Arbeit

    Die Künstlerinnen von der Endmoräne stellen aus

    Zum Betriebsballett nach Wittenberge

    „Heimat“ steht ganz fett in Schwarz auf den knallroten Overalls, die an einer Kleiderstange in Reih und Glied von der Decke hängen. In einer Art Garage in einer ungefähr fußballfeldgroßen Fabriketage der ehemaligen Singer- beziehungsweise Veritas-Nähmaschinenwerke in Wittenberge. Die Ganzkörperanzüge sehen so aus wie die Overalls, die man zum Schutz vor Strahlen anziehen muss, wenn man einen Reaktor betritt. Hier, in der mehrfach unterteilten, teils ziemlich maroden Fabriketage, strahlen allein diese Anzüge. Der Super-GAU hat längst stattgefunden. Die roten Overalls erinnern daran, genauso wie ein paar Meter weiter die auf eine Fensterscheibe der Halle gepinselte Frage: „Wo sind die Wittenberger?“ Stellen tut sie die Künstlerin Rotraud von der Heide, die mit 23 anderen Künstlerinnen auch in diesem Sommer unter dem gemeinsamen Kollektivnamen Endmoräne einen Ort, eine Brache erobert hat, um ihn für die Öffentlichkeit wieder mit Leben und Geschichten zu erfüllen.

    „Wo sind die Wittenberger geblieben...? “ von Rotraud von der Heide Ka Bomhardt „Wo sind die Wittenberger geblieben...? “ von Rotraud von der Heide


    So wie eine Endmoräne in der Landschaft durch Abschmelzen von Gletschern vordringt und sich festsetzt, wandern auch die Künstlerinnen des Kollektivs von Berlin aus ins Umland und stoßen dabei immer weiter vor in Lücken, die sie mit einem immer ganz besonderen Zugang zur Landschaft, dem Ort oder den Menschen, die dort leben, besetzen. Und so hat sich Rotraud von der Heide gefragt, wo eigentlich die ganzen Wittenberger Familien geblieben sind, die hier seit 1904, als der amerikanische Nähmaschinenhersteller Singer die ersten Werkhallen eröffnete, fast über ein ganzes Jahrhundert hinweg Arbeit gefunden haben. Sie haben sich in die Welt verstreut, wie die Aussagen und Fotos auf der den Fenstern gegenüberliegenden Wand bezeugen.

    Der Verlust von Arbeitsplätzen ging wie in so vielen Orten Ostdeutschlands mit der Wiedervereinigung einher. 1992 wurden die Produktion eingestellt und das Werk abgewickelt. Bis dahin hatten tausende Beschäftigte in dem nach dem 2. Weltkrieg gegründeten volkseigenen Veritas-Betrieb über 7 Millionen Nähmaschinen produziert und ein Auskommen gehabt. Das wurde ihnen mit der Abwicklung entzogen wie ein fertig genähtes Kleidungsstück einer Nähmaschine.

    „Zeitschnitte“ von Ka Bomhardt Ka Bomhardt „Zeitschnitte“ von Ka Bomhardt


    Es ist fast allen Arbeiten in dieser Ausstellung mit dem bedeutungsvollen Titel „Verflixt und zugenäht“ eigen, auf irgendeine Art und Weise den Zusammenhang zwischen dem Ort und seiner vielfältigen Geschichten wieder sichtbar zu machen. So hängen jetzt zwar die roten Overalls in der Fabrik nur noch auf Kleiderbügeln, aber zuvor hatte die Künstlerin Kerstin Baudis noch Schüler/innen des Oberstufenzentrums Wittenberge, das in den ältesten Gebäuden der ursprünglichen Singer-Werke untergebracht ist, für eine Performance damit bekleidet. „Ich bleibe“ heißt das ganze Projekt, das in einem Video in der Ausstellung dokumentiert ist.

    Der Besuch der Ausstellung gleicht einer Entdeckungsreise auf den Spuren von Nadeln, Fäden, Schuhen und Stoffen. Die Endmoränen-Künstlerinnen haben diese aufgegriffen, haben teils neue Spuren daraus gelegt, teils raumgreifende, beeindruckende Installationen arrangiert und vor allem viel Raum für Assoziationen geschaffen.

    Der Weg nach Wittenberge lohnt sich also. Und wer ihn gefunden hat, sollte auf keinem Fall die Performance „Betriebsballett“ von Gunhild Kreuzer verpassen, die sie mehrmals am Tag aufführt. Die Geschichte, die sie rund um die Vorarbeiterin Frau Hammerschmidt, ihrem vollautomatisierten Drehstuhl und ihrem Selbstreflexionssystem spinnt, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Hammer!

    Text: Petra Welzel

    Die Ausstellung ist noch zu sehen am 5./6. Juli und 12./13. Juli von 13-18 Uhr.

    Ort: ehemalige Singer/Veritas Nähmaschinenwerke, Bad Wilsnacker Str. 48, 19322 Wittenberge

    www.endmoraene.de

    „Goldstaub“ von Dorothea Neumann Ka Bomhardt „Goldstaub“ von Dorothea Neumann

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