Internationales

    Moderne Sklaverei

    Sumangali – die unglücklichen Bräute

    Über 45 Millionen Menschen arbeiten in der indischen Textilindustrie, die zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Indiens gehört. Deutschland ist der viertgrößte Abnehmer von Textilwaren aus dem Subkontinent. Doch trotz der wirtschaftlichen Bedeutung verdienen die Textilarbeiter/innen oft nicht einmal die Hälfte von dem, was ihre Familien zum Leben brauchen. Vor allem junge Mädchen werden in Spinnereien ausgebeutet und in die Schuldknechtschaft getrieben. Und obwohl es indische Gesetze zu ihrem Schutz gibt, werden diese in der Praxis nur selten umgesetzt.

    Versklavte Mädchen

    Maheshwari Murugan kennt aus eigener Erfahrung die brutalen Zustände; sie hat selbst drei Jahre in einer Spinnerei gearbeitet. Seither setzt sie sich zusammen mit Anita Cheria in Indien für Mädchen der untersten Kaste Dalit ein. Sie sind es, die meist in das sogenannte Sumangali-Systems gelockt werden, das im indischen Bundesstaat Tamil Nadu praktiziert wird. Übersetzt heißt es „glückliche Braut“. Tatsächlich handelt es sich um eine brutale Form der Schuldknechtschaft, bei der die Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren die Mitgift für ihre künftige Ehe verdienen sollen. Ihnen wird vorab der Lohn von drei bis vier Jahren abgezogen. Eingesperrt in den Unterkünften der Spinnereien schuften sie ohne Pausen bis zu zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Urlaub. Tagtäglich sind sie neben der harten Arbeit auch den Schikanen ihrer Vorgesetzten ausgesetzt.

    Maheshwari Murugan und Anita Cheria reisen derzeit als Vertreterinnen der indischen Mädchen- und Frauenorganisationen READ und Munnade durch Deutschland und halten Vorträge. Dazu besuchen sie auch Universitäten, um Mode- und Textildesign-Studenten/innen zu sensibilisieren, die künftig in der Textilbranche arbeiten werden.

    „Die Mädchen haben ständig Angst davor, dass das Licht ausgeht und sie Opfer sexueller Gewalt werden“, schildert Maheshwari Murugan in ihrer Landessprache die unerträgliche Situation, während Anita Cheria übersetzt. Es ist kaum vorstellbar, was die Sumangali alles erdulden. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sind extrem schlecht. Es gibt nur wenig Essen für die Eingesperrten. Die Mädchen bekommen durch die Baumwolle Staub in die Lungen und werden sehr häufig krank. Rund 200.000 Mädchen und junge Frauen schuften unter diesen Bedingungen in den Spinnereien. Die Textilindustrie profitiert davon. Mit einem Anteil von über 25 Prozent am internationalen Export von Garnen ist Indien der größte Garn-Exporteuer weltweit.

    Unternehmen müssen handeln

    ver.di und die gemeinnützige Frauenrechtsvereinigung FEMNET sind Mitglied im Netzwerk CorA für Unternehmensverantwortung. Sie fordern von den Unternehmen Schluss mit der Freiwilligkeit bei der Verantwortung und endlich verbindliche Regeln für die Textilindustrie. Stefanie Nutzenberger vom ver.di-Bundesvorstand, Fachbereich Handel, sagte anlässlich eines Pressegesprächs in Berlin: „Die Unternehmen müssen für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen und haftbar gemacht werden.“ Die Politik müsse den notwendigen Rahmen schaffen. „Wir wollen die Unternehmen und die Konzerne in die Verantwortung nehmen, die mit ihren Einkäufen über die Einkaufsbedingungen entscheiden“, sagte Nutzenberger weiter.

    „Es ist ein Skandal, dass deutsche Unternehmen aus solchen Fabriken ihr Garn beziehen“, sagte Dr. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende bei FEMNET. Über die Textilhäuser Otto und Ernsting’s Family sei laut FEMNET inzwischen bekannt, dass beide Unternehmen Waren aus einer Fabrik in Tamil Nadu beziehen, die wiederum ihr Garn von einer Spinnerei beziehen, in der Sumangalis wie Sklavinnen zur Arbeit angetrieben werden. Verschiedene Studien weisen zudem Verbindungen in solche Spinnereien für C&A, NKD, Wilhelm Kind, Primark, Globus, Tom Tailor, Impala Loft und viele mehr nach. Dr. Gisela Burckhardt forderte Transparenz entlang der Lieferkette, auch was die bislang internen Auditberichte der Spinnereien anbetreffe, sowie die Möglichkeit für Betroffene, in Deutschland zu klagen.

    Letztendlich aber sind auch die Käuferinnen und Käufer in der Pflicht. Sie könnten beim Kauf ihrer Kleidung einfach mal nachfragen, wo das Garn und die Stoffe zu welchen Bedingungen produziert wurden, und fair produzierter Ware den Vorzug geben.

    Text: Marion Lühring

    Vor Ort

    Sie wollen mal mit ver.di-Leuten reden? Fragen stellen oder reinschnuppern? Finden Sie Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Ihrer Nähe.

    Interaktive Karte Ansprechpartner finden

    Newsletter

    Sie wollen informiert bleiben? Dann registrieren Sie sich und erhalten Sie Ihren persönlichen Newsletter mit allen News und Infos zu unseren Aktionen und Kampagnen.

    Jetzt abonnieren Immer informiert!