Tarifnews

    2. Tag des Digitalisierungskongresses in Berlin

    Digitalisierung: Selbstbestimmung und Freiheit vor Augen

    Berlin, 18. Oktober 2016 | Wer bestimmt, was wir im Internet sehen? Welche Regelungsbedarfe gibt es in der Arbeitswelt 4.0 und in der Gesellschaft 4.0 und welche Chancen und Risiken entstehen? Um diese und weitere Fragen ging es am zweiten Tag des Digitalisierungskongresses der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit ver.di mit Experten aus Wissenschaft, Politik, Betrieben, Verwaltungen und Netzcommunities.

    Sarah T. Roberts von der University of California, Los Angeles, machte sichtbar, was sonst nur unsichtbar im Hintergrund von Plattformen bleibt – die „Müllabfuhr des Internets“. Die Aufgabe sogenannter kommerzieller Content Manager sei es, unerwünschte Inhalte aus dem Netz zu entfernen, sagte Roberts. „Verstörendes und gewaltbehaftetes Material.“ Viele Content Manager hätten einen Hochschulabschluss, sie kommen von Eliteuniversitäten, haben sich für ihr Studium hochverschuldet und verdienen sehr wenig. Sie sind in Zeitarbeitsfirmen nur teilzeitbeschäftigt und müssen Entscheidungen wie in der Außenpolitik treffen, erläuterte Roberts die schlechten Arbeitsbedingungen.

    Statt der erhofften Wissensgesellschaft und Entlastung von harten Jobs, erlebe die Gesellschaft disruptive Prozesse, Leiharbeit, mobiles Arbeiten schon auf dem Weg zur Arbeit und die Freiheiten des Marktes statt sozialer Absicherung, so Roberts weiter. Die Frage sei auch, wer bestimme, was gezeigt werden darf. Das Bild des fliehenden Mädchens nach einem Napalmangriff habe in den USA erstmals ein Umdenken über den Vietnamkrieg bewirkt. Wenn solche Bilder aus dem Netz entfernt werden, habe das auch politische Folgen.

    Frei und selbstbestimmt?

    Mit dem Thema Freiheit in Bezug auf Arbeitnehmerrechte ging es in der Diskussionsrunde weiter. Sie stand unter Titel „Arbeit 4.0: Neue Freiheit oder moderne Knechtschaft“. Peter Wedde von der Frankfurt University of Applied Sciences sagte, wenn jemand Geld brauche, dann schrumpfe die Freiheit sehr schnell. Diejenigen, die schlecht verdienen, hätten keine Chance, sich selbst zu verwirklichen. Für sie überwiegen die Risiken der Selbstausbeutung. Wer dagegen Gestaltungsspielraum habe, für den überwiegen die Chancen.

    Jörg Kiekhäfer, beim ver.di Landesbezirk Berlin-Bandenburg zuständig für Telekommunikation, IT und Datenverarbeitung, ergänzte, in Berlin gebe es viele Startups; dort sehe er beides: Verlierer und Gewinner der Digitalisierung, gut bezahlte Freelancer und solche als Aufstocker. „Und die Aufstocker sagen, wenn ich genug verdient habe zum Essen und Wohnen, dann kann ich auch über Freiheit reden“, sagte Kiekhäfer. – Die Menschen brauchen Arbeitsrechte, Sozialrechte und Schutz am Arbeitsplatz und das gelte auch für Freelancer.

    Die Digitalisierung als Chance begreifen, um aus einer technischen Revolution etwas Soziales zu machen, dazu forderte Staatssekretärin Yasmin Fahimi vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf und sprach sich für eine „innovative Arbeitszeitgestaltung“ aus. „Es ist der Kampf um die Zeit, der das digitale Zeitalter bestimmen wird“, sagte Fahimi. Es gehe um mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

    Zur Frage, wie sich die gesetzliche Mitbestimmung in der Digitalisierung entwickeln muss, sagte Michael Guggemos, Sprecher der Geschäftsführung der Hans-Böckler-Stiftung, dass es um eine Neujustierung der Machtverhältnisse im digitalen Kapitalismus gehe. Zu klären sei, wo Tarifverträge künftig gelten. „Wie können wir künftig erreichen, dass die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen nicht von Sperrblockaden der Arbeitgeber abhängig ist. Und wie erreicht man, dass sie sich auch auf Clickworker und andere auswirken“, sagte Guggemos und fügte an: Dazu brauche es neuer Rechte. Die Hans-Böckler-Stiftung sehe ihre Aufgabe darin, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Arbeitswelt der Digitalisierung durch Forschung und Beratung zu unterstützen.

    Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske sagte zum Abschluss der zweitägigen Konferenz: „Die vor uns liegenden Gestaltungsaufgaben sind groß und vielschichtig.“ Einiges davon habe im Mittelpunkt der Konferenz gestanden. Es gab viele Anregungen, spannende Diskussionen und eine Reihe von Impulsen. Tatsächlich würden Erfolg und Misserfolg nicht nur in den Betrieben entschieden, sondern auch die Rahmenbedingungen seien verantwortlich und damit die Gesetze und Normen sowie Bildung und Ausbildung. Bsirske widersprach Staatssekretärin Yasmin Fahimi, die zusammengefasst Wettbewerbsfähigkeit durch Kompromisse erreichen wolle. Aber ob ein neuer sozialer Kompromiss über einen Arbeitstag von 13 bis 15 Stunden der Weisheit letzter Schluss sei, das sei dahingestellt, sagte Bsirske.

    Wer an seinem Arbeitsplatz privat surft, muss mit der Kündigung rechnen Foto: Oliver Berg/dpa Bildfunk Nicht alles bleibt im Netz – im Hintergrund von Plattformen löschen kommerzielle Content Manager