Arbeit

    Die soziale Verantwortung und wer sich davor drückt

    Air-Berlin – nach dem letzten Flug

    Der letzte Air-Berlin-Flug führte quer durch Deutschland von München nach Berlin. Am Freitag, 27. Oktober 2017, flog Air Berlin zum letzten Mal. Gegen Mitternacht warteten am Flughafen Berlin-Tegel zur Ankunft des letzten Fliegers tausende Mitarbeiter/innen in gelben Warnwesten, Gewerkschafter und Flughafenbeschäftigte. Was nach Feiern aussah, war ein trauriger Moment, denn längst wissen nicht alle Beschäftigten, wie es für sie weitergeht.

    Im Sommer hatte die Fluggesellschaft Air Berlin Insolvenz angemeldet. Insgesamt 8.200 Beschäftigte gerieten in Not um ihren Arbeitsplatz. Schnell wurde ein Gläubigerausschuss gebildet. Die Bundesregierung stützte das Insolvenzverfahren mit Finanzzusagen. Und der Flugbetrieb ging vorerst weiter. Erste Kaufinteressenten meldeten sich, darunter Lufthansa und Easyjet. Die Entscheidung aber, wer welche Teile bekommen sollte, war auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben worden, was ver.di kritisierte. Schließlich wollten die Beschäftigten bald wissen, was aus ihnen wird. Nun ist es gewiss: Air Berlin fliegt nicht mehr. Und für tausende Mitarbeiter/innen gibt es noch keine Perspektive.

    „Berliner Lösung“

    Die Gespräche zu einer großen Auffanggesellschaft zwischen Berlin, Bayern, Nordrhein-Westfalen und dem Bund scheiterten wenige Tage vor dem letzten Flug, am 25. Oktober. ver.di hat das Scheitern der gemeinsamen Transfergesellschaft bedauert und kritisiert. Doch wenigstens gibt es Teillösungen. So die am 26. Oktober gefundene „Berliner Lösung“. Sie trifft auch deshalb bei ver.di auf Zustimmung, weil nicht nur die Beschäftigten bei Air Berlin profitieren, sondern auch das Land Berlin etwas davon haben könnte, das dringend Fachkräfte suche und sie hier finden kann. Der Geltungsbereich der Lösung erstreckt sich auf 1.400 Bodenbeschäftigte, die nach und nach in die Transfergesellschaft gehen können.

    Air Berlin Technik

    Einen Tag nach der „Berliner Lösung“ gab es eine weitere Lösung für einen Teil der Beschäftigten bei Air Berlin Technik. Das Konsortium aus Zeitfracht und Nayak übernimmt Teile der Technik-Sparte. Rund 550 Beschäftigte bleiben dennoch unversorgt. Positiv sei aber, dass sich die Erwerber anscheinend für einen Betriebsübergang von Beschäftigten ausgesprochen haben, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. Damit stellen sie sich der sozialen Verantwortung. Das hätte sich die Gewerkschaft von allen Erwerbern gewünscht.

    Am 28. Oktober dann eine weitere gute Nachricht: Easyjet will einen Teil der insolventen Air Berlin kaufen und damit rund 1.000 Arbeitsplätze sichern. Easyjet werde mehr als 20 Maschinen übernehmen, heißt es. Und dabei soll es für die Beschäftigten keine materiellen Einbußen geben. „Das gibt sehr vielen Beschäftigten von Air Berlin eine reelle Chance und berufliche Sicherheit für die Zukunft", sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle.

    Es geht um Menschen

    ver.di hat von Anfang an alles daran gesetzt, die Arbeitsplätze zu erhalten und immer wieder betont, es dürfe nicht nur um Geld und Maschinen gehen, sondern auch die Interessen der Beschäftigten müssten im Gläubigerausschuss berücksichtigt werden. So forderte ver.di die Gläubiger und Kaufinteressenten immer wieder auf, sich der sozialen Verantwortung zu stellen und die Mitarbeiter/innen zu fairen Konditionen zu übernehmen. Und auch die Bundesregierung sah ver.di in der Verantwortung, Druck auszuüben, damit die Beschäftigten eine Zukunftsperspektive erhalten. Denn die 150-Millionen-Bürgschaft aus öffentlichen Finanztöpfen müsse auch an soziale Bedingungen geknüpft werden, sagte Christine Behle noch im August.

    Scharfe Worte hatte sie auch für die liberale Wirtschaftspolitik der EU-Kommission übrig. Diese habe „anscheinend kein Interesse an Fluglinien (...), die tarifliche und faire Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen gewährleisten“, sagte die Gewerkschafterin und kritisierte den ruinösen Wettbewerb auf Kosten von Löhnen und Arbeitsbedingungen. Auftragsvergaben ohne qualitative Vergabekriterien seien nicht hinnehmbar sowie das Zuordnen von Flugzeugen zu Briefkastenfirmen, um Steuervorteile zu erhalten. Problematisch sei auch, dass beispielsweise belgische Crews mit irischen Verträgen, zu irischen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen in Belgien fliegen. „Die EU muss von ihrer Politik der rücksichtslosen Liberalisierung und Deregulierung abrücken und stattdessen die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen“, sagte Behle.

    Einige Tausend Air-Berlin-Beschäftigte wissen noch nicht wie es beruflich weitergeht. Die Lufthansa hat sich zwar als Erwerber hervorgetan, doch was die Arbeitsplätze anbetrifft, aus der Verantwortung gezogen. „Die Lufthansa macht enorme Schnäppchen mit Flugzeugen und Slots“, sagte Behle am 23. Oktober, „aber für die Beschäftigten hat sie kein Geld übrig.“ Das Unternehmen wolle lediglich die Beschäftigten aus den nicht in Insolvenz gegangenen Tochter-Firmen Niki und Walter übernehmen. Und gemeinsam mit anderen Beschäftigten sollten sich die Air-Berlin-Mitarbeiter/innen auf rund 1.500 Arbeitsplätze bei Eurowings bewerben, so die Vorstellung der Lufthansa.

    E-Mail-Hotline

    Um die drängendsten Fragen der Beschäftigten zu beantworten, hat ver.di zusammen mit dem DGB-Rechtsschutz eine E-Mail-Hotline für ver.di-Mitglieder bei Air Berlin eingerichtet. Sie kann auch weiterhin unter airberlin@dgbrechtsschutz.de angeschrieben werden. Dazu unbedingt den zuständigen ver.di-Bezirk und die Mitgliedsnummer angeben!

    Air Berlin hat Insolvenz angemeldet. ver.di setzt alles daran, die Arbeitsplätze zu erhalten. Foto: dpa Bildfunk Air Berlin fliegt nicht mehr: Viele Beschäftigte wissen noch nicht, wie es für sie weitergeht

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