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    Der Streik hat sich voll gelohnt

    PIN Mail AG jetzt mit Tarifvertrag

    Berlin, 19. Dezember 2013 | Noch 24 Stunden zuvor wollte der Vorstandsvorsitzende der PIN Mail AG, Axel Stirl, die Aussperrung Streikender aufrecht erhalten, Streikabruch-Willigen bot er 550 Euro Prämie an. Vor der Unternehmenszentrale an der Spree in Berlin hatte er den streikenden Beschäftigten zugerufen: „Ihr könnt streiken, so lange ihr wollt, einen Tarifvertrag mit mir wird es nicht geben.“ Und jetzt das: Einen Tag später gibt es ihn, den Tarifvertrag, bestehend aus einem Entgelt- und einem Manteltarifvertrag. Und der kann sich sehen lassen: Ab dem 1. Januar 2014 steigen die Bruttolöhne aller rund 1.000 Beschäftigten der PIN Mail AG in zwei Schritten um 9,3 Prozent, und zwar mit 100 Euro ab dem 1.1.2014 und noch einmal 20 Euro ab dem 1.1.2015. Mit dem Januargehalt 2014 werden die Beschäftigten zudem eine Einmalzahlung in Höhe von 550 Euro erhalten. Ausgenommen davon sind die Beschäftigten, die den Streik bereits für eine Prämie in derselben Höhe abgebrochen hatten.

    „Ich zolle den Beschäftigten hohen Respekt ab, wie sie bei dieser Auseinandersetzung bis zum Ende vorgegangen sind.“

    Axel Stirl, Vorstandsvorsitzender der PIN Mail AG

    Auf der gemeinsamen Pressekonferenz im Berliner ver.di-Haus an der Köpenicker Straße sagte Axel Stirl: „Ich zolle den Beschäftigten hohen Respekt ab, wie sie bei dieser Auseinandersetzung bis zum Ende vorgegangen sind.“ Allein ausschlaggebend dürfte das für seine überraschende Kehrtwendung allerdings nicht gewesen sein. Mit der Linkspartei war bereits der erste Kunde der PIN AG wegen der Praktiken des Unternehmens und der schlechten Bezahlung der Beschäftigten öffentlich abgesprungen. Und es ist zu vermuten, dass auch der Berliner Senat mit seiner Behördenpost als größter Auftraggeber Druck auf die PIN AG gemacht hat. Denn die Presse der letzten Tage ließ den Senat keineswegs gut dastehen, duldete er doch seit Jahren prekäre Beschäftigungsverhältnisse bei der PIN AG, Löhne, die auf dem Amt zum Großteil aufgestockt werden mussten.

    Der Tarifvertrag im Detail

    Mit dem jetzigen Tarifvertrag wird das nicht mehr nötig sein. Der Einstiegslohn von bisher 1.380 Euro einschließlich einer Anwesenheitsprämie wird zum 1.1.2014 auf 1.540 steigen, zum 1.1.2015 auf 1.560 Euro. Dazu kommen noch Nachtzuschläge in Höhe von 25 Prozent. Die Anwesenheits- und die bisher auch extra gezahlte Betriebszugehörigkeitsprämie werden ab Januar 2014 feste und vor allem unveränderbare Bestandteile des Grundgehalts sein. Die Stundenlöhne in der Produktion werden bei 9,39 Euro bis 9,97 Euro liegen, in der Zustellung bei 8,90 Euro bis zu 10,69 Euro. Im Manteltarifvertrag wurde unter anderem die 40-Stunden-Woche fixiert, aber auch eine flexible, individuelle Wochenarbeitszeit zwischen 38 und 42 Stunden, die abgesprochen werden muss und mitbestimmungspflichtig ist. Und auch die Überstunden wurden auf maximal 8 Stunden pro Monat festgelegt.

    „Dies ist der erste ernstzunehmende Tarifabschluss mit einem privaten Briefdienstleister, und wir hoffen, dass er Signalwirkung haben wird, in der Region und bundesweit.“

    Roland Tremper, ver.di-Verhandlungsführer

    Roland Tremper, der seitens ver.di die Verhandlungen führte, äußerte sich über den Abschluss sehr zufrieden: „Dies ist der erste ernstzunehmende Tarifabschluss mit einem privaten Briefdienstleister, und wir hoffen, dass er Signalwirkung haben wird, in der Region und bundesweit.“ Und: „Berlin ist jetzt weniger arm, aber immer noch sexy.“

    Bis zum 10. Januar 2014 besteht noch für beide Tarifpartner eine Erklärungsfrist, dann soll der Haustarifvertrag unterzeichnet werden. Axel Stirl geht fest davon aus, dass der Aufsichtsrat der PIN Mail AG mitziehen wird. Die ver.di-Mitglieder bei der PIN Mail AG werden ihr Votum in einer Mitgliederbefragung abgeben. Die erste Zustimmung unter den Streikenden war schon groß.

    Auf die abschließende Frage bei der Pressekonferenz, warum es in der Auseinandersetzung mit den Aussperrungen erst bis zum Äußersten kommen musste, antwortete der ver.di-Verhandlungsführer: „Es ist bei Tarifverhandlungen wie bei einem Pokalspiel, die Choreografie des Verlaufs steht vorher nicht fest.“ Axel Stirl sagte unter anderem: „Ich bin schlecht im Schnelldenken.“ Immerhin, schnell handeln kann er dann wohl doch noch.

    Text: Petra Welzel

    Streik bei der PIN AG in Berlin Christian Jungeblodt Streik bei der PIN AG in Berlin