Eigentum verpflichtet

    Textilindustrie und Gewerkschaften in Pakistan

    „Es darf nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben“

    Der Brand bei dem Kik-Zulieferbetrieb Ali Enterprises im Herbst 2012 hat die Aufmerksamkeit der Gewerkschaften nachhaltig auf die untragbaren Verhältnisse in den pakistanischen Textilfabriken gelenkt. Erst kürzlich baten die Vorsitzenden des DGB, der IG Metall und ver.di in einem Spendenaufruf um die Unterstützung der dortigen Beschäftigten. Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor des südasiatischen Landes und trägt zu 54 Prozent der Exporte bei.

    Khalid Mahmood, Gewerkschaftsreferent bei der Stiftung für Arbeiterbildung (LEF) in Lahore, Pakistan Renate Koßmann Khalid Mahmood, Gewerkschaftsreferent bei der Stiftung für Arbeiterbildung (LEF) in Lahore, Pakistan

    Im Rahmen seines Deutschlandbesuchs sprachen wir mit Khalid Mahmood, Gewerkschaftsreferent bei der Stiftung für Arbeiterbildung (LEF) in Lahore, Pakistan, über die Situation der Beschäftigten und kreative Gegenwehr in einem gewerkschaftsfeindlichen Umfeld.

    verdi.de | Nicht erst seit dem Brand bei Ali Enterprises ist bekannt, wie menschenunwürdig und unsicher die Arbeitsbedingungen in vielen Betrieben in Pakistan sind. Mit welchen Problemen sind die von euch unterstützten Gewerkschaften konfrontiert, die gegen diese Verhältnisse mobil machen?  

    Khalid Mahmood | Unser Hauptproblem ist, dass Arbeit- und Gewerkschaftsrechte nur auf dem Papier existieren. Um sie durchzusetzen, ist eine enorme Kraftanstrengung erforderlich. Nur selten erhalten Arbeiter den festgelegten Mindestlohn und das Recht sich gewerkschaftlich zu organisieren, wird mit allen Mitteln bekämpft. So gründen die Fabrikchefs selber gelbe Gewerkschaften oder üben Druck auf die Politik aus. Erst kürzlich konnten wir erwirken, dass ein gewerkschaftsfeindliches Gesetz in der Provinz Punjab vor dem Obersten Gericht kassiert wurde. Dem zufolge sollte in Betrieben unter 50 Beschäftigten überhaupt keine gewerkschaftliche Betätigung erlaubt sein – ein klarer Verstoß gegen die von Pakistan ratifizierten Normen der Internationalen Arbeitsorganisation.

    Angehörige eines Opfers beim Brand einer Textilfabrik in Karatschi/Pakistan im September 2012 Hasnain Kazim Angehörige eines Opfers des Brandes der Ali Enterprise Textilfabrik in Karatschi/Pakistan im September 2012


    verdi.de
    | In anderen Ländern haben die Fabrikeinstürze zu sozialen Unruhen beigetragen, wodurch sich der Handlungsdruck auf die Politik verstärkt hat. Gibt es ähnliches aus Pakistan zu berichten?

    Khalid | Ja, auch bei uns ist etwas in Bewegung geraten, aber es reicht nicht. Dazu muss man wissen, dass der Arbeitsschutz und die Inspektion von Betrieben unter der Diktatur von Pervez Musharaff in den neunziger Jahren auf Eis gelegt wurden. Damit sollten Investitionen ins Land geholt werden. Nach den Einstürzen und Bränden der vergangenen Jahre wurde diese Entscheidung revidiert, doch es gibt viel zu wenig Personal für effektive Kontrollen. Hier ist mehr politischer Druck nötig, wenn es nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben soll.

    verdi.de | Vom Baumwollanbau, über die Spinnerei und die Weberei bis zur Herstellung von Bekleidung findet in Pakistan, anders als in Bangladesch, die gesamte Wertschöpfungskette der Textilindustrie statt. Gibt es Ansätze für eine branchenweite gewerkschaftliche Organisierung?

    Khalid | Ja, die gibt es zum Beispiel in Faisalabad, der drittgrößten Stadt Pakistans nahe der indischen Grenze, die das Zentrum der Textilproduktion und des Baumwollanbaus ist. Hier ist mit dem Labour Quami Movement eine neue Sammlungsbewegung für die verschiedenen Berufsgruppen entstanden. Die Weber bilden zwar die Basis, die Organizer der Bewegung versuchen aber auch die Beschäftigten in den Textilfabriken, sowie die in Heimarbeit produzierenden Näherinnen zu erreichen. Sie verdienen noch weniger als diejenigen, die in den Fabriken arbeiten. Das LQM streitet nicht nur für eine höhere Entlohnung, sondern greift auch Themen jenseits des Arbeitsplatzes auf, wie hohe Strompreise oder andere kommunale Probleme.  

    verdi.de | Wie erfolgreich ist diese Arbeit?

    Khalid | Sehr, wenn die harte Repression des Staates gegen die Bewegung als Maßstab genommen wird. Erst 2010 wurden sechs Aktive des Labour Quami Movement mit Hilfe der Anti-Terror-Gesetze zu 490 Jahren Haft verurteilt, weil sie Streiks zur Auszahlung des Mindestlohns angeführt hatten in deren Verlauf auch eine Fabrik abrannte. Nach vielen Protesten wurden die Gewerkschaftsführer 2012 aus der Haft entlassen. Aber der größte Erfolg ist, dass die Weber in der Provinz Punjab mittlerweile den Mindestlohn erhalten.

    Interview: Romin Khan

    „Die Maschinen sehen aus wie Monster, sie fressen mich auf“, sagt ein 6-Jähriger Weber aus Pakistan, ein Kind, das schon seit Jahren an einem Webstuhl arbeitet und nicht zur Schule gehen kann. Der Film „Aufbruch der Unterdrückten“ erzählt von den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in der Textilindustrie, von denen Junge und Alte gleichermaßen betroffen sind. Und er erzählt von ihrem Aufbruch und Ausbruch aus diesem Kreislauf.