Gesundheit

    ver.di-Aktion 162.000 für 162.000

    „Wir sind am Limit"

    Bundesweit stellen sich um 13 Uhr Beschäftigte aus Krankenhäusern vor ihre Kliniken, in den Händen halten sie Nummern. Von der Nummer 1 vor der Helios-Klinik in Schleswig bis zur Nummer 162.000 vor dem Klinikum Saarbrücken reichen die Zahlen. Mit diesem Aktionstag am 24. Juni will ver.di dem Personalmangel ein Gesicht geben, denn nach Berechnungen der Gewerkschaft fehlen derzeit 162.000 Stellen, davon allein 70.000 in der Pflege. ver.di-Bundesvorstandmitglied Sylvia Bühler sagt, die Gesundheitspolitiker hätten bislang nicht erkennen lassen, dass sie die Personalengpässe tatsächlich ernst nehmen.


    „Wer den Personalmangel kennt und nichts dagegen tut, nimmt die Gefährdung von Patienten wissentlich in Kauf“, so die Gewerkschafterin. Das geplante Krankenhausstrukturgesetz reiche nicht ansatzweise aus, um für eine ausreichende Versorgung im Sinne der Patienten und der Beschäftigten zu sorgen. Bei einer Tagung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern in Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) überreicht sie am Nachmittag des 24. Juni den „Bad Dürkheimer Appell“, in dem ver.di noch einmal die Forderung nach einer gesetzlichen Personalbemessung bekräftigt.

    Unterstützt wird die Aktion „162.000 für 162.000“ auch von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. So nehmen vielerorts auch die Geschäftsführungen der Krankenhäuser an dem Protest teil, so auch am Städtischen Klinikum St. Georg in Leipzig.

    Mehr als 300 vorm St. Georg in Leipzig

    Vor dem Städtischen Klinikum St. Georg in Leipzig stehen um punkt 13 Uhr 343 Männer und Frauen. Neben Beschäftigten aus vielen Abteilungen sind auch einige Patient/innen unter ihnen. „Wir haben für dieses Krankenhaus die Nummern 94.002 bis 94.344 ausgeteilt – die Kolleginnen und Kollegen stehen jetzt hier“, sagt Fachbereichssekretär Damian Putschli. Mit dabei auch Physiotherapeutin Grit Timm, die in ihrem Bereich die Personalnot täglich spürt: „Wir sind immer am Limit, unsere Dienstpläne sind mehr als eng gestrickt. Oft bleibt keine Zeit für Pausen.“ Das sagt auch ihre Kollegin Regina Hoppe, die in einer Außenstelle des Krankenhauses in einer ambulanten Physiotherapie arbeitet: „Wir sind einfach zu wenig Leute. Das kann nicht so weitergehen. Diese Arbeitssituation macht krank.“ Praktikantin Simone Blank nickt: „Auch ich spüre den Druck und bekomme mit, wie die Kolleginnen und Kollegen permanenten Stress haben.“

    Bettina Schwalbe, Colette Conrad und Kerstin Melasch berichten von Dauerstress im Krankenhaus. Gundula Lasch Protest in Leipzig

    Bettina Schwabe, Colette Conrad und Kerstin Melasch (von links nach rechts) von der Geburtshilfestation kommen direkt von der Arbeit zur Aktion heraus: „Durch die viel zu kurze Personaldecke können wir nur das Nötigste machen und schon lange nicht mehr so, wie wir uns das wünschen. Die Beratung bleibt auf der Strecke. Und wir sind im Dauerstress – das ist kein zumutbarer Zustand.“ Das meinen auch die Kolleginnen aus der Küche, die in ihrer Arbeitskleidung an der Aktion teilnehmen. Sylvia Schieche und Sylvia Böhm aus der Thoraxchirurgie umreißen ihre Situation so: „Zu wenig Pflegestellen, zu wenig Gehalt, wenig Anerkennung und keine Luft im Dienstplan. Das muss ein Ende haben!“

    „Die Finanzierung reicht vorne und hinten nicht. Wir können die benötigten Personen nicht einstellen, die wir zur Sicherung der Qualität dringend brauchen.“

    Iris Minde, Geschäftsführerin des Städtischen Klinikums St. Georg in Leipzig

    Sogar die Geschäftsführerin des Krankenhauses, Iris Minde, gesellt sich mit ihrer Nummer 94.151 zu den Beschäftigten und wird mit Beifall begrüßt: „Ich unterstütze die Aktion. Wir machen uns große Sorgen, denn die Finanzierung reicht vorne und hinten nicht. Wir können die benötigten Personen nicht einstellen, die wir zur Sicherung der Qualität dringend brauchen.“ Für die in Kürze beginnenden Tarifverhandlungen am Klinikum St. Georg stehe schon jetzt fest, in welch engem Rahmen man sich bewegen müsse. „Aus dieser Situation führt nur eine angemessene Krankenhausfinanzierung“, sagt Iris Minde.

    Nach zehn Minuten ist die wirkungsvolle Aktion vorm Klinikum vorbei. Diejenigen, die nicht in der Spätschicht arbeiten mussten, treffen sich um 16 Uhr auf dem Leipziger Augustusplatz zur zentralen Kundgebung „162.000 für 162.000“ wieder.

    Text: Gundula Lasch

    Weitere Infos zur Aktion und Fotos vom Aktionstag

    Vor dem Klinikum St. Georg in Leipzig machten sich Beschäftigte beim ver.di-Aktionstag für eine gesetzliche Personalbemessung stark. Gundula Lasch 162.000 für 162.000 in Leipzig