Soziale Berufe aufwerten

    Eine Erklärung

    Wir streiken für eure Kinder

    Von Petra Welzel

    Susanne B. ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert Erzieherin. In einer Berliner Kita, in der sie mit ihren 52 Jahren noch zu den Jüngeren zählt. Fast alle ihre Kolleginnen gehen auf die 60 zu oder haben sie schon überschritten. Nur eine der Erzieherinnnen ist noch wirklich jung, gerade mal Mitte 20 – aber auch schon oft überfordert. Doch nicht deshalb gehen Erzieher/innen bundesweit in einen unbefristeten Streik.

    Als vor sieben Jahren die schwarz-rote Regierung den Ausbau der Kitaplätze beschloss, damit jedes Kind ab dem 1. Lebensjahr einen Betreuungsplatz sicher hat, veränderte sich die Arbeit in der Berliner Einrichtung erheblich. Betreuten früher zwei Erzieherinnen maximal 18 Kinder in geschlossenen Gruppen, die sich nur im Spätdienst mischten, arbeiten Susanne und ihre Kolleginnen heute in sogenannten offenen Gruppen. Statt Gruppen, die sich Frösche oder Raupen nennen, gibt es jetzt ein Malatelier, eine Bastelwerkstatt, ein Spielzimmer, einen Bewegungsraum und mehr. Jede Erzieherin betreut nun die wechselnden Kinder in diesen Räumen, mal sind es mehr, mal weniger. Das heißt aber auch, sie müssen sich ständig auf neue Kinder einstellen, und andersherum die Kinder auf wechselnde Erzieherinnen. Feste Bezugspersonen – mit das wichtigste Kriterium in der frühkindlichen Entwicklung – gibt es nicht mehr. Und das merke man den Kindern inzwischen auch an, sagt die Erzieherin Susanne.

    Gefährliches Experiment

    Manchmal würden sie und ihre Kolleginnen „das Rad gern zurückdrehen“. Doch die Kitaleiterin schwört auf die offenen Gruppen. Fallen Erzieherinnen wegen Krankheit aus, hat sie keine Personalnot. Sie schließt einfach einen Raum oder auch zwei Räume. Dass sich dann in den anderen Räumen deutlich mehr Kinder tummeln und die Lage oft unübersichtlich ist für die Erzieherinnen – die Kitaleiterin will das Problem nicht sehen. Auch nicht die kleinen Unfälle, die sich mehren, sagt Susanne. Unlängst fiel ein gefährliches Experiment einer Gruppe von Kindern erst auf, als zwischen den Lampen, die sie aneinander rieben, ein Schwelbrand entstand. Es ist aber auch keine Gefahrenzulage, die Susanne und Erzieher/innen bundesweit derzeit fordern. Es geht um eine generelle Aufwertung ihres Berufsstandes, der sich natürlich nicht nur in Anerkennung, sondern auch finanziell niederschlagen soll. Wohl wissend, dass sich damit das Problem der dünnen Personaldecke in fast jeder Kindertagesstätte noch nicht löst.

    Viel anders geht es ihren Kolleg/innen in den anderen Bereichen der Sozial- und Erziehungsdienste auch nicht. Sei es in speziellen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, in denen Heilpädagogen diese Menschen tagtäglich fördern, um ihnen größtmögliche Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Oder in der Jugendarbeit, wo Sozialarbeiter/innen Jugendliche vor dem Absturz auffangen oder nach dem Absturz, zum Beispiel durch Drogen, zurückholen in ein Leben, das sie wieder selbst in der Hand haben und gestalten können.

    Bereits 20.000 der 240.000 Beschäftigten in den Sozial- und Erziehungsdiensten in öffentlichen Einrichtungen haben ihre Arbeit eingestellt. Und es werden noch viel mehr werden. Ihr Streik richtet sich zunächst gegen den Verband der Kommunalen Arbeitgeber, die in fünf vorangegangenen Verhandlungsrunden kein verhandelbares Angebot gemacht haben.

    Ziele, die etwas kosten

    Doch ihr Protest richtet sich auch gegen eine Politik, die seit Jahren immer mehr von ihnen fordert, aber die Kommunen nicht entsprechend mit Geld ausstattet. 60 Prozent der Kosten für Kindertagesstätten tragen die Kommunen, 20 Prozent die Länder und der Bund, für die weiteren 20 Prozent kommen die Eltern auf. So ist es mehr oder weniger in allen Ländern und Kommunen nach Vorgaben des 8. Sozialgesetzbuches geregelt. Auf den Bund entfallen derzeit lediglich etwa eine Milliarde Euro pro Jahr von den insgesamt 20 Milliarden Gesamtkosten. Der Sozialwissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Konstanz weist aber zu Recht in seinem Blog daraufhin, dass vor allem der Bund und die Sozialversicherungskassen von den Steuern und Abgaben der arbeitenden Eltern profitieren, die ihre Kinder in die Kitas geben. Und der Wissenschaftler bemängelt an gleicher Stelle auch, dass Deutschland noch immer nicht den Soll-Vorgaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gerecht wird, die für diesen vorschulischen Bildungsbereich eine finanzielle Mindestausstattung von einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes veranschlagt. Deutschland investiere gerade einmal 0,6 Prozent davon.

    Die fehlenden 0,4 Prozent könnten die jetzige Forderung der Beschäftigten in den Sozial- und Erziehungsdiensten locker finanzieren, zusätzliches Personal oben drauf. Aber bisher ist die Politik immer nur laut und großzügig im Verkünden von Zielen – kosten dürfen die nichts. Das würde kein Kind verstehen, versuchte man es ihm zu erklären. Deshalb erklären die Erzieher/innen wie Susanne und viele andere Beschäftigte in den Sozial- und Erziehungsdiensten jetzt auch nichts mehr, sie streiken – für die Kinder.

    Kita Foto: Uli Grohs Kita-Alltag – wenn nicht gestreikt wird