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    Interview mit einer griechischen Gewerkschafterin

    Finanzhölle Griechenland

    Interview mit einer griechischen Gewerkschafterin

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    30.06.2011 | Die Griechen lehnen das Spardiktat der EU vehement ab. Die Gewerkschaftsbasis rückt immer stärker von der derzeitigen Regierung ab. Entscheidende Auseinandersetzungen stehen bevor.

    Wir sprachen mit der griechischen Gewerkschafterin Despina Koutsoumba – am Rande der Veranstaltung des Berliner Bündnisses "Wir zahlen nicht für eure Krise" am 23. Juni. Despina Koutsoumba gehört dem Vorstand von ADEDY, dem Gewerkschaftsverband der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes in Griechenland an.

    In Griechenland bringt die Empörung gegen die Spar- und Kürzungsmaßnahmen der Regierung Papandreou viele Menschen auf die Straße. Zum Symbol dieser Protestbewegung wurden die Massenaktionen auf dem Syntagma-Platz vor dem Athener Parlament. Wie verhält sich ADEDY zu der Bewegung, die sich dort formiert?

    An diesem Ort wird sich viel entscheiden. ADEDY steht an der Seite der »Empörten«, und wir sind entschieden gegen die Abwälzung der Folgen der Schuldenkrise auf die Bevölkerung durch die politisch Verantwortlichen und die Banken. Es sind aber nicht in erster Linie Gewerkschaften oder Parteien, die an der Spitze dieser Bewegung stehen. Diese geht von vielfältigen Basisgruppen aus, die Aufrufe zu den Aktionen entstehen aus den Diskussionen der »Volksversammlung«, die sich regelmäßig auf dem Syntagma-Platz versammelt. Diesen folgen zahlreich auch die ADEDY-Mitglieder, wobei eine Mehrheit unter ihnen traditionell den regierenden Sozialisten der PASOK nahe steht. Durch deren Kahlschlag-Kurs entfremdet sie sich von ihrer politischen Klientel. Es sind in erster Linie die PASOK-Wähler selbst, die auf den Straßen und Plätzen gegen ihre Volksvertreter protestieren. Natürlich sind auch die Kommunisten von der KKE und deren Gewerkschaft PAME stark vertreten. Diese demonstrieren zwar separat, aber auf dem Syntagma-Platz selbst vereinigen sich organisierte und nicht organisierte Menschen zu einer breiten, gemischten Bewegung.

    Viele Beobachter warnen vor einem Chaos, das hereinbrechen könnte, sollte die erst kürzlich umgebildete Regierung Papandreous fallen. Weitere Finanzhilfen der Eurostaaten zur Abwendung einer Staatspleite stünden auf dem Spiel. Gibt es in dieser Situation noch Alternativen?

    Ein Sturz der Papandreou-Regierung ist bereits absehbar. Diese stand bereits bei unserem letzten Generalstreik am 15. Juni kurz vor dem Aus. Mit dem Festhalten am unsozialen Sparpaket untergräbt sie ihre eigene Basis. Denn es gibt in Griechenland eine allgemeine Ablehnung, diese sogenannten Schulden und ihre Zinsen zu begleichen. Wir als Bevölkerung haben sie nicht zu verantworten, daher sind es nicht wir, die dafür aufzukommen haben. Diese Finanzhilfen fließen ohnehin nur zurück an jene, die von der Krise unseres Landes profitierten – nicht zuletzt deutsche Banken und Exportwirtschaft. Der Euro-Stabilitätspakt ist nicht Teil der Lösung, sondern des Desasters. Diese Währung treibt den Umverteilungsmechanismus zwischen armen und reichen Ländern an. Mittlerweile sagen 30 Prozent der Griechen: Raus aus dem Euro! Tendenz steigend. Auf die Tagesordnung gehören nicht Einschnitte und Privatisierungen, sondern ein Wiederaufbau des Landes.

    Für die kommende Woche ist eine entscheidende Abstimmung im Parlament geplant. Es geht dabei um Einsparungen in Höhe von 28 Milliarden Euro und Privatisierungen in einem Umfang von 50 Milliarden bis 2015, damit das zweite Hilfspaket aus Brüssel eintreffen kann. Wie wird das Echo der Bevölkerung und der Gewerkschaften aussehen?

    Es geht um alles! Wir sehen auch bei ADEDY unseren Auftrag darin, das Land während der beabsichtigten Verabschiedung der Sparvorlagen lahmzulegen. Wir wollen eine Million Menschen auf die Straßen bringen und durch deren Präsenz die Abstimmung blockieren und verhindern. Wieder einmal auf den Plätzen Griechenlands stellt sich die Demokratiefrage: Geht die Macht vom Volk aus, oder lässt sich dieses die Politik von der Regierung diktieren? Und selbst, wenn unsere Minister und Abgeordneten mit Hubschraubern über die Köpfe ihrer Bürger hinweg eingeflogen werden sollten: Von Griechenland muss eine starke politische Botschaft an Europa ausgehen, dass wir keine Versuchskaninchen sind, und diesen Kahlschlag nicht mit uns machen lassen.

    Interview: Peter Steiniger