Internationales

    Beschäftigte unter dem Druck der Großkonzerne

    Ausgepresst

    Deutschland ist weltweit der größte Abnehmer von Orangensaft aus Brasilien. Und das hat Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen von rund einer halben Million Beschäftigten, auf 238.000 Pflücker/innnen und Fabrikbeschäftigte in Brasilien und 250.000 Beschäftigte im deutschen Einzelhandel. Eine neue Studie der Christlichen Initiative Romero (CIR) und ver.di stellt die gesamte Orangensaft-Lieferkette von den Plantagen Brasiliens bis in die deutschen Supermärkte dar und deckt die prekären Arbeitsbedingungen hier wie dort auf. Unsere brasilianische Orangenpflückerin im Porträt ist nur eine von vielen, die heute nicht mehr arbeiten kann, weil die Arbeitsbedingungen ihren Körper kaputt gemacht haben.


    Und das sind die weiteren Fakten: Nur rund 52.000 von den circa 238.000 Beschäftigten in der Anbauregion Sao Paulo sind festangestellt; die Mehrzahl arbeitet mit Saisonverträgen. Um auf den staatlichen Mindestlohn von 690 Reales (260 Euro) zu kommen, muss ein/e Pflücker/in 60 Kisten Orangen am Tag ernten. Viele Pflücker/innen verunglücken dabei schwer, da nur Leitern gestellt werden, die einem Sicherheitstest – wenn es einen gebe – nicht standhalten würden. Erkrankungen durch den allgegenwärtigen Einsatz von Pestiziden verlaufen schleichend.

    Schwanger? Entlassen!

    In den Fabriken, in denen aus den Früchten Orangensaftkonzentrat gewonnen wird, sieht es für die Beschäftigten kaum besser aus: Zwischen 826 und 970 Reales (290 bis 364 Euro) monatlich zahlen die drei Konzerne, die sich den Markt untereinander aufgeteilt haben. Die Arbeitnehmer/innen leisten oft mehr als die vereinbarte Wochenarbeitszeit. Und das unter extremen Bedingungen: In den Fabriken ist es sehr heiß und laut, Schutzkleidung wird selten gestellt. Frauen werden meistens nicht fest angestellt beziehungsweise entlassen, wenn sie schwanger sind.

    Ausbeutung in Deutschland

    Auch am Ende der Lieferkette stehen immer weniger Handelskonzerne, die in Deutschland Lebensmittel und eben den Orangensaft aus Brasilien anbieten. Edeka, Rewe, Lidl/Kaufland und Aldi vereinigen 85 Prozent Marktanteil auf sich und beeinflussen damit erheblich indirekt die Arbeitsbedingungen von Millionen Beschäftigten. Die Ausbeutung von Arbeitskräften ist daher nicht nur in Brasilien traurige Realität: Prekäre, nicht auskömmliche Beschäftigung, hohe Fluktuation, Ablehnung oder Erschwerung der betrieblichen Mitbestimmung und sehr hoher Arbeitsdruck sind mittlerweile im deutschen Lebensmitteleinzelhandel an der Tagesordnung.

    Ausgründung und/oder Neugründung von Filialen an private Kaufleute, also eine klassische Privatisierung, verfolgt zum Beispiel Edeka strategisch. Bei der Nummer Eins im deutschen Lebensmitteleinzelhandel haben sich die Arbeitsbedingungen innerhalb weniger Jahre dramatisch verschlechtert. Und auch Rewe setzt inzwischen auf Privatisierung (Anteil: rund 30 Prozent), allerdings bisher nicht in so rasantem Tempo wie der Konkurrent Edeka. Konkret bedeutet das, dass sie die Tarifbindung verlassen und betriebliche Mitbestimmung häufig bekämpft wird. Gerne greifen die selbstständigen Kaufleute, die die ausgegründeten Filialen betreiben, auf Aushilfen, Leiharbeitskräfte und Beschäftigte von Werkvertragsfirmen zurück. Stundenlöhne zwischen 5 und 7,50 Euro sind dort eher die Regel als die Ausnahme.

    Bei aller Unterschiedlichkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Orangenpflücker/innen und Beschäftigten im privatisierten Einzelhandel bei Edeka und Rewe: hier wie dort sind diejenigen, die die schwerste körperliche Arbeit machen (Pflücker/innen dort und Packer/innen hier, die auf der Basis von Werkverträgen arbeiten), am verwundbarsten und am meisten Druck, Schikane, Angst und Ausbeutung ausgesetzt.

    Mit der Veröffentlichung der Studie und einer Rundreise von brasilianischen Beschäftigten wollen CIR und ver.di den Druck auf die deutschen Handelsriesen erhöhen. Diese sollen endlich dem eigenen Anspruch einer sozialen Unternehmensverantwortung gerecht werden. Geknüpft an eine Einladung zum Dialog wird die Studie an Edeka, Rewe, Lidl/Kaufland und Aldi übergeben.

    Vor Ort

    Sie wollen mal mit ver.di-Leuten reden? Fragen stellen oder reinschnuppern? Finden Sie Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Ihrer Nähe.

    Interaktive Karte Ansprechpartner finden

    Newsletter

    Sie interessieren sich für das Thema "Internationales"? Dann bestellen Sie Ihren persönlichen Newsletter.

    Jetzt abonnieren Immer informiert!