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  • Arbeit : „Blasen wir den Bertelsmännern den Marsch“

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Eine Stadt steht auf!

Um fünf nach zwölf Uhr mittags läuten die Kirchenglocken der evangelischen und der katholischen Kirchen in Itzehoe und der umliegenden Orte Kremperheide, Lägerdorf und Oelixdorf. Das Glockengeläut soll mahnen, zur Solidarität aufrufen und wachrütteln. Mehr als 2.000 Menschen sind den Glocken gefolgt. Es sei heute wie früher, wenn die Glocken zu einer ungeraden Zeit läuten, dann würden die Menschen zusammengerufen, sagt Martin Dieckmann, ver.di-Landesfachbereichsleiter Nord. Sie seien zusammengerufen worden, ruft er in die Menge, weil Not ist, die abgewendet werden muss.


Dass Not droht, ist den vielen Menschen auf dem Berliner Platz in Itzehoe bewusst. Zuvor waren Beschäftigte von Prinovis in einem langen Zug von ihrer Druckerei in die Innenstadt von Itzehoe gegangen, sehr viele Bürgerinnen und Bürger reihten sich ein. Im August 2014 soll der Druckstandort Itzehoe geschlossen werden – rund 700 Prinovis-Beschäftigte und mehrere Hundert Leiharbeitnehmer/innen und Beschäftigte von Werkvertragsunternehmen werden dann ihren Arbeitsplatz verlieren.

„Aufstehen, einander unterhaken, die Starke stützt den Schwachen, der Starke wartet auf die Schwache. Stärke kommt ab jetzt nur aus Gemeinsamkeit.“

Martin Dieckmann, ver.di-Landesfachbereichsleiter Nord

Für eine Kleinstadt mit nur rund 30.000 Einwohnern erlebt Itzehoe eine beeindruckende Kundgebung. „Ihr seid nicht allein – eine ganze Stadt, eine ganze Region ist mit Euch!“, ruft Martin Dieckmann den Menschen wieder von der Bühne auf dem Berliner Platz zu, und: „Dies ist der Tag, an dem wir diese Stadt so erleben, wie alle Euch am 6. Februar, bei der Verkündung der Werkschließung, erleben konnten: Aufstehen, einander unterhaken, die Starke stützt den Schwachen, der Starke wartet auf die Schwache. Stärke kommt ab jetzt nur aus Gemeinsamkeit.“ Alle sollen in die Verhandlungen für den Sozialplan einbezogen werden – unabhängig davon, ob sie direkt bei Prinovis angestellt, Leiharbeitnehmer oder Werkvertragsnehmer sind. Dies hat die ver.di-Mitgliederversammlung beschlossen. Außerdem werden Hilfen bei Umschulungen und Qualifizierungen, aber auch bei der Job-Vermittlung gefordert.

Schlechte Chancen, einen neuen Arbeitsplatz in Itzehoe zu finden, rechnet sich Doris Looft aus. Sie arbeitet seit 21 Jahren als kaufmännische Angestellte im Versand bei Prinovis. „Ich werde dieses Jahr 55 Jahre alt und hoffe jetzt auf eine Transfergesellschaft, die nicht nur für ein Jahr eingerichtet wird“, sagt sie und hält ein Schild hoch, auf dem sie Liz Mohn, Matriarchin von Bertelsmann für ihr Schicksal verantwortlich macht. Viele ihrer Kollegen zeigen Plakate mit ähnlichen Botschaften.

„Liz Mohn macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt“

Angegriffen wird nicht nur Liz Mohn sondern auch Thomas Rabe, Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender, und Prinovis-Chef Bertram Stausberg. Bertelsmann gehören 74,9 Prozent von Prinovis, den Rest hält die Axel Springer AG. „Liz Mohn macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt“ steht auf einem Plakat, auf dem sie als Pippi Langstrumpf dargestellt ist. Bertelsmann-Chef Thomas Rabe hatte seinen Platz als Äffchen Herr Nilsson auf ihrer Schulter.

Wenige Tage zuvor war eine Abordnung von rund 100 Beschäftigten nach Berlin gefahren, um dort vor der Bertelsmann-Dependance zu demonstrieren. Sie erreichten, dass Thomas Rabe aus dem Gebäude herauskam und sich ihren Fragen stellte. Konkrete Zusagen wollte er nicht machen. Aber er versprach faire Verhandlungen und einen angemessenen Sozialplan.

Mit Blick auf Berlin sagt Prinovis-Betriebsrat Torben Mey in Itzehoe, dass sich der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende an seinen Worten messen lassen muss. Er bezweifelt, dass Rabe unter „angemessen“ das Gleiche versteht wie die Betroffenen. Die Druckerei habe im vergangenen Jahr 3,8 Millionen Euro Plus im operativen Bereich erwirtschaftet. Der Beschluss zur Schließung sei auf der Grundlage von Planzahlen für das Jahr 2015 gefasst worden. Dies mache wütend. In dem Betrieb sei in den goldenen Jahren viel Geld verdient worden. Er kündigt an, „Frau Mohn daran zu erinnern, dass sie einen Teil ihres Geldes auf dem Konto nur für uns verwahrt hat und wir es jetzt gern zurück hätten.“

Noch wird in der Druckerei gearbeitet und nicht gestreikt. Ob dies die kommenden eineinhalb Jahre bis zur Schließung „so bleiben wird, wird maßgeblich davon abhängen, wie sich der Arbeitgeber in den Verhandlungen aufführt“, betont Torben Mey.

 „Tu etwas dagegen“

Nach Itzehoe ist auch eine Abordnung der Belegschaft der Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland (FTD) gereist, die erst kürzlich eingestellt wurde. Die FTD gehörte zu Gruner + Jahr, einer Tochterfirma von Bertelsmann. Falk Heunemann, Betriebsrat bei der FTD, berichtet, dass die Beschäftigten aus den Medien erfahren hatten, dass ihre Zeitung eingestellt wird. Von den vom Arbeitgeber versprochenen großzügigen und sozialen Lösungen sei in den Verhandlungen nicht viel übrig geblieben. Nachdem die Türen vom Verhandlungsraum geschlossen waren, schrumpfte die zunächst angekündigte Abfindungssumme von 40 Millionen Euro für die 350 FTD-Beschäftigten auf nur noch acht Millionen Euro. Eine Summe, die der ehemalige Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski allein als Abfindung erhalten hatte.

Gedämpfte Zustimmung erhält Reinhard Meyer, Minister für Wirtschaft und Arbeit des Landes Schleswig-Holstein. Er sagt, dass zwei große Konzerne – Bertelsmann und die Axel Springer AG – soziale Verantwortung tragen. Mit einem Zwischenruf „Tu etwas dagegen“, wird er auch an seine erinnert. Meyer fordert einen „Runden Tisch“, an dem sich alle Beteiligten zusammensetzen sollen, um auszuloten, was für die Region getan werden könne.

Eine Stadt steht auf: Protest bei Prinovis

<i>DPA Bildfunk</i><div class="clearfloat"></div><b>Eine Stadt steht auf: Protest bei Prinovis</b>Mehr als 2.000 Menschen soldarisierten sich in Itzehoe mit den Prinovisbeschäftigten

DPA Bildfunk Eine Stadt steht auf: Protest bei Prinovis Mehr als 2.000 Menschen soldarisierten sich in Itzehoe mit den Prinovisbeschäftigten


Konkrete, aber keine finanzielle Hilfe, bietet Probst Thomas Bergemann an. Die Kirchen würden Raum für Gespräche zur Verfügung stellen. Mit der Schließung „endet ein Weg, für den Sie alle Opfer gebracht haben“. Dies erscheine aus heutiger Sicht zynisch, denn es habe alles nichts genützt.

„Die Schließung von Prinovis bringt Not über diese Stadt, über diese Region.“

Helmut Seifert, Vorstandvorsitzender des Einzelhandelsverbandes Wir für Itzehoe e.V.

Die Folgen der Schließung wird nicht nur die Stadt Itzehoe, sondern die ganze Region spüren. Die Kaufkraft der Beschäftigten wird in der Kleinstadt fehlen. Auch zahlreiche Lieferanten vom Bäcker bis zum Schlosser werden auf Umsätze verzichten müssen, die für die kleinen Betriebe lebensnotwendig sind. Helmut Seifert, Vorstandvorsitzender des Einzelhandelsverbandes Wir für Itzehoe e.V. verweist auf die rund 200 Geschäfte im Ort: „Die Schließung von Prinovis bringt Not über diese Stadt, über diese Region.“ Alle seien davon betroffen. Bereits am Vortag hatten Geschäftsleute Trillerpfeifen an ihre Kunden verteilt. Sie sollen ihrer Wut lautstark Ausdruck verleihen können. Oder mit Helmut Seiferts Worten: „Blasen wir den Bertelsmännern den Marsch!“

Text: Silke Leuckfeld

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