Soziale Berufe aufwerten

    Aus Tanten wurden Erzieherinnen

    Menschen in sozialen Berufen zwischen Baum und Borke

    Ein Kommentar

    Von Heide Platen

    Manchmal braucht die Gegenwart einen Blick in die Vergangenheit. Ganze Berufe und Gewerbe verschwinden, Berufsbilder ändern sich seit der Industrialisierung rasant. Erste Kindergärten entstanden Ende des 18. Jahrhunderts, Landflucht und Industrialisierung veränderten Arbeits- und Familienstrukturen. Als Vater der Kindergärten gilt bis heute der religiös-mystisch orientierte Pädagoge Fröbel (1782-1852). Kindergärten waren im Laufe der letzten 200 Jahre vieles: Verwahranstalt, Instrument der Indoktrination während des Faschismus, immer auch Einrichtungen, in denen frühkindlich gesellschaftliche Normen, Konventionen und Fähigkeiten entwickelt werden sollten, zum Schlechten wie zum Guten.

    Erziehung im Kindergarten sollte, musste vorbereiten auf das Erwachsenenleben, je nach herrschender Ideologie: ergebene Untertanen, stramme Soldaten, harte Männer, vorbildliche Ehefrauen und Mütter, fromme Christen, Parteigenossen. Kindergarten um 1950, das waren in der BRD die „Tanten“, strenger Mittagsschlaf und Rundgesang. Es wurde noch immer in Zweierreihen angetreten und marschiert. Mädchen spielten mit Mädchen und Puppen, Jungen mit Jungen und Baggern. In der DDR spielten manchmal auch Mädchen mit Baggern, marschiert wurde ebenfalls. Und der Rundgesang reimte sich ebenfalls: „Wer ist mit uns jung geblieben? Walter Ulbricht, den wir lieben!“ Den Nachkriegsmüttern verschafften die Kindergärten in beiden deutschen Staaten den oft aus materieller Notwendigkeit entstandenen Freiraum zur Berufstätigkeit.

    Die Ausbildungsmöglichkeiten zur Erzieherin sind ein verwirrender Flickenteppich.

    Gravierenden Wandel brachten die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Prügel, drakonische Strafen und Drill kamen aus der Mode, wurden selber strafbar. Aus „Tanten“ wurden Erzieherinnen. Das Kindeswohl sollte fürderhin im Vordergrund stehen. Und damit wuchsen auch die Ansprüche in immer größerem Maße: Selbstbewusstsein, soziales Verhalten, Kreativität sollten gefordert und gefördert werden. Dazu kamen Entwicklung der Sprachkompetenz, frühes Verständnis und Toleranz gegenüber den verschiedensten Kulturen, Inklusion, Früherkennung von Familienproblemen, Vorschulerziehung, Betreuung von Schulkindern im Hort, von unter Dreijährigen in den Krippen. Da, wo Lehrer vor den schier unlösbaren Aufgaben, die ihnen die Gesellschaft stellte, oft resignierten und sich auf das krude Vermitteln von Wissen zurückzogen, stiegen gleichzeitig die Erwartungen an die Kitas.

    Erzieherinnen saßen, ebenso wie viele Kolleg/innen im Sozialberufen, Alten- und Kranken- und Behindertenpflege, Jugend- und Drogenhilfe, zwischen Baum und Borke: Kein Lehrberuf, aber auch keine akademische Ausbildung, wenig gesellschaftliche Anerkennung, zu niedrige Bezahlung, dafür aber immer mehr Verantwortung. Die Ausbildungsmöglichkeiten zur Erzieherin sind ein verwirrender Flickenteppich, dauern je nach Bundesland und Träger zwischen drei bis fünf Jahren. An vielen Fachschulen müssen die Absolvent/innen das Schulgeld selbst aufbringen. Ein geringes Entgelt gibt es nur im letzten Jahr beim Praktikum. Die Höherstufung der Tarifgruppen, die nach dem Wunsch von ver.di einer ungefähren Gehaltserhöhung von zehn Prozent entsprechen soll, bleibt da immer noch hinter einem angemessenen Entgelt zurück.