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    Qualität der Pflege verbessern

    Pflegevollversicherung ist bezahlbar

    15. November 2012 |Mit einer Beitragssatzsteigerung um 1,3 Prozentpunkte könnte eine gesetzliche Pflegevollversicherung finanziert werden. Zu diesem Schluss komm Markus Lüngen, Gesundheitsökonom an der Hochschule Osnabrück, in einem Gutachten, das er im Auftrag von ver.di erstellt hat. Damit widerlegt er das Argument, dass eine Pflegevollversicherung nicht finanzierbar sei. Rechnet man aus dem Mehrbedarf die Summen heraus, die schon heute über Steuermittel finanziert werden, liegt der Anstieg sogar nur bei 0,7 Prozentpunkten, hälftig finanziert von Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

    „Damit haben wir einen zweifachen Paradigmenwechsel", sagte der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske bei der Vorstellung des Gutachtens heute in Berlin. Zum einen werde klar, dass eine Pflegevollversicherung bezahlbar sei. Zum anderen sorge sie für eine bessere Qualität der Versorgung und des Leistungsangebots. Derzeit ist die Pflegeversicherung eine Teilversicherung. Sie sieht bei ihren Leistungen Anteile vor, die selbst bezahlt werden müssen. Eine Vollversicherung hingegen werde den Betroffenen und ihren Angehörigen die Sorge vor der Finanzierung einer Pflegebedürftigkeit im Alter nehmen, sagte Markus Lüngen.

    Die Vorteile einer Vollversicherung sieht Lüngen darin, dass sie Qualitätsstandards setze und mehr Wert auf Prävention lege. Dadurch stärke sie auch die Pflegekäfte. Bei seinen Berechnungen ist Lüngen bewusst vom Ist-Zustand der Pflegeversicherung ausgegangen. In sie fließen heute rund 21,5 Milliarden Euro. Durch die Umstellung von der Teil- zur Vollversicherung würden rund 10 Milliarden fällig, hinzu kämen Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung. Ein Teil der heutigen Leistungen ist über die Sozialhilfe steuerfinanziert. Wenn er die beiden letztgenannten Anteile wieder rausrechnet, kommt Lüngen auf einen Finanzierungsbedarf von 28,9 Milliarden Euro.

    Die Erweiterung des Pflegebegriffs und die bessere Bezahlung von Beschäftigten sei bewusst nicht berechnet worden. Die Kosten für diese notwendigen Änderung würden auch im jetztigen System anfallen, sagte Bsirske. Auch die Umstellung auf eine Bürgerversicherung sei in dem Gutachten nicht thematisiert worden, um die Vergleichbarkeit zum heutigen System gewährleisten zu können. ver.di wolle jetzt die finanzierbare Pflegevollversicherung in der Öffentlichkeit diskutieren und Bündnispartner in der Politik und bei Wohlfahrtsverbänden suchen. Mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr sagte Bsirske: „Es ist ein relevantes Thema für alle Parteien, die ernst genommen werden wollen."