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    Die totale Überwachung ist brandgefährlich

    Digitalisierungskongress: Arbeit und Gesellschaft 4.0 mitgestalten

    Berlin, 17. Oktober 2016 | Arbeitswelt und Gesellschaft im digitalen Zeitalter – wie soll das aussehen? Wie lassen sich Arbeit und Gesellschaft 4.0 mitbestimmen und mitgestalten? Wer hat künftig noch die Entscheidungshoheit – der Algorithmus oder der Mensch? Und wie schützen wir unsere Daten vor unbefugtem Zugriff? Diese und weitere Fragen stehen im Zentrum des Digitalisierungskongresses der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit ver.di mit Experten aus Wissenschaft, Politik, Betrieben, Verwaltungen und Netzcommunities am 17. und 18. Oktober in Berlin.

    Mit den Worten „mit dem Geist, das Neue positiv zu formen, wollen wir uns als Bürgerinnen und Bürger aktiv am Wandel beteiligen“, eröffnete Annette Mühlberg, Leiterin der Projektgruppe Digitalisierung der ver.di-Bundesverwaltung, die Konferenz. Sie betonte, ver.di wolle die Gestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft 4.0 nicht einigen wenigen Großkonzernen überlassen und forderte eine demokratische Teilhabe. Es müsse möglich sein, gute Arbeit und Gemeinwohl durch die Digitalisierung zu generieren.

    Eva Ahlene, Leiterin des Referats Qualifikation, Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, sagte, dass angesichts des 40. Geburtstags der gesetzlichen Mitbestimmung zu Arbeit 4.0 auch Mitbestimmung 4.0 kommen müsse. Sie forderte dazu auf, die Mitbestimmung weiterzudenken und weiterzuentwickeln.

    Wie stark das Thema Mitbestimmung und Gestaltung in der Praxis unter den Nägeln brennt, wurde deutlich, als Betriebs- und Personalräte unterschiedlicher Berufsgruppen aus ihrem Alltag berichteten. Da ging es um die Frage, wie sich digitale Krankenakten vor einem Cyberangriff schützen lassen. Wie man mit unterschiedlichen Datenbanken und Softwaresystemen umgeht und die Arbeit vereinfacht statt verkompliziert. Wie digitale Infrastrukturleistungen mitbestimmt werden können. Und wie man sich vor Angriffen auf kritische Infrastrukturen schützen kann. Auch ging es um Werke im Internet, wie beispielsweise Bücher, und die Frage, wie ihre Nutzung soweit nachvollzogen werden kann, dass die Urheber auch für ihre Arbeit bezahlt werden.

    Die Zukunft von Arbeit und Gesellschaft gestalten

    Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske erinnerte an die Kongressbeschlüsse, in denen ver.di 2015 „Gute digitale Arbeit“ auf die Agenda gesetzt hat. Es gehe um nicht weniger als um die Qualität künftiger Arbeitsbedingungen und wie sich die Gesellschaft entwickeln soll. Es gehe darum, die Zukunft von Arbeit und Gesellschaft zu gestalten. Und da sei es entscheidend, welche Gestaltungsspielräume gegeben sind. Zu der Frage, wer bestimme, ob Algorithmen oder der Mensch, sagte Bsirske, in der Regel seien es Menschen, die aus Kostenentscheidungen bestimmen, auch wenn sie die Grundlage dann den Algorithmen überlassen. Hier gelte es den Glauben zu entzaubern, dass Algorithmen neutral sind. Bsirske forderte, Armut und Ausbeutung sollten keinen Platz in der Gesellschaft 4.0 haben. „Ausbeutung und lückenlose Kontrolle in allen Lebenslagen- und am Arbeitsplatz, das wollen wir nicht“, sagte er und fügte hinzu „lückenlose Totalüberwachung führt zu Anpassungszwang und Duckmäusertum, und das ist brandgefährlich.“

    Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org forderte, ein Bewusstsein zu entwickeln, das mehr Wert auf Sicherheit und Verschlüsselung legt. „Wenn wir uns nicht selbst schützen, sind wir total überwacht“, sagte er angesichts einer breiten digitalen Überwachungsszenerie, angefangen bei der Software von Kaffeemaschinen, Puppen, die in der Lage sind, die Gespräche der Kinder aufzunehmen, Sicherheitslücken in Geräten, Cyberangriffen, Abhörskandalen und ungebremster Überwachung durch Nachrichtendienste. „Wir sind erst am Anfang einer digitalen Gesellschaft, und heute können wir noch die Regeln beeinflussen und bestimmen“, mahnte er.

    In mehreren Workshops wurden die Themen vertieft. Dabei ging es um Mobile Arbeit, um Teilhabe von Frauen in der digitalen Arbeitswelt von morgen, um Smart Cities und die Herausforderungen für Bürger/innen und Beschäftigte aufgrund digitaler Verwaltungen, um die Mitbestimmung in der Zukunft und die Frage, wie Interessenvertretungen soziale Medien sicher nutzen.

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