungsbeginn. Und dann müssen sie das natürlich auch alles finanzieren. Das ist sicher ein Grund. Aber da ist auch die Ausbildungssituation. Die Azubis sollen oft Verantwortung in Bereichen übernehmen, für die sie noch gar nicht qualifiziert sind. Da rechtlich abgesichert zu sein, das ist ein wesentlicher Punkt, wofür man Gewerkschaft braucht. Aber dafür muss man Azubis erst mal für die Gewerkschaft gewinnen.

     

    MIRIAM SCHWANDER | In der Arbeitswelt ist Gewerkschaft einfach das A und O. Gewerkschaft ist die Institution, mit der man Dinge verbessern kann, die im Beruf nicht gut laufen. Das müssen wir vermitteln.

    ver.di PUBLIK | Ihr kommt beide aus der gewerkschaftlichen Jugendarbeit. Wie konntet ihr bisher am ehesten Auszubildende für die Gewerkschaft gewinnen?

     

    HARRY |Durch die Gemeinschaft. In der Pflegeausbildung ist das immer noch ein Stück einfacher, weil dort viele in den krankenhauszugehörigen Wohnheimen wohnen. Wir haben immer gesagt, wir setzen uns als Gewerkschaft hier nicht nur für höhere Entgelte ein, sondern auch für die private Wohnsituation. Und wir machen Freizeitangebote wie zum Beispiel die Sommercamps. Da sagen viele Leute: "Hey, Gewerkschaft ist was Gutes. Da wird Politik, aber auch was für mich gemacht." Und dass wir uns um die Verbesserung der Ausbildungsbedingungen kümmern, ist sowieso klar.

     

    MIRIAM |Was in jedem Fall zieht, ist natürlich das Geld. Gerade bei Tarifverhandlungen haben wir immer viele Eintritte. Wenn man sie auf Demos und Aktionen mitnimmt, entwickelt sich da eine Eigendynamik. Da geht´s gar nicht immer nur um abstrakte Politik, sondern um das Gefühl, etwas bewegen zu können.

     

    ver.di PUBLIK |Wieso treten viele Azubis dennoch keiner Gewerkschaft bei?

     

    HARRY | Das hat nicht selten mit dem Elternhaus zu tun. Wenn die Eltern gegen Gewerkschaften eingestellt sind, ist es oft schwierig. Ich habe schon häufig gehört: "Brauch ich nicht, will ich nicht. Das geht mich nichts an." Wir spüren seit rund 15 Jahren eine starke Tendenz weg von der Solidargemeinschaft hin zur Ellenbogenmentalität.

     

    MIRIAM | Ja, das empfinde ich auch so. Bei den Zugezogenen aus dem Osten ist das ein wenig anders. Da merkt man, dass die unter anderen Lebensbedingungen aufgewachsen sind. Aber viele junge Leute haben komplett verinnerlicht, dass man nur durch Leistung weiterkommt. Und wer nicht mithalten kann, hat eben Pech gehabt.

    "Du bist nicht nur jemand, der einen Beitrag zahlt, sondern wir sind auch eine Gemeinschaft und für dich da."

    Harry Sienel

    ver.di PUBLIK | Wie geht es weiter, wenn sich die jungen Kolleginnen und Kollegen für die Gewerkschaft entschieden haben? Wie bleibt ihr im Kontakt?

    MIRIAM | Ganz wichtig sind Ansprechpartner. Die müssen auf die Mitglieder zugehen, aber auch jederzeit für Fragen offen, eben ansprechbar sein. Was bei uns gerade läuft, ist ein Projekt vom ver.di-Fachbereich 3 in Karlsruhe. Die machen einmal im Jahr eine Unterrichtseinheit in der Pflegeberufsschule und dazu einen Kaffeestand mit derJugendauszubildendenvertretung und dem Betriebsrat. Wir versuchen gerade, das regelmäßig hinzubekommen.

    HARRY | Ja, ganz wichtig ist das persönliche Gespräch, vor allem im Arbeitsalltag. Man muss die Leute aufsuchen, feste Ansprechpersonen haben und klarstellen: Ich kenn dich. Du bist Gewerkschaftsmitglied. Wir haben als ver.di gerade dieses und jenes gemacht. Man muss die Leute mitnehmen und ihnen zeigen: Du bist nicht nur jemand, der einen Beitrag zahlt, sondern wir sind auch eine Gemeinschaft und für dich da.

    ver.di PUBLIK | Was passiert, wenn die Auszubildenden nach der Ausbildung erst einmal in der Erwerbslosigkeit landen und dann plötzlich weg sind?

    HARRY | Ich denke, wir müssen diesen Menschen eine Plattform bieten, so dass sie auch in der Arbeitslosigkeit die Unterstützung von ver.di wahrnehmen. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, Netzwerke innerhalb der Organisation stärker zu nutzen, offene Stellen in einem Betrieb über die Vertrauensleute gezielt an erwerbslose Gewerkschaftsmitglieder zu vermitteln.

    MIRIAM | Erwerbslosigkeit und unsichere Beschäftigungsverhältnisse sind sicherlich grundsätzliche Probleme. Aber ob solche Netzwerke die Jugend dazu bringen, in der Gewerkschaft zu bleiben, da bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube, es ist oft auch ein Mentalitätsproblem. Viele übernehmen recht früh eine gewerkschaftsfeindliche Einstellung aus den Boulevard-Medien. Deshalb wäre es wichtig, die Menschen möglichst frühzeitig, am besten schon in der Schule mit dem Thema Gewerkschaft und den Gewerkschaften in Kontakt zu bringen. Und dann müssen wir natürlich dran bleiben. Wie Harry es gesagt hat: Der persönliche Kontakt ist das, was zählt.

    INTERVIEW: Stefan Zimmer

     

    (Aus ver.di-Publik 5/2012)