Tarifverhandlungen Handel 2015

    Ein Investor, der nicht investiert?

    Proteste gegen Karstadt-Unternehmenspolitik

    Die Entscheidung kam völlig unerwartet: Ausstieg aus der Tarifbindung. Zwar hatten vor Beginn der diesjährigen Tarifrunde im Einzelhandel die Arbeitgeber alle Tarifverträge gekündigt, doch dass ausgerechnet der Kaufhaus-Konzern Karstadt auch aus der Tarifbindung aussteigt, das wollen die noch 20.000 Karstadt-Beschäftigten nicht hinnehmen. Sie haben bereits in den vergangenen Jahren auf rund 650 Millionen Euro verzichtet, um nach der Übernahme durch den Investor Nicolas Berggruen ihr angeschlagenes Unternehmen zu retten und zu sanieren. Jetzt will Karstadt für die kommenden zwei Jahre keinen Tariflohn mehr zahlen. Die Beschäftigten reagieren auf die Unternehmenspolitik zu ihren Lasten mit Streiks und Protesten.


    Anfang Juni wurde noch geredet. Da führte Stefanie Nutzenberger, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für den Handel, ein Gespräch mit Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen über Managementfehler und die versprochenen, aber ausgebliebenen Investitionen. „Ich habe deutlich gemacht, dass der Ausstieg aus der Tarifbindung eine gravierende Verschlechterung für die Beschäftigten bedeutet“, sagte Nutzenberger. Berggruen habe sich die Erwartungen von ver.di und den Beschäftigten angehört. Darauf eingegangen sei er nicht.

    ver.di nutzte daraufhin am 7. Juni eine Veranstaltung in Berlin, an der Nicolas Berggruen teilnahm, für öffentlichen Protest. Gemeinsam mit der Gewerkschaft bereiteten Karstadt-Beschäftigte dem Eigentümer einen Protestempfang in Form einer „Großen Mahnwache“. Auch in Hamburg kam es zu Widerstand. Dort legten Anfang Juni die Beschäftigten zwei Tage den Betrieb im Bergedorfer Haus still, in zwei weiteren zeitweise. „Wir waren uns einig, dass wir aktiv werden müssen“, sagte dazu der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Wandsbeker Filiale, Thies Nowacki. Die Beschäftigten seien sauer, weil sie Opfer bringen sollen, während es im Management Fehlsteuerungen gebe und Berggruen keinen Cent ins Unternehmen stecke.

    ver.di will Karstadt weiterhin zur Rückkehr in den Flächentarifvertrag bewegen. Berggruen hatte 2010 beim Kauf von Karstadt noch vollmundig angekündigt, nur Zugeständnisse von den Vermietern zu fordern, aber keine weiteren Opfer von den damals 25.000 Mitarbeiter/innen. Stattdessen verzichteten die Karstadt-Beschäftigten auf zusätzliche Leistungen, tausende Arbeitsstellen wurden abgebaut. Berggruen hingegen hat so gut wie nichts unternommen, um den Konzern auf eine sichere Basis zu stellen.

    ver.di erwartet von Berggruen jetzt Transparenz über die Finanzströme zwischen Karstadt und seiner Stiftung. Der Investor müsse endlich investieren. Und das Karstadt-Management müsse die Strategie „Karstadt 2015“ überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Das Management müsse die Erfahrungen und Kompetenzen der Beschäftigten nutzen, sie wüssten am besten, was die Kundschaft will. Arbeitnehmervertreter/innen im Aufsichtsrat und im Betrieb müssten unverzüglich und umfassend über Entscheidungen zu Personalien und zur Strategie von Karstadt informiert werden. Die Proteste der Beschäftigten gehen unterdessen weiter.