ver.di

    Verständnis für den Streik

    „Die Leute verdienen es, mehr zu verdienen“

    Fluggastkontrolleurin Karin Jenek Bernd Hartung Fluggastkontrolleurin Karin Jenek

    Karin Jenek (53) ist Fluggastkontrolleurin am Frankfurter Rhein Main Airport, seit 13 Jahren dabei. Sie hat diese Nacht kaum geschlafen, Spätdienst gestern und dann früh aufgestanden für den Warnstreik, der um 3.30 Uhr nachts begonnen hat. Ihre blauen Augen blitzen, der dunkle Pferdeschwanz schwingt. Die ver.di-Vertrauensfrau ist ganz und gar dabei. Morgens um sieben Uhr steht sie am Tor 3 vor der Hauptverwaltung ihres Arbeitgebers, der Fraport AG: „Ich hoffe das alle draußen sein werden.“ Aus ihrem Bereich seien fast alle zur Kundgebung und Demonstration gekommen. Der Warnstreik werde sicher ein Erfolg, sagt Fraport-Betriebsratsvorsitzende Claudia Amier. Die Beteiligung werde, prophezeit sie, auch insgesamt „mit Sicherheit bei 90 Prozent“ liegen. Aufgerufen sind vor allem der Bodenverkehrsdienst, die Frachtabfertigung und die Kontrolldienste.

    90 Prozent der Beschäftigten am Frankfurter Flughafen sind beim Warnstreik dabei Bernd Hartung 90 Prozent der Beschäftigten am Frankfurter Flughafen sind beim Warnstreik dabei


    Konzern-Betriebsratsvorsitzender Edgar Stejskal, seit 44 Jahren im Unternehmen, erklärt die schwierigen Strukturen bei Fraport. Die seien eine Folge der „Liberalisierungspolitik, die uns in den Wettbewerb gestellt hat“. Tarifverhandlungspartner im Öffentlichen Dienst sei die Kommune Frankfurt, aber immer mehr Bereiche seien teilprivatisiert und das schaffe „konkurrierende Tarifstrukturen“.

    „Wir werden biologisch abgebaut.“

    Karin Jenek, 53, Fluggastkontrolleurin am Frankfurter Rhein Main Airport

    Das, bestätigt Karin Jenek, sei ein Problem. In ihrer Abteilung hätten die meisten der Angestellten die alten Verträge und seien über 50 Jahre alt: „Wir werden biologisch abgebaut“ Sie sieht den Öffentlichen Dienst als Gemeinschaftsaufgabe. Er sei „für alle Leute da“. Und das sei unverzichtbar und müsse „entsprechend honoriert werden“. Bestätigung erfährt sie von Christine Behle, die für den ver.di-Bundesvorstand gekommen ist: „Ihr seid es, die den Staat lebensfähig machen.“

    Aus Solidarität dabei

    Die Parolen sind laut und knapp: „Wir wollen mehr Geld“ skandieren die am frühen, kühlen Morgen noch rund 1.000 Teilnehmer, die gegen neun Uhr über den Flughafenring zum Terminal 1 ziehen. Sie folgen den drei rotweißen Einsatzwagen der Flughafenfeuerwehr, die, von Trommelmusik und Trillerpfeifen begleitet, unter großem Jubel zum Kundgebungsbeginn nach einer Demonstration im Innenbereich auf dem Vorfeld angerollt waren. Besonders begrüßt werden auch die Kollegen der privaten Sicherheitsdienste, die im Februar streikten und am Vorabend ihren Tarifabschluss feiern konnten. Sie demonstrieren aus Solidarität mit. Auch kleinere Gewerkschaften wie die Beamtengewerkschaft komba haben sich dem ver.di-Aufruf angeschlossen.

    Ganz entspannt: Zum Aufwärmen gehen die Streikenden am Frankfurter Flughafen ins Fraport-Verwaltungsgebäude Bernd Hartung Ganz entspannt: Zum Aufwärmen gehen die Streikenden ins Fraport-Verwaltungsgebäude


    Im Flughafengebäude, Terminal 1, ist es an diesem Morgen ungewohnt ruhig. Wenige Fluggäste verteilen sich auf der großen Fläche, an kaum einem Schalter bilden sich Schlangen. Die Anzeigetafeln zeigen zu 90 Prozent annullierte Flüge, bunt gemischt, Inland, Europa, weltweit. Fraport teilt mit, dass während des gesamten, elfstündigen Streiks zwischen 3.30 und 14.30 Uhr 550 der 1.300 An- und Abflüge seit Flugbeginn um fünf Uhr gestrichen worden seien. Das Ehepaar Müller steht mit übervollem Gepäckwagen vor dem Check in der Singapore Airlines in Halle C. Sie freuen sich und lachen, denn ihre Maschine wird starten. Alles sei „prima“, die Anfahrt ein Vergnügen gewesen wegen der leeren Straßen: „Das war wie Sonntagvormittags.“ Glück gehabt, aber wenn nicht, so Thomas Müller, hätte er auch „Verständnis für den Streik“ gehabt. „Die Leute verdienen es, mehr zu verdienen. Das wollen wir doch alle.“

    „Wir haben doch Zeit.“

    Reisende am Frankfurter Flughafen

    Ein paar Meter weiter checkt eine Reisegruppe, vorwiegend im Rentenalter, ein nach Istanbul. Das Verständnis ist etwas geringer, die Stimmung aber auch hier gelassen. Auf Anraten des Reiseveranstalters seien sie schon vier Stunden vor dem planmäßigen Start um 11.50 Uhr angereist. Der Abflug werde sich jetzt bis voraussichtlich 16 Uhr verzögern. Kaffeetrinken waren alle schon. Jetzt werde es „langweilig“. Eine Teilnehmerin findet den Streik „etwas überzogen“. Aber, sagt eine andere, als Rentnerin komme es ihr nicht so auf den einen oder anderen Urlaubstag an: „Wir haben doch Zeit.“

    Verärgerte Stimmen sind seltene Ausnahmen. Herr Ziller nennt den Streik eine „Sauerei“. Er als Fluggast garantiere doch erst die Arbeitsplätze: „Man soll die Hand nicht schlagen, die einen füttert.“ Die Diskussion wird, auf den Sitzbänken verteilt, zu Erzählrunden über eigene oder die Reiseabenteuer von Bekannten und Verwandten: von Streiks im Ausland, ausgefallenen Flüge während des isländischen Vulkanausbruchs und von den tollen Hotelzimmern, die kulante Fluggesellschaften bei Flugausfällen zur Verfügung stellten.

    Dass die Fraport ihren Notdienst diesmal gut organisiert habe, bestätigt auch Betriebsratsvorsitzende Amier. Der sei im Vorfeld „von beiden Seiten einvernehmlich und gut organisiert worden“. Nur die Anzeigentafeln, die sind ein wenig eilig geraten beim Wort „annulliert“: Annullhert, Annulibrt, 6Annumier, Annlieqt“. Aber auch das gibt sich, nach den zahlreichen Ausfällen am späten Morgen, zur Mittagszeit hin. Gewerkschaftssekretär Uwe Schramm ist am Ende der Demonstration und des gutvorbereiteten und sanften Warnstreiks hochzufrieden. Die Beteiligung habe tatsächlich bei 90 Prozent gelegen: „Unsere Erwartungen wurden noch übertroffen.“

    Text: Heide Platen