Internationales

    Todschick

    Nähen bis zum Umfallen

    Von Annette Jensen

    14 bis 16 Stunden – sechs Tage die Woche: So sah die Arbeit der überwiegend weiblichen Textilarbeiter in Deutschland vor 150 Jahren aus. In den Fabriken war es laut und staubig, viele starben jung. In fataler Weise ähneln die damaligen Bedingungen dem, was Millionen von Näherinnen heute in vielen asiatischen Ländern erleiden.

    Kürzlich sind zwei überaus lesenswerte Bücher zum Thema weltweite Stoff- und Kleidungsherstellung erschienen. Sven Beckert verfolgt die Geschichte seit Kultivierung der Baumwollpflanze über den Beginn der Industrialisierung bis zur Gegenwart. Gisela Burckhardt hat aktuell in Bangladeschs Fabriken recherchiert und beschreibt die miesen Geschäftspraktiken nicht nur von Kik und Aldi, sondern auch von hochpreisigen Firmen wie Boss. Auf Kosten der Beschäftigten in fernen Ländern machen sie horrende Gewinne. Und wenn Fabriken zusammenstürzen, zahlen sie den Hinterbliebenen so gut wie keine Entschädigung.

    Todschick – das Buchcover Promo Todschick – das Buchcover

    Todschick

    Burckhardt, seit vielen Jahren in der Kampagne für saubere Kleidung engagiert, lässt nicht nur zahlreiche Frauen zu Wort kommen, die unter solchen Bedingungen unsere Hosen und Hemden produzieren und dafür oft nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn für 48 Euro verdienen. Sie erklärt auch leicht verständlich, wie die internationale Textilwirtschaft heute funktioniert und wer alles daran verdient – neben den Handelskonzernen und Markenfirmen sind das auch Institutionen wie der TÜV Rheinland. Der kontrolliert für teures Geld die Fabriken, monierte aber nicht einmal die Baumängel des kurz darauf zusammengestürzten Rana-Plaza Gebäudes. Aber auch die Kundinnen und Kunden sind Teil des Problems, wenn sie sich alle paar Wochen neu einkleiden. Wer Shirts und Röcke tauscht, Second-Hand-Ware trägt und ansonsten beim Shoppen auf drei empfehlenswerte Textilsiegel achtet, kann einen Teil dazu beitragen, das irrsinnige Wirtschaftswachstums-Karussell zu bremsen.

    King Cotton – das Buchcover Promo King Cotton – das Buchcover

    König Baumwolle

    Dessen Ursprünge erkundet Sven Beckert in seinem Buch „King Cotton“. Der Industriekapitalismus, so wie wir ihn kennen, und die damit einhergehende fundamentale Umgestaltung der Arbeitswelt haben ihren Ausgangspunkt in der Baumwollverarbeitung. Im 18. Jahrhundert war die britische Textilherstellung der indischen Konkurrenz weder qualitativ noch quantitativ gewachsen: Die Löhne waren sechsmal so hoch, die Erfahrung der Handwerker zu gering. Die Einführung von Maschinen wie „Spinning Jenny“ und anderen mit Wasserkraft oder Dampf betriebenen Maschinen änderte alles. Die Produktivität stieg sprunghaft an, die Menschen arbeiteten nicht mehr zu Hause, sondern zunehmend in Fabriken. Bald verdrängte die Lohnarbeit die meisten anderen Möglichkeiten, sich die notwendigen Dinge fürs Überleben zu beschaffen, etwa durch Selbstversorgung.

    Von Anfang an sicherte der Staat diese Entwicklung ab. Allmenden wurden zunehmend privatisiert, die Rechtsprechung auf die Bedürfnisse der Investoren ausgerichtet. Der Schutz der eigenen Industrie vor internationaler Konkurrenz gehörte im frühkapitalistischen Europa selbstverständlich zum Instrumentenkasten aller Regierungen.

    Auch bei der Beschaffung der Rohstoffe konnten sich die Händler auf die Absicherung durchs Militär verlassen. Sven Becker beschreibt sehr kundig, wie die Briten bereits vor der Industrialisierung den internationalen Baumwollhandel unter ihre Hoheit gebracht haben. Dabei verkauften sie zunächst einen Großteil der überwiegend in Indien hergestellten Textilien nach Afrika und finanzierten mit den Erlösen den Sklavenhandel nach Amerika. Später produzierten Millionen Sklaven in Brasilien, der Karibik und den Südstaaten der USA die Baumwollmengen, die die rasant wachsende Verarbeitungsindustrie in Großbritannien benötigte. Beckert spricht hier von „Kriegskapitalismus“. Seine These, dass es sich dabei um eine notwendige Voraussetzung des Industriekapitalismus handelt, überzeugt indessen nicht. Schließlich schreibt er selbst, dass die ersten Fabriken ohne viel Kapitaleinsatz aufgebaut wurden. Doch abgesehen davon ist das Buch ein gut recherchiertes und spannendes Geschichtsbuch für alle, die verstehen wollen, wie die weltweite Textilindustrie entstanden ist und sich bis heute entwickelt hat.

    Sven Beckert, „King Cotton“, 525 Seiten, Beck Verlag, 29,95 €

    Gisela Burckhardt „Todschick. Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert“, 240 Seiten, Heyne Verlag, 12,99 €