Alle Jahre wieder: Weihnachtsgeld

    Weihnachtsgeld ist kein Luxus

    Schön, wenn am Ende mehr drin ist

    Weihnachten zum Beispiel. Die Geschenke, der Weihnachtsbraten – alles kostet. Es soll ja schön sein. Ein tariflich vereinbartes Weihnachtsgeld kommt da gerade recht. Auch, weil gerade zur Weihnachtszeit meist die Versicherungen fällig werden. „Zuwendungen“ oder auch „Sonderzahlungen“ heißen sie offiziell, die Leistungen des Arbeitgebers wie Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und anderes. Wie und wann auch immer sie ausgezahlt werden, ob verteilt übers Jahr, zu Weihnachten oder als 13. Monatsgehalt - sie kommen meist zur rechten Zeit, aber sie fallen nicht vom Himmel. Über viele Jahrzehnte haben die Gewerkschaftsmitglieder dafür gekämpft – und heute müssen wir es oftmals gegen die Kürzungspläne der Arbeitgeber verteidigen. Denn die Zuwendungen sind für die meisten Beschäftigten kein Luxus, sondern sie werden gebraucht. Schauen wir, wie es begann mit dem Weihnachtsgeld.

    „In Anerkennung der geleisteten Überstunden“

    Schon vor rund 100 Jahren, als die Thyssen-Bergarbeiter 1918 in Duisburg-Hamborn erstmals für eine „Weihnachtsgratifikation oder Teuerungszulage“ streikten, ging es nicht etwa um kostspielige Extras zum Weihnachtsfest, sondern um die Linderung des ärgsten Mangels. Im November 1950 setzte die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, ÖTV, „zur Abwendung des bei den Bediensteten (...) durch die im Jahre 1950 eingetretene Teuerung hervorgerufenen Notstandes und in Anerkennung der geleisteten Überarbeit“ eine einmalige Zahlung in Höhe von 100 DM zu Weihnachten im öffentlichen Dienst durch.

    „Es ist ein unerträglicher und unwürdiger Zustand, dass in jedem Jahr der Streit zwischen Arbeitgebern einerseits und den Arbeitern, Angestellten und Beamten andererseits um die Zahlung von Weihnachtszuwendungen und deren Höhe entbrennt. Deshalb ist die Zahlung der Weihnachtszuwendungen durch Tarifvertrag oder Gesetz einzuführen.“

    DGB-Aktionsprogramm 1955

    Weil das Weihnachtsgeld eben kein Luxus, sondern für die Beschäftigten ein notwendiges Einkommen ist, das sie einplanen, haben die Gewerkschaften über die Jahre für seine tarifvertragliche Absicherung gekämpft. Damit sollte auch die willkürliche Verteilung des Weihnachtsgeldes durch die Arbeitgeber beendet werden. Als milde Gabe, auf die kein gesetzlicher und auch kein tarifvertraglicher Anspruch bestand, teilten die Arbeitgeber das Weihnachtsgeld nach Gutdünken zu – als „Ansporn zur Fortsetzung der Tätigkeit und weiterer Dienstbeflissenheit“, wie es im „Zentralblatt für Handelsrecht“ im Dezember 1929 hieß.

    Das Ringen währte lang. In der DDR gab es Anfang der 1950er Jahre ein Aufbegehren bis hin zu Streiks für eine gerechtere Verteilung der „Weihnachtsgratifikation“, später umbenannt in „Jahresendprämie“. Und in der Bundesrepublik stand 1955 im DGB-Aktionsprogramm zu lesen: „Es ist ein unerträglicher und unwürdiger Zustand, dass in jedem Jahr der Streit zwischen Arbeitgebern einerseits und den Arbeitern, Angestellten und Beamten andererseits um die Zahlung von Weihnachtszuwendungen und deren Höhe entbrennt. Deshalb ist die Zahlung der Weihnachtszuwendungen durch Tarifvertrag oder Gesetz einzuführen.“

    Einen gesetzlichen Anspruch auf Weihnachtsgeld gibt es bis heute nicht. Aber die Gewerkschaften sicherten es Zug um Zug in Tarifverträgen mit den Arbeitgebern ab. 1952 setzte die Gewerkschaft ÖTV erstmals einen Tarifvertrag über eine „Weihnachtszuwendung“ durch. 1954 erstritt die IG Metall das tarifvertraglich gesicherte Weihnachtsgeld für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie. Es folgte 1971 das Bankgewerbe, und 1974 setzte die IG Druck und Papier für die Druckindustrie das vertraglich verankerte Recht auf die „tarifliche Jahresleistung“ durch. Im Einzelhandel gelang dies erst 1980. Auch die jeweilige Höhe des Weihnachtsgeldes wird in den Tarifverträgen festgelegt, je nach Branche sind es im Schnitt zwischen 30 und 100 Prozent eines Monatseinkommens.

    Gewerkschaftsmitglieder sind beim Weihnachtsgeld im Vorteil

    Die Zahlung des „Weihnachtsgelds“ ist häufig an die Betriebs- beziehungsweise Branchentreue gekoppelt. Die Beschäftigten müssen das ganze Jahr im Betrieb sein und dürfen vor dem 1. April des folgenden Jahres nicht aus dem Betrieb ausscheiden. Dies ist nicht mehr zeitgemäß, da viele wegen der unsicheren Arbeitsverhältnisse – Befristungen, Leiharbeit – häufiger zum Wechsel des Betriebs gezwungen sind. Deshalb wurde und wird in vielen Bereichen die Bindung an die Betriebstreue abgeschafft. So gibt es Regelungen, nach denen das Weihnachtsgeld auf das monatliche Entgelt umgelegt wird. Dadurch ist am Ende mehr drin, egal, ob monatlich oder als Weihnachtsgeld oder Zuwendung.

    Laut Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichem Institut der Hans-Böckler-Stiftung (Auswertung WSI-Lohnspiegel-Datenbank Juli 2014 bis September 2015) sind Gewerkschaftsmitglieder beim Weihnachtsgeld eindeutig im Vorteil. Rund 66 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder bekommen regelmäßig Weihnachtsgeld, bei den Nicht-Mitgliedern sind es 51 Prozent. In Betrieben, in denen ein Tarifvertrag gilt, bekommen die Beschäftigten zu 72 Prozent ein Weihnachtsgeld. Ist der Arbeitgeber nicht tarifgebunden, können sich nur 42 Prozent über die Sonderzahlung freuen.

    Einen unmittelbaren Anspruch auf das tarifvertraglich geregelte Weihnachtsgeld haben nur die Gewerkschaftsmitglieder. Und das ist in Zeiten von großer Bedeutung, in denen immer mehr Arbeitgeber bei den sogenannten „Sonderleistungen“ wie Weihnachtsgeld kürzen oder die Höhe vom Unternehmenserfolg oder von der Leistungsbeurteilung der Beschäftigten abhängig machen wollen. Wir sagen: Die Beschäftigten brauchen ihr Weihnachtsgeld! Das von den Gewerkschaftsmitgliedern erkämpfte Weihnachtsgeld und die anderen tariflichen Leistungen sind es wert, sie zu verteidigen und zu sichern und nicht nur das!  Dabei ist eins gewiss: Je mehr Menschen wir in der Gewerkschaft sind, desto besser wird uns das gelingen.

    Text: Maria Kniesburges/Hartmut Simon/Wolfgang Pieper

    (Die Zahlen wurden 2015 aktualisiert im Vergleich zu einer früheren Textversion)

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